Börsen fressen Börsen

Spekulant in eigener Sache Der Quantensprung für die Finanzmärkte

Während der neunziger Jahre schienen die Finanzmärkte zu explodieren - das Kapitaleigentum wurde "internationalisiert". Großbanken, Versicherungsfirmen, Finanzkonzerne gehörten zu den Spitzenreitern im weltweiten Fusionsgetümmel. Übernahmen gerieten zur wichtigsten Form der Kapitalakkumulation und des Kapitalexports. Investiert wurde mit Vorliebe auf Kredit, finanziert mit kurzfristigen, hochspekulativen Anleihepapieren (so genannten Junk-Bonds), indem man Unternehmen aufkaufte und - säuberlich in Einzelteile zerlegt - wieder veräußerte. Parallel dazu gingen immer mehr Unternehmen an die Börse und wurden zum Spekulationsobjekt für Investmentfonds (voran der Hedgefonds). Als die Blase der New Economy schließlich platzte, sackte die Welle kurz zusammen. Inzwischen aber rollt sie wieder - stellt das Geschäftsvolumen der Firmenaufkäufe mit fast 900 Milliarden Dollar pro Jahr das Niveau des Boomjahres 2000 in den Schatten.

Neue Spielart der Konkurrenz

Seit geraumer Zeit werden die großen Weltbörsen selbst vom Fusionsfieber geschüttelt. Börsen waren bis vor kurzem eher altmodische Clubs, private Vereine mit eigener Satzung und Selbstverwaltung, die denen gehörten, die sie benutzten - Börsenhändlern und -maklern. Diese Vereine (mit öffentlichem, sogar gemeinnützigem Status) sind mittlerweile fast alle zu Privatunternehmen - sprich: Kapitalgesellschaften - mutiert. Vor allem gehen die Börsen nun selbst an die Börse. Über ein Drittel der wichtigsten Wertpapiermärkte der Welt firmiert heute als "börsennotierte" Aktiengesellschaft. Nur noch rund 15 Prozent der Börsen sind keine reinen Privatunternehmen. Die drei größten Häuser Europas - die LSE in London, die Vierländerbörse Euronext und die Deutsche Börse in Frankfurt - gingen 2001 an die Börse, 2006 folgte mit der New Yorker NYSE die größte Börse der Welt. Dem Finanzkapital eröffnet sich damit eine neue Spielart der Konkurrenz: Kauf von Börsen, Fusionen und Übernahmen. Aus Orten der Spekulation werden die Börsen selbst zu Spekulationsobjekten und die Börsen AGs zu Spekulanten in eigener Sache, denen der Gewinn ihrer Aktionäre, wie die großen Investmentfonds zeigen, stets am Herzen liegt. Fusionen zwischen börsennotierten Börsenunternehmen sind üblich geworden - Börsen kaufen andere Börsen oder fusionieren. Das Börsenkapital akkumuliert und konzentriert sich, es zentralisiert sich sogar - weltweit und in atemberaubendem Tempo.

Schon heute entfallen fast 97 Prozent aller Börsenumsätze auf weniger als 50 Börsen, obwohl deren Zahl in den vergangenen 20 Jahren rasant gestiegen ist, besonders in Europa (mit 17 Aktienbörsen, davon acht in Deutschland) und in den USA. Nur einige wenige Weltbörsen (wie Tokio, Hongkong und neuerdings Shanghai) liegen in Asien. Über vier Fünftel des weltweiten Devisenhandels konzentrieren sich auf fünf Devisenmärkte, von denen der in der Londoner City mit weitem Abstand der größte und wichtigste ist.

In der Liga der Weltbörsen ist nur noch die Tokioter Anstalt nicht börsennotiert, kann also nicht aufgekauft werden. Bei allen übrigen grassiert das Fusionsfieber. Dabei ist in den USA die Konzentration weit höher als in Europa, aber nur die "Großen Vier" - die NYSE und Nasdaq in New York und die CME und CBOT in Chicago - haben eine globale Ausstrahlung.

In Europa entstand 1998 durch die Fusion der Deutschen Terminbörse und der SOFFEX (eine Tochter der Schweizer Börsengesellschaft SWX) mit Eurex die drittgrößte Terminbörse der Welt. Kurz darauf vereinigten sich die Börsen von Paris, Amsterdam und Brüssel zur Euronext, der ersten Mehrländerbörse, die 2002 durch Fusion mit der Börse von Lissabon und den Zukauf der Londoner Terminbörse LIFFE erweitert wurde. Euronext ist damit heute, nach London und vor Frankfurt, die fünftgrößte Aktienbörse der Welt. Auch in Skandinavien, Spanien und Italien haben regionale Börsen fusioniert.

Neun Millionen Transaktionen pro Tag

Für die Aktionäre der Börsengesellschaften sind Fusionen lohnende Geschäfte, und schon Übernahmegerüchte reichen aus, um die Aktienkurse der davon betroffenen Börsen in die Höhe zu treiben - was namentlich Manager und Aktionäre der großen Investmentfonds freut, die in Aktien der größten Börsen viel investiert haben. Hedgefonds-Manager verstanden es in jüngster Zeit wiederholt, Übernahmen in der zutreffenden Erwartung zu verhindern, dass die Aktien der beteiligten Börsen beim fortgesetzten Übernahmepoker weiter kräftig steigen. Sie setzen dabei nicht zuletzt auf Kostenersparnisse, sind doch die fixen Kosten der Börsen dank der Computerisierung kräftig gestiegen. Fusionen und Übernahmen hingegen erlauben es, bis zu 18 Prozent der Handelskosten einzusparen - in Europa ergäbe das bei grenzüberschreitenden Fusionen bis zu fünf Milliarden Euro pro Jahr.

Unter diesen Umständen ist der Kampf um die europäischen Erstligisten - die Londoner Aktienbörse LSE und die Vierländerbörse Euronext - in vollem Gang. Viermal wurde in jüngster Zeit versucht, die LSE zu übernehmen: Die Deutsche Börse versuchte es Anfang 2005 (zum zweiten Mal), dann probierte es Euronext, danach kam die australische Investmentbank Macquarie, schließlich überbot die Nasdaq alle früheren Bewerber um fast das Doppelte. Doch sie scheiterten ausnahmslos - den Großaktionären der LSE - angeführt von einigen mächtigen Hedgefonds - waren die Gebote zu niedrig, sie wollten höher pokern. Die Nasdaq hat daher ihre Strategie geändert und mittlerweile über 25 Prozent der LSE-Aktien erworben. Damit kann sie der europäischen Börsenkonkurrenz eine Übernahme der LSE schwer verleiden.

Zur gleichen Zeit wurde die Euronext von der Deutschen Börse und der NYSE in New York heftig umworben. Anfang Juni 2006 schien die Übernahmeschlacht in Europa entschieden - Euronext und NYSE erklärten, sie beabsichtigten eine Megafusion, die den weltweit größten Aktienmarkt - mit einer Marktkapitalisierung von über 15 Milliarden Dollar - und zugleich die erste transatlantische Börse schaffen solle. Aber noch ist nichts Endgültiges passiert, der Kampf geht weiter - solange, bis im Dezember die Aktionäre der Euronext entschieden haben. Im September plädierte Paris Europlace, eine der größten europäischen Finanzlobbys, mit dem Lachmann-Bericht für eine europäische Lösung: Die Deutsche Börse solle ihren Aktienhandel in die Euronext einbringen und dafür eine Beteiligung von 15 bis 20 Prozent erhalten. Die föderative Struktur der Euronext sollte dadurch bewahrt werden. Die NYSE parierte sofort und versprach, keineswegs nordamerikanische Börsenregeln in Europa einführen zu wollen, woraufhin die Deutsche Börse prompt ein neues Angebot ganz im Sinne des Lachmann-Reports vorlegte. Aus alldem ließ sich ersehen, so "transnational", wie stets behauptet wird, ist das Börsenkapital noch lange nicht, nationale Regulierungen spielen selbst auf den stark internationalisierten Finanzmärkten nach wie vor eine zentrale Rolle.

Mit einem Paukenschlag hat Ende Oktober der Weltbörsen-Poker ein neues Stadium erreicht. Plötzlich und unerwartet wurde die Fusion der weltgrößten Terminbörse CME in Chicago mit ihrer Erzrivalin, der Chicago Board of Trade (CBOT), bekannt gegeben. Mit diesem Acht-Milliarden-Dollar-Deal entstand mit einem Schlag die weltweit größte Börse für den Handel mit Derivaten aller Art, an der Tag für Tag mehr als neun Millionen Transaktionen getätigt werden, mit einer Marktkapitalisierung von gut 25 Milliarden Dollar - ein Quantensprung in der Zentralisation des Derivatenhandels.

Den Wolken ein Stück näher

Beim Kampf um die Vorherrschaft auf den internationalen Finanzmärkten dürfte sich nach Europa in Asien die nächste Arena bieten. Kürzlich haben die NYSE und die Tokioter Börse TSE erklärt, ab 2007 enger kooperieren zu wollen, geplant sei eine gegenseitige Beteiligung von zehn Prozent, es heißt, ein Börsengang der TSE stehe in absehbarer Zeit bevor - die Börse in Seoul könnte mit von der Partie sein. Nasdaq riskiert gleichfalls den Ausfallschritt nach Asien und hat eine Art Schulterschluss mit der japanischen Börse Jasdaq angekündigt, um den Handel mit asiatischen Wertpapieren (durch die doppelte Börsennotierung in New York und in Tokio) voran zu treiben.

Klappt die geplante Übernahme der Euronext durch die NYSE - im Moment sieht alles danach aus, da die Aktien der NYSE dank der Rekordgewinne des letzten Quartals in die Höhe schießen -, und gelingt der Nasdaq die Übernahme der LSE, kämen wir einer Welt "transnationaler Finanzmärkte", die Ideologen der "Globalisierung" seit langem bejubeln, ein Stück näher.

Michael R. Krätke ist Politökonom und Professor an der Universität Amsterdam sowie Mitherausgeber der spw.


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00:00 10.11.2006

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