Bob Dylan

A–Z Der 75-jährige Universalkünstler bekommt den Literaturnobelpreis verliehen. Unser Wochenlexikon vom Dylanologen Rüdiger Dannemann
Rüdiger Dannemann | Ausgabe 20/2016 5

A

Alias (Don’t look back) Bob Dylan (im Folgenden „D.“ genannt) ist nicht zu fassen, ist immer ein Anderer. Sein Motto: I’m not there. Zuerst eine Art Hobo, wurde er die Stimme der 68er, deren Schwächen antizipierend (My Back Pages, 1964), dann zum surrealen Rock-Dandy, von alten Fans als Betrüger attackiert. Er erlebte Woodstock nicht auf der Bühne, sondern in einem Landhaus als family man, wurde Christ, litt unter Schreibblockaden (What Good Am I?, 1989), um seit 1997 ein Spätwerk von Rang zu kreieren (➝ TOoM).

1990 versuchte ich in einem Sammelband, den Avantgardismus von D.s Revolutionierung von Folk und Rock zu fassen. Inzwischen betätigt er sich eher als Archäologe der amerikanischen Musik, etwa in Theme Time Radio Hour (2006 – 2009), wo Bertolt Brecht, Sylvia Plath und William Shakespeare auf Buddy Holly, L. C. Smith and His Southern Playboys und Frank Sinatra treffen.

C

Chronicles In einer privaten E-Mail vom 23.04.2016 lobt Richard Klein (➝ Fans & Dylanologen) D.s Entschluss, sein Privatarchiv an die University of Tulsa zu geben, statt es auf Auktionen zu verhökern. Zu Recht. Klein schreibt: „In der heutigen ‚Spaßgesellschaft‘ ist der akademische Anspruch übrigens nicht das Problem. Es sagt einiges aus, dass der Alte seinen Nachlass einer Universität überlassen hat und keinem Fanclub. Und dass die angeblich so ‚subversiven‘ Bootlegs inzwischen ganz offiziell Züge einer ‚historisch-kritischen Ausgabe‘ angenommen haben.“ D. verfügte stets über historisches Bewusstsein. In Chronicles. Volume One (2004) berichtet er, dass er neben Kerouac, Corso, Ginsberg auch Thukydides und Clausewitz studierte – und „die Gegenwart der Literatur mit einer Macht, vor der auch der verstockteste Ignorant kapitulieren musste“, verspürte. In der New Yorker Public Library fing er an, Zeitungen von 1855 bis ca. 1865 auf Mikrofilm zu lesen, voller Interesse an Sprache und Alltagsleben jener Epoche. Ihn faszinierte, dass Folksänger in wenigen Strophen den Inhalt eines Buches erzählen konnten.

D

Desolation Row In seinen ➝ Chronicles verrät D. ganz unprätentiös sein Telos: Songs sollen alles enthalten können – neben dem Alltag das Erhabene, neben dem Privaten das große Ganze, neben dem Menschlich-Allzumenschlichen das Metaphysische. D. verfolgt das Projekt Songwriting als Weltliteratur. Unter Integration von klassischer Antike (auf Tempest etwa jene von Ovid und Homer), Petrarca (auf Blood on the Tracks) – und seit Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again immer wieder mit Texten von Shakespeare, dessen 400. Todestag wir derzeit begehen.

Doch D. bleibt umstritten („Plagiator“), immer dubios („genialer Dilettant“), immer irgendwie Outlaw („falscher Prophet“). Auch wenn er 1991 den Lifetime Award bei den Grammys erhielt (und eine anarchische Version von Masters of War darbot) oder ihn Obama, zu dessen „Yes we can“ der Sarkasmus von It’s All Good (2009) so gar nicht passen will, im Weißen Haus empfängt. Wie hieß es schon 1965: „Don’t send me no more letters no / Not unless you send them / From Desolation Row.“

F

Fans & Dylanologen D.-Fans haben keinen besonders guten Ruf. In literarischen Beschreibungen (und D. ist nicht selten Gegenstand von Romanen) werden sie als nicht mehr gertenschlank, besserwisserisch, sektiererisch, überwiegend männlich geschildert. Zudem gibt es die Spezies der Dylanologen, die man auf dem Dylan-Kongress 2007 in Frankfurt erleben konnte (vgl. Kongressband bei Suhrkamp). Als Axel Honneth seinen 65. Geburtstag feierte, erhielt er als Geschenk eine Erstausgabe der Rechtsphilosophie Hegels und die Bootleg Series. Schließlich noch meine Top Five der Dylanologie: Sean Wilentz, Michael Gray, Greil Marcus, Christopher Ricks, Paul Williams. Zudem behaupten sich mit Heinrich Detering und Richard Klein zwei deutschsprachige Exegeten. Natürlich sind diese „lost souls“ (O-Ton D.) inzwischen selbstreflexiv geworden (vgl. David Kinney: The Dylanologists).

I

Israel D.s Beziehung zum Judentum ist intim und kompliziert. Bereits in seinen frühen Songs finden sich alttestamentarische Allusionen, zuweilen in sarkastischer Form (Highway 61 Revisited), die sich in Reflexionen des Abraham-Isaak-Narrativs seit Kierkegaard (➝ philosophische Brocken) einreihen. D. bemühte sich einst um die Aufnahme in einen Kibbuz, konvertierte dann aber zum Christentum. Dennoch feiert ihn das Museum of Jewish People in Beit Hatfusot als „one of the 20th century’s most influential Jews“. Denn, so Kurator Asaf Galay: „D.s Jewish roots are indelible.“ Die sind zwar alles andere als orthodox, als „jüdischen Indianer“ (Wilfried Mellers) will man D. dennoch ungern apostrophieren.

M

Masterpieces When I Paint My Masterpiece (1971): Das Lied widerlegt die Sage, D. besitze keinen Humor, keinen Sinn für Selbstironisierung. Es machte zudem darauf aufmerksam, dass er zeitlebens gezeichnet hat. Im November 2007 fuhr ich in die ostdeutsche Provinz, nach Chemnitz, zur Eröffnung der ersten D.-Ausstellung weltweit. Ein Vertreter der US-Botschaft eröffnete hochoffiziös das Spektakel. Nach den unvermeidlichen Reden verblüffte die Schau im positiven Sinne.

2010 bestätigte sich dieser Eindruck im Kopenhagener Statens Museum. Es gab auch Experten-Kritik, etwa als D. 2011 in der Gagosian Gallery seine Asia Series ausstellte. Es wird dauern, den Gesamtkunstwerker D. adäquat zu erfassen: Songwriter, Maler, Filmemacher, Sänger und Anti-Sänger, Chronist, Poet (Alias). Dennoch es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann seine erste MoMA-Ausstellung kommt. Wie sagte Larry Gagosian zu Mick Jagger: „Mick, you got it wrong. I’m not showing Tony Bennett, I’m not showing Joni Mitchell. Bob Dylan kind of breaks the mold; there’s no other Bob Dylan.“

Melancholy Mood Auch heute scheiden sich an D. die Geister. Edo Reents fiel in der FAZ zu D.s Sinatra-Covers nur ein Kalauer ein: „Einmal Seniorenteller, bitte.“ Genauer hörte Heinrich Detering zu und spürte D.s Weg von Petrarca zu Sinatra nach. Manchmal muss man sich eben die Mühe machen, „the low hum in meters & syllables“ aufzuspüren, in der wohlüberlegten Abfolge der Fremdkompositionen „einzelne Abschnitte eines fortgesetzten Monologs“ zu entdecken. D. ist inzwischen so groß geworden, dass er sich verbeugen kann, ohne an Statur zu verlieren.

Auf dem neuen Album Fallen Angels (2016) gilt sein Respekt Songwritern wie Johnny Mercer, Harold Arlen oder Carolyn Leigh, deren melancholischen Kompositionen er neues Leben einhaucht. Schon Blowin’ in the Wind war übrigens nicht frei vom Bewusstsein der Vergeblichkeit (➝ Desolation Row). Ebenso ist es, wenn er heute (in Beasley Smiths und Haven Gillespies That Lucky Old Sun) vom Paradies singt. Wie schon 1968 in der Ballade von Frankie Lee and Judas Priest, die mit den Worten endet: „And don’t go mistaking Paradise / For that home across the road.“

R

Revolution in the Air Nach D. war alles anders: Songs mussten nicht mehr drei Minuten kurz und voll von Allerweltsinhalten sein. Theodor W. Adornos Diktum „Die Welt der Unterhaltung ist die Unterwelt, die sich für den Himmel ausgibt“ schien überholt. Dann begann D. mit Country-Adaptionen, der Johnny-Cash-Freund verärgerte mit einem Cover-Album, das er dazu noch Self Portrait (1970) nannte und das den Kulturkritiker Greil Marcus im Rolling Stone zu einem der schönsten Verrisse der Popgeschichte inspirierte. In D.s Stimme ist das Subversive schon eingepflanzt. Selbst in seinen Gospelsongs ist das Unangepasste präsent. In der Stimme des Kojoten synthetisieren sich US-amerikanische und alttestamentarische (➝ Israel) Kultur als (noch) mögliche Ausdrucksform der Erlösungssehnsucht und -bedürftigkeit.

T

TOoM D. war mal wieder totgesagt, als er 1997 TOoM veröffentlichte. Eine tiefschwarze Absage an zu optimistische Blicke auf die Conditio humana (➝ Melancholy Mood). Neil Young hat in einem Song dem auratischen Augenblick ein Denkmal gesetzt, als er erstmals Like a Rolling Stone hörte. Ähnlich erging es nicht nur mir, als ich erstmals Not Dark Yet begegnete. Masked and Anonymous übersetzt die private Verdüsterung ins Soziale und Reflexive. Heinrich Detering hat in seiner Studie Die Stimmen aus der Unterwelt gezeigt, wie D. in seinem modernen Mysterienspiel die Aussicht auf ein diktatorisches Amerika dramatisch ausbuchstabiert – ein vielschichtiges Projekt, das die fintenreich de- und rekonstruierende Collagenkunst von Love and Theft (2001) in Filmsprache übersetzt.

P

Philosophische Brocken Schon lange gibt es den Sammelband Bob Dylan and Philosophy von Peter Vernezze und Carl J. Porter. Das verwundert vielleicht Leute, die sich schon immer über D.s Ruhm geärgert haben (vgl. taz vom 24. Mai 2011), ergibt aber Sinn in Zeiten, in denen für die zünftige Philosophie Ludwig Wittgensteins Diktum gilt, „dass selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind“.

Bei D. finden sich keine Rezepte, aber in seinen wichtigsten Konzeptalben – The Times They Are A-Changin’, John Wesley Harding, Blood on the Tracks, Love and Theft, Tempest (➝ Zusammenfassung) – finden sich profunde Gegenwartsdiagnosen und experimentelle Vorschläge für den Umgang mit den Pathologien der (Post-)Moderne. Er beschreibt, wie Lebensformen dysfunktional werden. Sein Werk präsentiert keinen System-Monismus à la Hegel, sondern eine Serie von philosophischen Brocken, von Lebensentwürfen, die Problemkonstellationen zu dechiffrieren helfen und Lernprozesse befeuern.

Z

Zusammenfassung (Top Ten) Im Fall von D. kann man sich mit einer kurzen Summary nur blamieren. Deshalb abschließend (m)eine D.-Bestenliste: 1. Highway 61 Revisited, 1965 (oder Blonde on Blonde, 1966. Oder noch besser: The Cutting Edge 1965 - 1966. Collector’s Edition – dokumentiert auf 18 CDs) 2. Never Ending Tour (seit 7. Juni 1988, fast gleichauf die theatralischen Inszenierungen der Rolling Thunder Revue von 1975/76) 3. A Hard Rain’s A-Gonna Fall (von The Freewheelin’ Bob Dylan, Mai 1963) 4. John Wesley Harding, 1968 (die großartigste kafkaeske Parabelsammlung der Rockgeschichte)

5. Chronicles, 2004 (pulitzerpreisgekrönt und so ganz anders als das frühe Prosawerk Tarantula, 1971) 6. Highlands (auf TOOM, 1997. Genau so böse wie Idiot Wind von Blood on the Tracks, 1975) 7. Tempest, 2012 (Dylans definitive Willie the-Shake-Revision) 8. Masked and Anonymous, 2003 (am besten unter Heranziehung des Screenplays sowie Dylans früherer (Ko-)Regiearbeiten Eat the Document, 1971 und Renaldo and Clara, 1978) 9. Konzert vom 1. Juli 1978 auf dem Nürnberger Zeppelinfeld (oder doch live in Manchester, 17. Mai 1966) 10. New Orleans Series, Mailand 2013 und New Orleans, 22. – 31.07. 2016 (oder doch The Drawn Black Series, 2007).

11:00 24.05.2016

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