Bodenlos unterschätzt

Porträt Paul Verhoeven sitzt der Jury des Berlinale-Wettbewerbs vor, kommende Woche startet sein neuer Film. Eine Würdigung
Matthias Wittmann | Ausgabe 06/2017
Bodenlos unterschätzt
Im Zerrspiegel: Casper Van Dien als Johnny Rico in „Starship Troopers“ (1997)

Foto: Entertainment Pictures/Imago

Lange bevor Paul Verhoeven im Oktober 2015, anlässlich der Dreharbeiten zu Elle (2016), der nächste Woche in die deutschen Kinos kommt, auf dem Cover der Cahiers du Cinéma erschien und in einem ausführlichen Interview eine späte Würdigung als zu lange verkannter Auteur erfuhr, hatte der Filmemacher Jacques Rivette einen Rehabilitierungsversuch gestartet. Er wies auf das gesellschaftskritische Potenzial von Verhoevens Filmen hin, besonders auf den bodenlos unterschätzten Las-Vegas-Film Showgirls (1995), der auf die übliche Sakralisierung der Warenwelt verzichtet und sich mit den vorherrschenden Disziplinierungen und Kapitalisierungen des Körpers beschäftigt. Es geht um showing, ein Maximum an Sichtbarmachung, vor allem von Machtstrukturen – in einer Weise, die sich nicht eindeutig als Kritik der Kulturindustrie zu erkennen gibt, da sie deren Logiken ohne moralische Wertung aus sich selbst heraus befragt, bloßstellt, so wie man Blechspielzeuge überdreht, bis die Federn herausspringen. Dave Stewart, Mitbegründer der Eurythmics, der den Soundtrack für Showgirls beisteuerte, bekam von Verhoeven den Auftrag, die Musik in der erzählten Welt so unerträglich wie möglich zu gestalten, da dies am ehesten der Las-Vegas-Bühnenrealität entspräche.

In Interviews bezeichnet Paul Verhoeven seinen Stil gern als hyperbolisch. Hyperbeln sind Figuren der Rhetorik, Mittel der Übertreibung. Wenn Verhoeven, der selbst Karikaturen zeichnet und Comics mag, immer wieder betont, dass es ihm darum gehe, dem Leben einen Spiegel vorzuhalten, dann handelt es sich um einen Zerrspiegel. Hyperbeln sind aber auch Figuren der Geometrie: exzentrische Kegelschnitte, die aus zwei Ästen bestehen und immer zwei Brennpunkte haben, wie die Filme Verhoevens, der im niederländischen Leiden an einer der ältesten, konservativsten Universitäten Europas bis 1964 Mathematik studierte.

Von einer dominanten, superlativischen Position aus subversive Filme machen, auf Biegen und Brechen, koste es, was es wolle: So oder so ähnlich könnte man Paul Verhoevens Autorenpolitik umreißen, wenn man denn eine finden möchte. Verhoeven machte repräsentativste Filme: Basic Instinct (1992) wurde einer der im akademischen Kontext am häufigsten analysierten Hollywoodfilme der 90er. Verhoeven machte erfolgreichste und kostspieligste Filme: Das Mädchen Keetje Tippel (1975) und Der Soldat von Oranien (1977) waren die bis dahin teuersten Filme in den Niederlanden. 1999 wurde Türkische Früchte (1973), Verhoevens eigentlicher Durchbruch, zum besten niederländischen Film aller Zeiten gewählt. Die Filmmusik des Résistance-Abenteuerfilms Der Soldat von Oranien ist mittlerweile fester Bestandteil des Repertoires bei Nationalfeiertagsaufmärschen.

Verhoeven bescherte den Niederlanden allerdings auch einen der umstrittensten Filme überhaupt: Spetters (1980), das Porträt einer Proletarierjugend zwischen Frittenbude und Motocross, wurde wegen der Thematisierung eines homosexual gang rape, aber auch wegen der kritischen Darstellung einer Gesellschaft zwischen Alltagsfaschismus, Bigotterie und Biedersinn von Establishment und Gegenkultur gleichermaßen angefeindet. Der Karriereknick, den Spetters Verhoeven einbrachte, sollte sich in Hollywood mit Showgirls wiederholen, dem spektakulären Flop, der Verhoevens Ende in Hollywood einleitete, ausgezeichnet mit sieben Goldenen Himbeeren, die Verhoeven allesamt persönlich abholte, bis er dafür Applaus erhielt. Mangelnde Selbstironie kann man dem Provoc-Auteur kaum vorwerfen.

Den größten Coup landete Verhoeven mit seinem Trojaner Starship Troopers (1997), einer satirischen Revision des reaktionären Romans von Robert A. Heinlein. Verhoeven buchstabierte die faschistischen Tendenzen des Romans konsequent aus und kaschierte sie trotzdem auf raffinierte Weise. Heraus kam ein punkiger Pop-Art-Film, der gleich zu Beginn aus dem Bilderarsenal Leni Riefenstahls, insbesondere aus Triumph des Willens, schöpft und Anleihen nimmt bei WW-II-Newsreels, um der Gung-Ho-Rekrutierung des Zweiten Golfkriegs, den Propagandabildern von CNN und Fox News und der versteckten Ideologie anderer Sci-Fi-Filme (wie Star Wars) einen Zerrspiegel vorzuhalten. Angeblich merkten die Beverly-Hills-Youngsters nicht, dass sie bei den Dreharbeiten verfremdete Naziuniformen tragen mussten.

Es geht zwar oft bizarr und grotesk zu bei Verhoeven, allerdings selten zynisch, was an einer gewissen Grundsolidarität liegt, die den Figuren und vor allem den proletarischen nie entzogen wird. Das zeigt sich schon lange vor Showgirls in Das Mädchen Keetje Tippel, der auf den Memoiren einer der wichtigsten Vertreterinnen der niederländischen Arbeiterliteratur, Neel Doff, basiert, die um die Jahrhundertwende in Künstlerkreisen verkehrte.

Gewalt der Macht

Der Film erzählt die Geschichte einer Frau, die ihren Weg aus den Amsterdamer Slums sucht und für den sozialen Aufstieg mit permanenter körperlicher Degradierung bezahlen muss, sei es als Arbeiterin in einer Färberei, als Prostituierte oder als Gespielin eines Bankers. Bemerkenswert ist, dass Verhoeven darauf verzichtet, abermals eine Justine- oder Mutzenbacher-Geschichte von besudelter Unschuld zu erzählen.

Es ist immer wieder die Rede von Verhoevens Feminismus und seinen „starken Frauen“, auch aktuell, anlässlich des von Isabelle Huppert verkörperten Vergewaltigungsopfers in Elle, das eben alles andere als Opfer bleibt, sondern eine eigenwillige Wehrhaftigkeit entwickelt. Verhoeven hat die Handlungslogik und die sozialen Determinanten einer sogenannten Femme fatale wie kein anderer verstanden – die fatalness etwa von Sharon Stones Catherine Tramell in Basic Instinct ist auch auf einen social struggle und ein social climbing zurückzuführen. Verhoeven weiß genau, warum er die Treppenszene aus Double Indemnity zitiert; es geht im Film noir immer auch um ein soziales Gefälle. Die Gewaltförmigkeit von Sexualität, etwa der geradezu notorisch auftauchenden Vergewaltigungsszenen, kann bei Verhoeven niemals außerhalb von gesellschaftlich produzierten Machtstrukturen stattfinden.

Sein Lebensprojekt, einen Jesusfilm, hat Verhoeven noch nicht verwirklicht. Gewiss ist: Um die Zerrissenheit zwischen Gott und Mensch würde es darin nicht gehen, auch nicht um einen erwählenden zoom-in, sondern um Religion als Machtinstrument, Paulus als Faschist und Jesus als Exorzist und Guerillakämpfer, der irgendwann, als Gekreuzigter unter vielen, im Ornament der Kreuze untergeht. Zoom out.

Info

Elle Paul Verhoeven F/D/BEL, 130 Min., ab 17. 2.

Matthias Wittmann ist wissenschaftlicher Assistent am Seminar für Medienwissenschaft der Universität Basel. Gekürzte Fassung eines Texts aus Cargo Nr. 31

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 10.02.2017

Ausgabe 15/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare