Böhmermann ist nicht Tucholsky: Schafft die deutsche Satire ab!

Gesellschaft Die Deutschen können vieles, außer Satire: Warum sich Kurt Tucholsky im Grab umdreht
Böhmermann ist nicht Tucholsky: Schafft die deutsche Satire ab!

Illustration: Johanna Goldmann für der Freitag, Foto: Getty Images

Dann schafft die Satire doch ab!

Deutschland ist Kurt-Tucholsky-Land. Solange es nicht gerade um „Soldaten sind Mörder“ geht: Sein Satz von 1931 ist verpönt – und strafbar, wenn er die unsrigen meint. Wenn aber fremde Potentaten das Ziel sind, etwa ein Präsident, der über Verunglimpfung jammert: Feuer frei! Recep Tayyip Erdoğan hat Sex mit Ziegen! Ist eigentlich noch ein Preis zu vergeben? Weg mit den Paragrafen, unter die das fällt! Und jetzt im Chor: „Was darf die Satire? Alles!“

Die berühmten fünf Worte stehen am Ende eines Textes, den Tucholsky als Ignatz Wrobel im Januar 1919 für das Berliner Tageblatt schrieb. Google findet ihn zigtausendmal, er ist „kanonisch“. Aber wird er auch verstanden? Wer jenen Text liest, stellt unweigerlich fest: Was Tucholsky Satire nennt, ist bei uns doch eher selten.

Da ist einmal das Ding mit der „Kraßheit“: Satire über Randgestalten, Minderheiten, Leidende? Wir verkneifen uns das. Mehr noch als zu Tucholskys Zeiten neigen wir zur Verwechslung von „Dargestelltem und Darstellendem“: Zu schnell halten wir das Bild der Entwürdigung für entwürdigend. Und zweitens sind da die „Landesfeinde“: Da kennen wir heute wenig Pardon, siehe nicht nur Erdoğan. Tucholsky aber hielt es gerade andersherum.

Will man die Trunksucht geißeln, meint er, muss man Besoffene zeigen, schonungslos in aller „Fäulnis“. So auch bei „Weberelend“ und „Prostitution“: Triggerwarnung? Fehlanzeige. Zur Vorsicht hingegen rät er beim Feindeswitz. Zwar fasziniert ihn – 1919, welch Provokation – die „Kraft“ und „Wut“ der französischen Kriegskarikatur: Die hat sich wenigstens „herausgetraut“! Doch steht da gleich anfangs ein schwerer Satz: „Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine.“

Gegen den Strich

Lange war derlei ja nun kaum Thema. Doch dann kam der Testfall namens Corona: Worüber noch spotten angesichts der Zahlen? Ob Jan Böhmermann, Oliver Welke oder wer sonst die populären Standards setzt: Schon den gefühlten Krieg gegen das Virus hat die Satire blanko unterschrieben. Ein Jahr brauchte sie, um auch mal die Absurditäten der Maßnahmen aufzuspießen statt immer nur die einer verstrahlten Kritik. Und jetzt herrscht Ernstfall, konkret und brutal. Welkes „lupenreiner Psychopath“ stinkt bei Instagram auf Fähnchen im Hundekot. Bei Facebook wichst er am Kanonenrohr. Wann duscht er mit Blut? Die erste Anleihe: 100 Milliarden.

Was darf Satire? Eher ist jetzt die Frage, was sie noch ist, will und soll. Hier scheint Tucholsky zunächst nicht zu helfen: Bei jedem guten politischen Witz, beklagt er, „sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel“. Er wünscht der Satire also mehr Verständnis, am Ende soll sie im Lachen versöhnen. Doch rief seine Welt auch wirklich danach: Er schrieb das in einem zerfallenen Staat, zwischen den Spartakus-Barrikaden in Berlin und dem Gemetzel der Freikorps in München. Auch heute reden wir gerne von „Spaltung“. Doch im Vergleich ist das ein Trugbild. Es regieren Tenor und Mainstream.

Was würde Tucholsky heute verspotten? Ist da ein Geist in seinem Text, dann führt der die Bürste stets gegen den Strich: Satire erscheine als „negative Sache“, positiv sei sie im „Nein!“: Was mobilisiert, was die Fronten schließt, in breite Kerben haut, was nicht die Zeigefinger der Nation erigiert, das ist im Heute keine Satire. Denn wahre Satire will kein Jawoll. Sie sucht nach dem Aber. Wo alle ein „Wir“ sind, da ruft sie laut „Ihr“. Wer der Satire mit „Faktenchecks“ kommt, will sie nicht haben.

Wo man sie bräuchte, muss man sie suchen, wo das Wort draufsteht, ist meist keine drin. Übersensibel sind wir, wo wir es nicht müssten, zu grobschlächtig dort, wo Vorsicht am Platz wäre: Es scheint oft fast so, als könnten wir gerade keine Satire. Und wollen wir sie wirklich? Es sei, so denken wohl viele, jetzt nicht ihre Zeit.

Doch wenn dem so ist, dann seien wir ehrlich: Lasst uns einstweilen abschaffen, was sich so nennt: die Fernsehshows, die Karikaturen. Dann wären wir wenigstens, was wir so gern von uns sagen – nämlich wahre Kurt-Tucholsky-Fans.

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