Body Count in Helmand

Vietnam/Afghanistan Wie seinerzeit im Vietnam-Krieg soll auch in Afghanistan die Zahl getöteter Aufständischer suggerieren: der Feind ist bald aufgerieben und am Ende seiner Kraft

Als die Amerikaner Ende der sechziger Jahre im Südvietnam zu einer mutmaßlich kriegsentscheidenden Kraftanstrengung ausholten, um das Blatt in ihrem Sinne zu wenden, war die Moral der eigenen Soldaten ungemein wichtig. Die Siegeszuversicht sollte keinen Schaden nehmen und deshalb durch eine Art Wettbewerb zwischen kämpfenden Einheiten befördert werden. Man fand Gefallen am Body Count. Das hieß, jeder Kompanie wurde eine Quote auferlegt, wie viele Leichen mutmaßlicher Vietcong* sie zu bringen hatte. Dem Vernehmen nach stammte die Idee vom Stab um den damaligen Verteidigungsminister Robert McNamara. General William Westmoreland, US-Oberkommandierender in Südvietnam, hatte nichts dagegen, auf diese Weise etwas für mehr patriotische Begeisterung zu tun. So wurde ein systematischer Body Count betrieben. Die Tagesquote gehörte Abend für Abend zum Nachrichtenmenü, das die Saigoner Filiale des Armeesenders AFN für die kämpfende Truppe zusammenstellte.

Die toten Vietnamesen – verbrannt beim Abwurf von Napalm, erschossen beim Vormarsch oder überrollt von schwerem Kriegsgerät – wurden zum Barometer des Krieges. Der Zeiger schlug mit jeder Zahl aus und immer in die gleiche Richtung. Genau genommen handelte es sich mit dem Body Count um eine Quote für Mord. Allein schon deshalb, weil niemand in den US-Stäben genau wusste, wie viel unbeteiligte Zivilisten unter den gemeldeten Toten waren, aber das störte nicht weiter.

Heiße Stabilisierung

Die Einheiten im Kampfgebiet übermittelten die aktuellen Zahlen an ihren Kommandeur und der reichte sie seinen Vorgesetzten. Jeder wollte die Norm überbieten und damit sagen: Es läuft prächtig, die Operationen erfüllen ihren Zweck, die Strategie funktioniert. Letzteres hofften nicht nur die Regierung in Washington und ihre Militärs, sondern ebenso die damaligen Verbündeten in Südostasien. Briefing Officers der Army in Saigon wurden zu Leichensammlern und hatten Statistiken zur Hand, mit deren Hilfe sie vorrechneten, wann der Feind erschöpft und von ihm nichts mehr übrig sein würde.

Im Februar 2010 erfährt der Body Count bei der Operation Mostarak in der afghanischen Südprovinz Helmand, an der neben Amerikanern und Briten auch ein symbolisches Aufgebot afghanischer Nationalarmisten teilnimmt, eine Wiederauferstehung. Offiziell gibt es keine Quote wie einst in Vietnam. Doch Meldungen aus der Kampfzone beginnen fast immer mit der Zahl getöteter Gegner. Zwölf ausgeschaltete Aufständische am 12. Februar, 20 getötete Taliban am 13. Februar – mindestens 26 einen Tag später. Wieder soll uns die Zahl der Toten sagen, es geht voran in Afghanistan, es gibt allen Grund zu strategischem Optimismus. US-General Larry Nicholson, Kommandeur in Helmand, hat immerhin 15.000 Soldaten zur Verfügung, während die ortsansässigen Taliban-Kämpfer auf höchstens 1.000 geschätzt werden. General Nicholson kann deshalb gleichfalls eine Prognose riskieren, wann der Feind erschöpft und von ihm nichts mehr übrig sein wird. Und er tut es. In etwa 30 Tagen könnten alle Aufständischen ausgeschaltet oder vertrieben, ihre Stellungen besetzt und alle Sprengfallen beseitigt sein, glaubt Nicholson.

Man weiß inzwischen, in die Tagesbilanzen der Front- oder Fortschrittsberichte geraten auch Zivilisten. Beispielsweise aus dem Ort Nad Ali, wo am 13. Februar eine Rakete ihr Ziel um 300 Meter verfehlte und das Leben von zwölf Menschen zerstörte, die in ihrem Haus – wo sonst? – Schutz gesucht hatten. Der von General Stanley McChrystal im August 2009 mit den Leitlinien zur Aufstandsbekämpfung proklamierte Schutz für die Zivilbevölkerung blieb in diesem Fall schuldig, was er versprach. Sollte die Helmand-Offensive als „heiße Phase der Stabilisierung“, wie das Amerikaner und Briten nennen, dennoch den Beweis liefern, dass die Leitlinien erfüllbar sind, wäre das ein einmaliger Vorgang in der Geschichte asymmetrischer Kriege zwischen hoch gerüsteten modernen Streitkräften und einer hoch motivierten mobilen Guerilla. Von der weiß man, sie kann ohne die einheimische Bevölkerung, aus der sie kommt, kaum existieren. Bei der kann sie Schutz suchen und Deckung finden, wenn ihre Ziele – etwa das Ende von Besatzung und Fremdbestimmung – von vielen Landsleuten geteilt werden. Das war so bei den Aufständischen im algerischen Unabhängigkeitskrieg gegen Frankreich zwischen 1955 und 1962, traf vor gut einem Jahrzehnt auf die FRETILIN-Kämpfer in Osttimor zu und galt einst für Südvietnam.

Strategische Dörfer

Die Tage des Vietcong sind gezählt, lautete im Herbst 1966 nach einer Gipfelkonferenz in Manila die zentrale Botschaft des Kommuniqués. US-Präsident Lyndon B. Johnson hatte damit seine Gefolgschaft im Vietnam-Krieg aufmuntern wollen. Seinerzeit waren das nicht Briten, Franzosen, Deutsche, Kanadier, Polen oder Niederländer, die sich eienr Bündnispflicht ergaben. Das Korps der Alliierten in Indochina versammelte Australien, Neuseeland, Südkorea, Taiwan, Thailand und die Philippinen. Johnson hatte sie auf eine neue Strategie eingeschworen, die todsicher zum Sieg führen soll.

Sie zielte auf eine temporär intensivere Kriegführung und folgte dem Konzept des Search and Destroy, um über Südvietnam das Tigerfell so genannter Feuer-Frei-Zonen zu werfen. In diesen Gebieten sollte der Feind aufgerieben und das Terrain anschließend gründlich gesäubert werden, während die Bevölkerung – sofern sie Krieg und Vormarsch im Wege stand – in „strategische Dörfer“ eingewiesen wurde. Diese waren als neutrale Zonen gedacht, schirmten die Bewohner von den Vietcong ab und wurden bewacht. Search and Destroy mündeten in Deportation und Internierung. Um den Erfolg dieses Vorgehens zu dokumentieren, wurde bald auf einen sorgfältig zentralisierten Body Count zurückgegriffen, damit AFN melden konnte: „Heute sind 253 Feinde getötet worden, gestern waren es 175, vorgestern ...“

(*) seinerzeit im Westen gebäuchliche ­Bezeichung, wörtlich übersetzt: vietnamesischer Kommunist

21:30 16.02.2010

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