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Zukunft Eine Schau im Frankfurter Museum für Moderne Kunst fragt, wie wir uns einst an die Werke der Nachkriegsmoderne erinnern werden
Alexander Jürgs | Ausgabe 13/2016

Wie beschreiben wir Kunst? Wie erinnern wir uns an die Werke? Nehmen wir zum Beispiel das Bild Artisten der Camilla Mayer-Hochseiltruppe von Albert Georg Riethausen, eine Schwarzweißfotografie aus dem Jahr 1949, abgezogen auf Barytpapier, 30 auf 40 Zentimeter. Im Gedächtnis bleiben kann einem dieses Bild wegen der klaren Kontraste, wegen der Komposition. Eine dunkle Ruinenlandschaft mit einem daraus herausragenden Kirchturm grenzt sich deutlich von einem hellen Himmel ab, von einer weißgrauen Fläche. Es ist ein dramatisches Bild. Ein anderer mag an den feinen Linien hängen bleiben. Wie dünne Striche erscheinen die Seile der Artisten, die Fotografie trägt Züge einer Grafik. Vielleicht ist es aber auch die Geschichte, die im Kopf bleibt. Die Artisten auf dem Seil tanzen über der im Zweiten Weltkrieg zerbombten Altstadt von Frankfurt am Main, suchen den außergewöhnlichen Auftritt. In einem von der Zerstörung geprägten Moment wollen sie Zuversicht zeigen.

Leere Räume

Riethausens Artisten sind Teil der Schau Das imaginäre Museum, die das Frankfurter Museum für Moderne Kunst in seiner Filiale MMK 2 in einem Hochhausturm im Bankenviertel der Stadt präsentiert. Die Ausstellung ist als Experiment gedacht. Sie macht die Erinnerung an die Kunst zum zentralen Thema. Ausgangspunkt für die Schau ist ein Buch: Ray Bradburys berühmter Science-Fiction-Roman Fahrenheit 451 von 1953. Bradburys Anti-Utopie erzählt von einem totalitären Staat, in dem die Literatur mit allen Mitteln bekämpft wird, in dem die Bücher verbrannt werden, in dem sich aber auch eine Gruppe Widerständler in die Wälder zurückzieht, um die Texte auswendig zu lernen und die Literatur so vor dem Verschwinden zu bewahren.

Die Kuratoren stellen die Frage: Wie könnte man sich an die bildende Kunst erinnern, wenn in einer nicht allzu fernen Zukunft Werke und Museen existenziell bedroht wären? Und: Wie könnte eine allerletzte Ausstellung aussehen, die die Kunst der Moderne repräsentiert, bevor die gesammelten Arbeiten zerstört werden? Das, was unter diesen Fragestellungen zusammengetragen wurde, stammt aus drei Museumssammlungen, die explizit für die Epoche der Moderne stehen: die der britischen Tate, des französischen Centre Pompidou und eben des MMK. Die Nachkriegskunst und die Moderne bilden den Markenkern dieser Häuser, machen sie zu Sehnsuchtsorten der Kunstliebhaber und Städtereisenden. Zusammengestellt wurde die Ausstellung denn auch als Gemeinschaftsprojekt von Kuratoren des MMK und der beiden jüngeren Ableger des Centre Pompidou und der Tate in Metz und Liverpool.

Über eine lange Treppe gelangt man in die zweite Etage des Bankenturms. Beim Hinauflaufen hört man, wie Jahreszahlen chronologisch und monoton genannt werden, es ist die Audio-Installation One Million Years des Japaners On Kawara. Betritt man den Museumsraum, dann steht man erst einmal vor einer Wand, in großen Buchstaben steht darauf das Jahr geschrieben, in dem man sich vermeintlich befinden soll: 2052. Drei Werke sind in dem ersten Raum ausgestellt, aus jedem der beteiligten Museen eines. Aus der Tate-Sammlung stammt Rachel Whitereads Installation Untitled (Black Bath) von 1996, der tiefschwarze Abguss einer Badewanne, der an einen Sarg erinnert. Komplett schwarz sind auch die Bilder aus Keramik und Gips des Künstlers Allan McCollum. Plaster Surrogates lautet der Titel der Objekte aus dem Jahr 1985, die aus der Sammlung des Centre Pompidou kommen. Zum MMK-Bestand gehört die Fotografie Louvre, Paris, die Paul Almásy 1942 anfertigte. Sie zeigt leere Rahmen, die an einer Wand des Museums hängen, mit Kreide wurden Anmerkungen hinterlassen. Die Kunstwerke sind weg, in Sicherheit gebracht vor den Nazi-Truppen, die die Stadt besetzen werden, vor den Plünderern. Auslöschung nennen die Kuratoren diesen Raum, nach dem Roman von Thomas Bernhard.

Er ist ein wuchtiger, ein starker Auftakt für die Ausstellung, die aus weiteren acht Stationen besteht und die man in einem Rundgang durchläuft. Jeder Abschnitt trägt den Titel eines Buchs, von Kafkas Verwandlung bis zu Michael Endes Unendlicher Geschichte, von Jane Austens Sinn und Sinnlichkeit bis zu Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt.

Aber droht wirklich das Ende der Kunst? Ist der Verweis auf Bradburys dystopischen Roman nicht bloß eine steile These, ein geschickter Marketingzug? Die Kunst und der zugehörige Markt boomen, gerade in ihrer digitalen Form erscheint sie omnipräsent. Doch es gibt auch andere Signale. Ende Februar haben Wirtschaftsprüfer der Stadt Leverkusen vorgeschlagen, das renommierte Museum Morsbroich zu schließen. Ihr Vorschlag ist Teil einer Ideenliste, um die hochverschuldete Stadt zu sanieren. Ebenfalls in Nordrhein-Westfalen hat eine Tochter der landeseigenen NRW-Bank Ende 2014 zwei Warhol-Bilder, die Werke Triple Elvis und Four Marlons, verkauft – trotz heftiger Proteste dagegen, dass ein Bundesland seinen Kulturbesitz veräußert, um die Kassen zu füllen. Und da, wo zeitgenössische Kunst auf den Markt kommt, können öffentliche Sammlungen seit einiger Zeit schon häufig nicht mehr mit reichen Privatsammlern mithalten. Die Lücken, die dabei gerade entstehen, werden wahrscheinlich erst in einigen Jahren sichtbar, wenn die ersten großen Überblicksschauen zu den Nullerjahren anstehen. Die Befürchtung, dass wir es im Jahr 2052 tatsächlich mit einer ganz anderen „Museumslandschaft“ zu tun haben werden, ist also nicht unbegründet.

Konkurrenz erwächst den klassischen europäischen Häusern der Nachkriegsmoderne aber auch durch eine Verschiebung des Blicks auf die aktuelle Kunst insgesamt. Die Kritik, die Kunstwissenschaft und die Museen nehmen heute mehr und mehr Abschied von der lange bestimmenden eurozentristischen Sichtweise. Junge Künstler aus Afrika, Asien und Südamerika treten in den Fokus – auch bei den Sammlungstätigkeiten. Das Frankfurter MMK selbst ist hier ein Vorreiter.

Tatsächlich hat man in dieser Ausstellung häufig den Eindruck, dass hier ein melancholischer Blick auf die Kunst des Westens geworfen wird, auf den Kanon der Documenta-Kultur. Da hängen dann etwa, an einer Wand gereiht, ein Kippenberger, ein Bayrle, ein Polke und eine Arbeit von Barbara Kruger, allesamt ikonische Werke. Der Großteil der ausgestellten Künstler stammt aus dem, was wir die westliche Welt nennen. Auch On Kawara lebte und arbeitete größtenteils in New York. Nur vereinzelt finden sich Arbeiten aus anderen Sphären. Der Libanese Akram Zaatari etwa hat Porträts aus dem Archiv des Berufsfotografen Hashem el Madani ausgewählt und zu einer Reihe zusammengestellt.

Immer mit Hashtag

Neben den Kunstwerken hängen anstelle der üblichen Schilder nun Abreißblöcke, zu jedem Ausstellungsstück kann man sich eine knappe Werkbeschreibung mitnehmen. Die Rückseite der Zettel sollen die Besucher selbst gestalten. Hier können sie ihre Gedanken an die Kunstwerke niederschreiben oder auch kleine Zeichnungen anfertigen. In einem Raum am Ende des Rundgangs werden diese Erinnerungen gesammelt. Dort gibt es auch einen Bildschirm, der widerspiegeln soll, welche Kommentare zur Schau über die sozialen Netzwerke verbreitet werden. Der eigene Hashtag zur Ausstellung ist nicht nur hier, sondern in vielen Museen heute Usus.

Dass Virtualität nicht erst mit der digitalen Revolution gekommen ist, darauf soll der Titel der Ausstellung verweisen. Musée imaginaire ist ein Essay – besser: eine Idee – des französischen Journalisten und Kulturpolitikers André Malraux aus dem Jahr 1947. Demnach kann sich jeder Mensch sein eigenes, ganz individuelles Museum erschaffen – mit Hilfe von Fotografien. Was für die allermeisten Menschen heute das Netz ist, nämlich ein riesengroßer Möglichkeitsraum, war für Malraux damals die fotografische Reproduzierbarkeit. Das Spiel mit den Bildern betrieb er ab den 60er Jahren wie ein Besessener. Malraux gab bis 1997 eine 42 Bände umfassende Buchreihe, das Universum der Kunst, heraus – die am Ende rund 23.000 Abbildungen umfasste. Verglichen mit der Datensammelwut der Gegenwart wirkt dieses Konvolut jedoch geradezu überschaubar und harmlos.

Mit einer besonderen Idee soll im September auch die Ausstellung im MMK 2 beendet werden. Für einige Tage wird die Schau dann schließen, um für ein großes Abschlusswochenende erneut zu öffnen. Dann sollen die Kunstwerke tatsächlich verschwunden sein. An ihre Stelle sollen Menschen treten, die von den Werken erzählen. So wie die Büchermenschen aus Bradburys Roman.

Info

Das imaginäre Museum. Werke aus dem Centre Pompidou , der Tate und dem MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, bis 4. September

06:00 13.04.2016

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