Böse Freunde, gefallene Engel

Polen/Ukraine Präsident Kwasniewski war Pate der orangen Revolution - Präsident Kaczynski will nicht ihr Erbe sein

Gegensätzlicher könnten die Bilder nicht sein. Winter 2004, Höhepunkt der orangen Revolution - Polens Politiker sind in Kiew im Dauereinsatz: Fieberhaft bemüht sich der postkommunistische Präsident Aleksander Kwasniewski als Vermittler, um ein Blutvergießen zu vermeiden. Er hat das Vertrauen beider Konfliktparteien und obendrein einen mehr oder minder expliziten Auftrag der EU und des State Departments. Während Kwasniewski verhandelt, ruft sein Vorgänger Lech Walesa den Demonstranten am Platz der Unabhängigkeit zu: "Mein ganzes Leben habe ich für jene Ideale gekämpft, für die ihr jetzt kämpft. Ich sehe euren Enthusiasmus - und ich bin =überzeugt: Ihr werdet siegen!"

Szenenwechsel - August 2006, Viktor Janukowitsch ist nach einem Schulterschluss mit seinem Gegenspieler Viktor Juschtschenko ukrainischer Premier - und das offizielle Polen reagiert lethargisch. Der rechtsnationale Präsident Lech Kaczynski telefoniert einmal unwillig mit seinem ukrainischen Gegenüber Juschtschenko, ansonsten aber herrscht zwischen Warschau und Kiew Funkstille. Im fernen Washington toben die Amerikaner: Sie haben erwartet, dass die Polen wie schon 2004 mithelfen werden, den in ihren Augen allzu Russland freundlichen Janukowitsch von der Macht fernzuhalten. Doch die Kaczynski-Zwillinge bevorzugen die Linie strenger Nichteinmischung, wie Außenministerin Anna Fotyga der Presse mitteilen darf: "Die ukrainische Gesellschaft hat ihre Entscheidung getroffen, wir haben das zu akzeptieren."

Zumindest auf den ersten Blick wirkt das stichhaltig: Anders als 2004 hat Janukowitsch diesmal die Wahlen nicht manipuliert. Seine Bestellung zum Premier mag überraschend sein, doch sie verlief rechtlich korrekt. Polens Staatschef will die polnisch-ukrainische Zusammenarbeit daher in Zukunft - so ist jedenfalls aus seiner Kanzlei zu erfahren - von der Regierungsebene weg und auf regionale Initiativen sowie NGOs verlagern. Mit dem bösen Moskau-Freund Janukowitsch will er offenbar ebenso wenig zu tun haben wie mit dem gefallenen Engel Juschtschenko.

Lech Kaczynskis Anhänger werden ihm das vermutlich als weiteren Beweis für seine Prinzipientreue auslegen. Doch die Wahrheit ist komplexer: Kaczynskis Non-Performance während der jüngsten Krise in der Ukraine ist weniger ideologischer Zähigkeit geschuldet als viel mehr blankem Unvermögen. Während sein Vorgänger Kwasniewski Außenpolitik derart liebte, dass ihm bisweilen der Vorwurf gemacht wurde, er interessiere sich für das, was in seiner Heimat vorgeht, überhaupt nicht mehr, ist es bei den Kaczynskis genau umgekehrt: Weder haben sie respektable Kontakte in der weiten Welt der Diplomatie noch ist ihnen daran gelegen. Symptomatisch daher, was Lech Kaczynski antwortete, als er vor wenigen Tagen gefragt wurde, wen er in seiner Sommerresidenz an der Ostsee zu empfangen gedenke - Kwasniewski nützte diese Aufenthalte stets zur Pflege seiner weitläufigen Kontakte, was er medial gern breittreten ließ. Kaczynski gab ebenfalls freudig Auskunft über seine Gäste: "Mein Bruder wird mich besuchen", ließ er das Volk wissen.

Neben dem genuinen Desinteresse an der Außenpolitik existiert freilich noch ein weiterer Grund, warum die Zwillinge als Vorkämpfer für die europäischen Werte in der Ukraine nicht recht taugen. Anders als Aleksander Kwasniewski und mit ihm die gesamte postkommunistische Linke Polens, die sich der Europäischen Idee mit Haut und Haaren, dafür ohne jeden Funken Kritik ausgeliefert haben, geben sich die Kaczynskis seit jeher betont EU-kritisch - bis hin zum dumpfen Ressentiment. Womit auch der größte Unterschied zwischen der Ukraine-Politik der jetzigen rechten und der verflossenen linken Staatsführung in Polen benannt ist: Die Postkommunisten glaubten an eine Mission - sie wollten ihr geliebtes Europa importieren. Die Kaczynskis spüren eine solche Berufung nicht. Für sie gelten die "Eckpunkte": Gott, Vaterland, Moral und eine splendid isolation im sicheren Gehäuse der IV. Polnischen Republik.


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00:00 18.08.2006

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