Bonanza in Erfurt

NSU Helmut Roewer leitete einst den Thüringer Verfassungsschutz. Sein Buch nun liefert verstörende Einblicke in seine Seele

Oktober 2012. Helmut Roewer, Ex-Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, lädt ins Bundespressehaus. Mit dabei sein Verlag, der als Promoter von Rechtsaußen-Ideen umstrittene österreichische Ares Verlag. Der kleine Raum 0107 ist eine halbe Stunde vorher rappelvoll, der Tisch mit den Belegexemplaren leer.

Die Pressekonferenz beginnt auf die Minute. Und Helmut Roewer kommt auch gleich zum Kern. Es geht um die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds, die im November 2011 offenbar wurden und seitdem Deutschland umtreiben. Nicht nur wegen der Entsetzlichkeit der Taten, sondern auch wegen des Kumpanen-Netzwerks von Politik, Polizei, Verfassungsschutz und Rechtsextremen, das immer mehr Kontur annimmt. Rücktritte, geschredderte Akten, bemerkenswerte Black-outs, seltsame Bagatellisierungen sogar auf Bundesebene. Hier tritt eine Pannenserie zutage, die nur noch mit System zu erklären ist. Schon jetzt, während der laufenden Ermittlungen, gehört die NSU-Genese zu den größten politischen Bankrotterklärungen dieses Landes.

„Dieses Buch ist kein Buch über den NSU“, stellt Roewer dennoch gleich klar. „Bis November 2011 kannte ich das Begriffskürzel gar nicht. Aber etliche Menschen, die darunter zu fassen sind, kenne ich ganz gut.“ Autoren sind ihre eigenen Regisseure. Er wolle richtig stellen, sagt er, das Bild korrigieren. Keine Pittoresken also, keine Zynismen, nichts Gockeliges. Denn auch dafür war er nach seinen Anhörungen in den NSU-Untersuchungsausschüssen in Erfurt und Berlin zur öffentlich diskreditierten Person geworden. Von all dem nichts. Aber von dem, was es konkret zu klären gäbe, auch nicht.

Der Ex-Präsident redet von katastrophalen Verhältnissen nach der Wende im Osten, von Westimporten, die besser zu Hause geblieben wären, von Plattmachern und gegenseitigem Misstrauen. Er sagt, dass er das Abbrechen der Suchoperation nach der Jenaer Troika bis heute nicht verstanden hat. Dass die Grundinformation über das Trio, es hantiere mit TNT, von einer menschlichen Quelle stammt. Doch viel mehr kommt nicht. Nichts über die „Rennsteig“-Aktion, kein Wort zum finanziell fettgepeppelten V-Mann Tino Brandt, nichts zum Informanten „Günther“ oder zum Vorgang „Obelix“, nichts Substantielles folglich über die politischen Verbindungen ins Nazi-Netzwerk.

Ein absoluter Insider

Die Pressekonferenz, die Roewer rehabilitieren soll, läuft leer. Nach elf Monaten mürbe machendem Klärungsdebakel aber lassen die Journalisten ihm so viel Ungefähres nicht durchgehen. Von einem absoluten Insider muss es endlich Antworten geben! Aber Helmut Roewer hat keine. Dem Ex-Verfassungschef und seinem Buch Nur für den Dienstgebrauch ergeht es damit nicht anders als der Ehefrau des Ex-Bundespräsidenten. Auch Bettina Wulff hatte mithilfe ihres Jenseits des Protokolls versucht, das Negativbild zu drehen und zum Befreiungsschlag anzusetzen. Doch die erhoffte Richtigstellung wurde zum Selbstläufer und machte alles nur noch schlimmer. Und Roewers Buch? Taugt es eher zum Zeugen als der Autor selbst? Erzählt es, was der Ex-Behördenchef bisher nicht sagen will?

Helmut Roewer, parteiloser Jurist und seit 1994 Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, inszeniert sich von der ersten Seite an als unkonventioneller, gewiefter Tausendsassa, der noch in der schwierigsten Situation den Überblick behält. Er steht auf der „Kommandobrücke“ seines Amtes und versucht, „seine Behörde durch die Untiefen zu lenken“. Das ist, wie man lesen kann, nur möglich, wenn man sein Umfeld verarscht. Doch der Nachwendeosten, in dem jene bizarre Pose aus Bonanza und Don Quijote zur Blüte kommen darf, schlägt zurück.

Es scheint, als würde das für das Flüchtlingskind Helmut Roewer zur neuerlichen Verschickung, zur zweiten Flucht. Da kommt einiges zusammen. Einsamkeit, Überforderung, Regression, Erfahrungsneid, Hybris. Die Maßstäbe, die im beruhigten Bonn so wunderbar klar schienen, verrutschen dem Behörden-Chef mit jedem Tag in Erfurt mehr. Opfer, Täter, Aufklärung, Verantwortung? Wer weiß das schon so genau. Noch dazu eine hochbigotte thüringische Politikkaste, die in den Augen Roewers „alles in den Schatten stellt, was ich bisher an unzulässiger Staatsbeeinflussung erlebt habe“.

Nicht, dass das nicht auch aufzuklären wäre. Aber was bringt es, wenn im tiefsten Nebel nichts anderes als Nebelkerzen fliegen? So insinuiert der Autor, dass sich der russische Geheimdienst mittels Stasileuten in die Thüringer CDU hineingeforstet habe, um von da aus Politik zu machen. Ein roter Masterplan gegen die westliche Demokratie? Das NSU-Komplott als Trojaner? Sicher, ein Staatsschützer muss das im Kopf haben. Allein was fehlt, sind die Belege.

Aber auch ein schwarzer CDU-Masterplan wird von ihm durchgespielt. Am intensivsten da, wo es um die eigene Suspendierung geht. Im Herbst 1999 werden „wie von Geisterhand Operationen und Quellen des Amtes zur Bekämpfung des Rechtsextremismus öffentlich verbrannt“. In der Polizei entsteht ein absoluter Sicherheits-Gau. „Was am 15. November 1999 beginnt“, schreibt der ehemalige Amtschef, „und in den nächsten Monaten fortgesetzt wird, ist die bis zum Umfallen betriebene Umbesetzung der polizeilichen Führungsstellen.“ Zwangsversetzungen und Suspendierungen, ein Totalumbau, der im Juni 2000 auch ihn erreicht.

Sein Psychogramm

Am 7. Juni kommt sein Aus. Knapp zwei Monate später, am 9. September, beginnt das Morden des NSU. Was also ist damals in Thüringen passiert? Der wichtigste Nachrichtensammler dieses Bundeslandes weiß öffentlich nichts dazu zu sagen. Stattdessen gerät ihm sein Selbstporträt einmal mehr zum Psychogramm. Ernüchterung, Erschöpfung, Müdigkeit, eine seltsame Art innerer Verwahrlosung und Gewalt in Permanenz. Arbeit und Leben laufen seltsam leer. Der Zampano mit Dauerüberblick schien im Osten zum Grenzgänger geworden zu sein. Keiner mehr, der durchgreift, sondern ein hochbezahlter Spezialist und Vollblutzyniker, der seinen Laden laufen lässt und sich wie zum Halt in decouvrierenden Details verliert. An einer Stelle schreibt er: „Zu einem meiner Geburtstage … bekomme ich `das Pferd geschenkt`. Das Pferd ist eine Handspielpuppe aus braunem Plüsch, und ich muss sagen, es ist das schönste Geschenk, das ich seit meinen Kindertagen erhielt ... Es war Liebe auf den ersten Blick.“

Die Erkenntnis des Buches ist weder beruhigend noch schön und dennoch nicht ohne Wert: Niemand in diesem Land war in der Lage, die Mordserie des NSU zu stoppen. Der Verfassungsschutzchef von Thüringen, unter dessen Ägide sich die Jenaer Mordtruppe aufbauen und auch untertauchen konnte, am allerwenigsten. Nicht, dass er nicht gewollt hätte, er konnte aus sich heraus nicht, erzählt sein Text eindrücklich. Und: Bis heute ist keine Absicht erkennbar, dass die Ungeheuerlichkeit, die Deutschland verändert hat, umfassend aufgeklärt wird. Ja, es gibt die Ermittlungen, die Ausschüsse, die vielen wichtigen Details… Zugleich aber hat es bis heute kein Strafverfahren aus einem Untersuchungsausschuss heraus gegeben. Genügen die Ausschüsse in ihrer Politbefrieder-Funktion? Dass maßgebliche Verantwortliche sich an der Aufklärung aktiv beteiligen, darauf ist nicht mehr zu zählen. Bernhard Vogel, Karl Heinz Gasser, Christian Köckert, Richard Dewes, Dieter Althaus? In Thüringen Ministerpräsidenten, Innenminister, Justizminister. Fünf Einheits-Macher. Sie sind auffällig still. Helmut Roewer, der Sechste, er schreibt, redet und schweigt bei all dem trotzdem.

Ines Geipel ist Schriftstellerin. Im Freitag schrieb sie zuletzt über den Erfurter Amoklauf

15:05 15.10.2012

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