Bob Dylan, der Film

KINO I Todd Haynes bittet in "I´m not there"zum Maskenball, aber am schönsten ist doch die Musik

Bob Dylan, den Mann mit den vielen Masken, in einer Filmbiographie von sechs Schauspielern, darunter einer weißen Frau und einem schwarzen Jungen, darstellen zu lassen - was für eine elektrisierende Idee. Leider ist es dabei geblieben - bei der Idee. I´m not there ist ein, von gewissen Momenten abgesehen, überambitionierter, oft konfuser und in mancher Sequenz unfreiwillig komischer Film.

Todd Haynes hat sich für eine nicht-lineare Erzählweise entschieden. Godard ist sein Vorbild. Er montiert die den verschiedenen Schauspielern zugeteilten Episoden in ständigem Wechsel vorwärts und rückwärts auf der Zeitachse, mal in Farbe, mal in Schwarzweiß. Es treten auf in der Reihenfolge ihres Erscheinens:

Marcus Carl Franklin als Woody Guthrie. Seine Episode steht für die Jahre, in denen Dylan sich, folgt man seiner Selbststilisierung, als Hobo herumgetrieben hat.

Christian Bale als Jack Rollins. Ihm sind zwei Zeitabschnitte in Dylans Leben zugeteilt. Er spielt den Provinzbengel, der in New York City aufschlug, um dort, wie er in den Chronicles, seiner Autobiographie, schreibt, seine "Lehrjahre" zu absolvieren. Und er spielt in der Rolle von Pastor John den fundamentalistischen Born-again-Prediger auf dem Höhepunkt seines religiösen Wahns.

Ben Wishaw als Arthur. Er rezitiert in die Kamera poetisch rebellische Lebensweisheiten und repräsentiert dabei Bob Dylan und Arthur Rimbaud in einer Person.

Cate Blanchett als Jude Quinn. Sie steht für den Erneuerer Dylan, der 1965 auf dem Folkfestival in Newport zur elektrischen Gitarre griff und damit in den Augen der Folkfans politischen Verrat beging.

Heath Ledger als Robbie. Er spielt einen Schauspieler, der in dem Film Grain of Sand den Sänger Jack Rollins gespielt hatte. Er ist der Liebhaber von gleich zwei in Dylans Leben wichtigen Frauen. Und schließlich:

Richard Gere als Billy, der als einsamer Cowboy durch die Gegend zieht, auf der Suche nach etwas, was sich dem Zuschauer nur schwer erschließt. Der Name Bob Dylan taucht in diesem Line-upund im Film nicht ein einziges Mal auf: He´s not there.

"Bobby" Zimmerman, der sich erst später Bob Dylan nennen sollte, mit einem schwarzen Jungen zu besetzen, ist nicht nur eine großartige Idee, sie entspricht auch Dylans Denkweise. So überlegt er in den Chronicles, ob Denzel Washington in einem Film über Woody Guthrie wohl dessen Rolle übernehmen könnte. Und kommt zu dem Schluss: "In meiner Dimension der Wirklichkeit ganz bestimmt."

Marcus Carl Franklin ist die Entdeckung des Films. Ihm gelingt eine naiv-unbefangene Darstellung des Sängers in seinen frühen Jahren, der nur eines im Sinn hat: nach oben zu kommen. Franklins jungenhafter Gesang kann sich hören lassen. Die Szene, in der er gemeinsam mit Richie Havens den Tumb Stone Blues singt und spielt, ist musikalisch wie szenisch einer der raren Höhepunkte des Films. Um bei der Musik zu bleiben: Einen tiefen, lange nachklingenden Eindruck hinterlässt das Lamento, das Jim James - begleitet von der Gruppe Calexico - mit Goin´ to Acapulco anstimmt.

Im Originalton ist Dylan öfter zu hören, als zu erwarten war. Der in den USA und in Europa bereits erfolgreich veröffentlichte Soundtrack zum Film, der 33 Cover-Version enthält, endet mit dem 1967 im Keller eines Hauses in Woodstock aufgenommenen I´m not there. Der Film hat seine Momente immer dann, wenn die Musik einsetzt. Höhepunkt ist die Schlussszene, in der Dylan dann doch da ist und eines seiner dämonischen Mundharmonika-Soli spielt. Danach folgt der Abspann, unterlegt von I´m not there in der Version von Sonic Youth.

Wie filmtauglich Dylans Musik ist, weiß man von anderen Filmen. Das aber ist das Problem. Die Musik korrumpiert den Betrachter. Sie verwirrt seine Sinne und verdeckt die Schwäche der Bilder und den Dilettantismus der Inszenierung. In zwei der Parallelwelten, die Haynes inszeniert, werden diese Schwächen besonders deutlich.

So einleuchtend die Idee, Dylans multiple Persönlichkeit in sechs Rollen zu zerlegen, so irritierend der Einfall, Suze Rotolo, Dylans erste große Liebe, und Sara Lownds, Dylans erste Ehefrau, zu einer Person zu verschmelzen. Claire - so heißt das Kunstprodukt - wird gespielt von Charlotte Gainsbourg. Man fragt sich, welches Frauenbild Haynes zu diesem Kunstgriff verführt hat. Eine Frau ist eine Frau - just another woman?

Es war Suze, die dem jungen Musiker, als er in die große Stadt kam, die Augen öffnete für andere Kunstformen. Durch sie entdeckte er Bildhauerei, Malerei, Theater. Und das Civil-Rights-Movement. Und es war Sara - "so easy to look at, so hard to define" -, die Mutter seiner Kinder Maria, Jesse, Anna, Samuel und Jacob, die ihn auf einen anderen Trip brachte. Sie machte ihn zum family man, als der sich selbst in den Chronicles beschreibt. Die beiden Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Entsprechend unterschiedlich ist ihre Bedeutung im Leben Dylans. Sie verbindet, dass sie Dylan verlassen haben. Die eine, weil sie sich nicht binden wollte, die andere, weil sie sich weigerte, ein Leben an der Seite eines Rockstars zu führen. Haynes Inszenierung dieser konfliktreichen Beziehungen ist uninspiriert, bieder und voller Klischees. Alles Bilder, die man schon gesehen hat. Die Trennung von Sara und den Kindern inszeniert er als Schnulze im Vorabendformat.

Für welche Phase in Dylans Leben die Episode mit Richard Gere als Billy steht, bleibt ein Rätsel. Billy reitet durch eine Landschaft, in der sich schräge Typen und entlaufene Zootiere tummeln. Er macht sich zum Sprecher eines von Spekulanten bedrohten Dorfes. In einem hölzernen Dialog legt er sich mit einem tyrannischen Grundbesitzer an, von dessen Entscheidungen das Schicksal der Dorfbewohner abhängt. In welcher Zeit diese Szene spielt, ist schwer zu sagen. Die Dorfkulisse und die Kostümierung der Bewohner lassen auf das späte 19. Jahrhundert schließen. Der Konflikt, um den es geht - der Bau einer Autostraße - ist von heute. Will Haynes hier das "alte", von Greil Marcus das "unheimlich" genannte Amerika ins Bild setzen? Ein Mythenreich, das bevölkert ist von "Archetypen von metaphysischer Statur", von denen Dylan in den Chronicles schwärmt, "ungeschliffene Seelen, erfüllt von natürlicher Einsicht und innerer Weisheit"?

Haynes´ Film wäre wohl schon bald von der Bildfläche verschwunden, hätte er nicht Cate Blanchett als Jude Quinn einen großen Auftritt verschafft, der ihr bereits diverse Preise und eine Oscar-Nominierung eingebracht hat. Blanchett spielt den hypernervösen, von Amphetaminen getriebenen und vom Starruhm gestressten Dylan der Jahre 1965 und 1966. Die optische, gestische und mimische Ähnlichkeit mit dem Original ist verblüffend. Die Episode ist inszeniert als Remake von D.ÊA. Pennebakers Don´t Look Back unter Einbeziehung von Murray Lerners Newport-Material, das in einer 80-Minuten-Fassung erst vor Kurzem unter dem Titel The Other Side Of The Mirror veröffentlicht wurde. Auch Martin Scorseses No Direction Home wurde als Vorlage benutzt. Doch was soll das? Welchen Sinn macht es, eine bereits inszenierte Realität noch einmal zu inszenieren, wenn am Ende nicht mehr herauskommt als eine Verdoppelung ohne Erkenntnisgewinn und ästhetischen Mehrwert? Die in Schwarzweiß gehaltenen Szenen verlieren schnell ihren Reiz und kippen ins Komische. Auch die Auftritte des Allen-Ginsberg-Doubles und die Szene, in der sich das Albert-Grossman-Double und das Pete-Seeger-Double hinter der Bühne prügeln sind nur komisch. Reines Laientheater. Und je länger man Blanchett bei der Vorführung ihrer Kunstfertigkeit zuschaut, desto mehr beschleicht einen das Gefühl, in eine kinematografische Karaoke-Show geraten zu sein. Es muss ein Film, wie der von Todd Haynes gewesen sein, der Adorno zu dem Aphorismus veranlasst hat: Am Film stören mich nur die Bilder.

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