Bob Marley

A–Z Am 6. Februar wäre der jamaikanische Musiker 75 geworden. Warum er seine letzten Tage in Bayern verbrachte und eine Spinnenart nach ihm benannt ist, weiß unser Lexikon
Bob Marley

Foto: Julian Parker/UK Press/Getty Images

A

Alben Die Alben Catch A Fire und Exodus sind die Meilensteine in Bob Marleys viel zu kurzer Karriere. Hinzu kommt mit Life! eines der besten Life-Alben überhaupt. In den zwei Konzerten, 1975 im Lyceum in London aufgenommen, kommen der umwerfende Sound und das organische Zusammenspiel zwischen Band und Sänger auf mitreißende Art zum Ausdruck.

Catch A Fire markiert den weltweiten Durchbruch. In ganz Afrika wird das Album 1973 wie ein Weckruf empfunden. Marley ist nun Ikone und kämpferisches Sprachrohr der unterprivilegierten Massen. Nach dem Attentat im Dezember 1976 (Mord) zieht er sich mit seiner Entourage nach London zurück und beginnt im Januar sofort mit neuen Aufnahmen, die Chris Blackwell, der Entdecker Marleys, zu zwei Alben – Exodus und Kaya – zusammenstellt. Exodus ist auf Anhieb Kult. Nahezu jeder Song wird ein Klassiker. Überraschend sind die vielen Liebeslieder und ein fast schon souliger Einschlag gegen Ende. Herzerweichend ist, wie im letzten Song People Get Ready von Curtis Mayfield mit One Love verwoben wird. Marc Ottiker

B

Bayern „Money can’t buy life“, sollen Bob Marleys letzte Worte gewesen sein, die er an seinen Sohn Ziggy (Zöglinge)richtete. Aus armen Verhältnissen kommend und seinem Rastafari-Glauben (Religion) folgend, legte er keinen Wert auf Materielles. Trotzdem ließ er sich mit seinem BMW E3 Bavaria ablichten. Für ihn stand BMW nicht nur für teure deutsche Autos, sondern auch für seine Band Bob Marley & The Wailers.

Seine letzten Wochen führten ihn dahin, wofür das B wirklich steht: nach Bayern. Da ihm 1980 nach einem unzureichend behandelten Melanom ein Tumorbefall attestiert wurde und Ärzte in New York nicht weiterhelfen konnten, war seine letzte Hoffnung der Alternativmediziner Josef Issels und seine unüblichen (und, wie wir heute wissen, für den Sänger erfolglosen) Methoden der Krebsbehandlung in Rottach-Egern am Tegernsee. Er verlor aufgrund der Chemotherapie außerdem seine Dreadlocks und damit einen Teil seiner Distinktion zur westlichen Ästhetik. Sarah Beudt

D

Debüt „Simmer down, you lickin’ too hot, so“ – der treibende Drei-Minuten-Ska von Bob Marley & The Wailers, mit den Skatalites eingespielt und 1963 erschienen, war der Beginn der steilen Karriere von Marley. Zusammen mit Marleys Kindheitsfreund Neville Livingston alias Bunny Wailer und Peter Tosh landete er mit dem Song im Februar 1964 seinen ersten Nummer-eins-Hit in Jamaika.

Produziert wurde Simmer Down von keinem Geringeren als Sir Coxsone Dodd, der im selben Jahr das legendäre Studio One in Kingston gegründet hatte. 1965 erschien die Single auf Marleys Albumdebüt The Wailing Wailers. Später spielte er es immer wieder live, aber deutlich langsamer. Viele coverten das Stück, aber keiner so stark wie The Specials auf ihrem 1996er-Cover-Album Today’s Specials. Das jüngste Cover stammt übrigens von Gentleman & Ky-Mani Marley. Marc Peschke

H

Halbwissen Über die Reggae-Legende wurden und werden viele Mythen verbreitet. Bei der Frage, wie viele Kinder (Zöglinge) Bob Marley gezeugt hat, schwanken die Mutmaßungen zwischen elf und 46. Oder wussten Sie, dass in den Dreadlocks des Rastafari nach dessen Tod viele Insektenarten gefunden wurden? Nein? Gut, das ist auch Unsinn. Marley verlor seine Haare vor seinem Tod nach einer Krebsbehandlung in Bayern.

Während er selbst nichts mit Käfern und Larven zu tun hatte, gibt es tatsächliche Verbindungen zwischen Marley und Tieren: 2017 wurde eine in Australien entdeckte Spinnenart nach ihm benannt: Desis bobmarleyi. Sie gehört zu den wenigen Spinnen, die nahe am Meer leben. Angesichts ihrer natürlichen Umgebung fühlten sich die reggaephilen Forscher an den Marley-Song High Tide or Low Tide (deutsch: Flut oder Ebbe) erinnert. 2012 war bereits ein Krebs nach dem Musiker benannt worden, der parasitäre Gnathia marleyi. Grund dafür sei seine Bewunderung für Marley, sagte der Meeresbiologe – zudem stamme der Krebs auch aus der Karibik. Ben Mendelson

M

Mord Zu seinen bekanntesten Songs zählt I Shot the Sheriff. Erschienen ist dieser 1973. Ob Marley geahnt hatte, dass er nur drei Jahre später einem Mordanschlag zum Opfer fallen würde? Marley hielt Abstand von der Politik, stand aber der sozialdemokratischen Partei PNP nahe. Zwei Tage vor einem von der PNP initiierten Friedenskonzert drangen am 3. Dezember 1976 mehrere Unbekannte in sein stark gesichertes Haus in Kingston ein. Schüsse fielen, seine Frau Rita und Manager Don Taylor wurden schwer verletzt. Für Marley selbst ging es am glimpflichsten aus: Er erlitt nur leichte Verletzungen. Es ranken sich viele Spekulationen um diesen mutmaßlichen Mordversuch.

Marley starb nur wenige Jahre später – nicht den selbstzerstörerischen Künstlertod, sondern am schwarzen Hautkrebs, der im Körper bereits gestreut hatte. Seine Bandkollegen Peter Tosh und Carlton Barrett hingegen wurden 1987 durch Kopfschüsse ermordet. Dass Musiker wegen ihres Engagements für den Frieden ermordet werden, klingt vom Schreibtisch aus immer unverständlich. Der Rolling Stone listet Bob Marley auf Platz 11 der 100 größten Musiker. Das mag sein Erbe deutlich machen, aber trösten, kann das nicht. Jan C. Behmann

N

Nein Ska Sucks! Reggae erst recht! Ohne Reggae-Rant wäre dieses A – Z nicht komplett. Schon dessen Entstehung wundert. Denn nachdem bereits der Ska als musikalisch-ewige Wiederkehr des Gleichen daherleierte, nervte seine verlangsamte Schunkelvariante namens Reggae noch mehr. Man hat tatsächlich die Langeweile noch weiter ausgewalzt, um beim Reggae anzugelangen. Warum?

Dass sich diese naive Dudelei als rebellische Subkultur in westlichen Kindsköpfen bis heute hält, daran trägt Bob Marley große Mitschuld (➝ Verwechslung). Als sich in den 1970ern auf Jamaika der Reggae entwickelte – ungefähr so, wie wenn man eine zähflüssige Substanz aus der Nase zieht –, interessierte sich niemand anderswo dafür. Hätte nicht Marley einen auf charismatischen Führer gemacht und die Musik ideologisch mit Sektierertum (Religion) und Sexismus unterfüttert. Seitdem erklingt der einer eiernden Endlosplatte gleichende Stil überall da, wo sich Menschen für alternativ und lässig halten. Und er macht beim Kiffen Kopfweh. Ja, schlimmer als Reggae an sich sind nur seine Jünger. Diese erzwungene Harmlos-Bruder-chill-mal-Attitüde ist nicht auszuhalten. Übrigens: Reggae ist Weltkulturerbe – genau wie die sächsischen Knabenchöre und die Wiener Dudler. Tobias Prüwer

R

Religion Gefeiert als „erster Superstar der Dritten Welt“, machte Marley auch seinen Glauben bekannt. In einem Interview 1979 sieht Marley den Anfang der Rastafari-Bewegung „in der Krönung des Königs der Könige, Ras Tafari. Als ihn die Bibel offenbarte, fügte sich alles zusammen.“ Haile Selassie, der ursprünglich Ras Tafari Makonnen hieß und 1930 zum Kaiser von Abessinien gekrönt wurde, wird von Rastas als wiedergekehrter, nun afrikanischer, der Bewegung den Namen gebender Messias verehrt. Sein Tod 1975 gilt den Rastas als Lüge.

Kern des Bibelstellen neu auslegenden Rastafari-Glaubens ist die Rückkehr einstiger Sklaven nach Afrika. Die strengen Essensvorschriften ähneln den jüdischen; die Dreadlocks erinnern an die biblische Figur des Simson, der seine Kraft im Haar trug. Babylon ist das Synonym für die weiße westliche Welt, deren Untergang Marley im Livealbum Babylon by Bus beschreibt. Derweil dient das rituelle Rauchen von Marihuana dem Kontakt mit dem Göttlichen. In Misskredit geriet die Religion nicht nur wegen des Drogenkonsums, sondern auch weil bei Rastas die Homosexualität gebrandmarkt ist – ein koloniales Erbe. Helena Neumann

S

Schweiz Ausgerechnet im schweizerischen Einsiedeln, einer von einem Kloster und ausgeprägter, wohlanständiger und tiefensaturierter Bürgerlichkeit geprägten Ortschaft im Kernland des alpenländischen Zwergstaates, lebt mit Lee „Scratch“ Perry einer der bedeutendsten Gestalter und Begründer des Ska, Dub und Reggae Jamaikas. Weiter kann man in diesem Einsiedeln nicht entfernt sein von der in den 60er und 70er Jahren extrem bleihaltigen Luft Kingstons.

Zwischen 1965 und 1972 nahm er mit seinem Plattenlabel Upsetter Records Peter Tosh, Bunny Wailer und einen gewissen Robert Nesta Marley, der wegen seines unbekannten weißen Vaters ein Aussenseiter war, unter Vertrag. Der Rest ist Geschichte. Der Außenseiter wurde zur Legende, die Wailers seine Jünger und Weggefährten. Perrys Gespür für Sounds und Rhythmen ließ die Formation einen Hit nach dem anderen durch die Strandbars Jamaikas und von da über die ganze Welt ergießen. Der bald 84-Jährige versteht es bis heute, die klaren Strukturen des Reggae mit extremen Effekten und Samplings ins Psychedelische zu wenden. Wie ein Schamane beschwört er in seinen Konzerten die höheren Geister seiner ureigenen Spiritualität. So belebt sein Erscheinen den Zauber der reichen Mythen- und Sagenwelt in den Schweizer Bergen. Der Exot wird zum Ureinwohner. Marc Ottiker

V

Verwechslung Zweifellos war Marley Pionier seines Genres, aber so omnipräsent dann doch nicht: Kaum ein bekannter Reggae-Song wird auf Youtube nicht dem Sänger aus Jamaika zugeordnet. 10ccs geniales Dreadlock Holiday, das leichtfüßige Sunshine Reggae der Dänen Laid Back, das weltbekannte Cover I Can See Clearly Now von Jimmy Cliff, Inner Circles Bad Boys, UB40s Red Red Wine und auch Hits von Marleys Freund Peter Tosh wie Legalize It – auf Youtube ist alles eins, alles Bob. Als Hintergrundbild fungiert zudem die immergleiche Montage von Marley mit einer grün-gelb-roten Fläche, wie sie vielleicht noch heute als Fahne in manch verqualmtem Jugendzimmer hängt.

Böse Zungen könnten behaupten, das läge daran, dass Reggae-Musik im Kern immer gleich klänge (Nein), aber zwischen No Woman, No Cry und Dreadlock Holiday liegen Welten. Youtube ist einfach berauschten-, äh, benutzerfreundlich und eben nicht die väterliche Plattensammlung, wo alles seine Ordnung hat. Von wem war gleich dieses ... irgendwas mit Reggae, Sonne, Liebe? Ah, klar: Bob! I love it! Konstantin Nowotny

Z

Zöglinge Bestätigt ist (Halbwissen), dass Bob Marley elf Kinder mit acht Partnerinnen hatte. Die kreative Ader blieb in der Familie: Einige Kinder schauspielerten oder designten Trikots für die jamaikanische Nationalmannschaft, wie Tochter Cedella. Sie leitet außerdem sein Label Tuff Gong, auf dem einige Marleys vertreten sind. Der Nachwuchs ist musikalisch auf Kurs: Acht von Bobs Kindern machen Reggae-Musik. Ziggy und Stephen brachten es auf acht Grammy Awards, Damian auf vier und Cedella sowie die adoptierte Sharon auf je drei Grammys. Fast alle gab es fürs „beste Reggae-Album“ – in diesem Jahr nominiert war Bobs Sohn Julian. Indes startet Enkel Skip durch, seine Single Chained to the Rhythm erreichte in den USA Doppelplatin und hielt sich international über Monate in den Charts. Ben Mendelson

06:00 06.02.2020

Ausgabe 08/2020

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