Bosnien braucht ein Dayton II

DIE BRCKO-KRISE Symptom für eine allseits abgelehnte Friedensordnung

Da zieht einer an der richtigen Stelle einen Stein heraus, und schon droht das ganze Gebäude einzustürzen. Die Krise um die Stadt Brcko und den bosnisch-serbischen Präsidenten Nikola Poplasen, die noch lange nicht ausgestanden ist, macht klar, wie gefährdet die bosnische Friedensordnung noch immer ist. Mögen die internationalen Verwalter in Sarajewo, die als gute Beamte gern glauben, »alles im Griff« zu haben, auch ungeschickt zu Werke gegangen sein. Das Hauptproblem liegt leider viel tiefer: Niemand will im Grunde diese Friedensordnung, und gegen alle kann sie nicht verteidigt werden.

Den serbischen und kroatischen Nationalisten schmeckt der Dayton-Vertrag nicht, weil er sie in einen gemeinsamen Staat mit den Muslimen zwingt. Sie konnten sich nicht durchsetzen, waren aber immerhin stark genug, so viele Kompromisse durchzusetzen, daß der Staat zu einer weitgehend absurden Veranstaltung wurde. Die Verfassung zwingt zum Beispiel die Muslime in der Republik Srpska, einen Serben ins Staatspräsidium zu wählen, und erlaubt es den Muslimen in der Föderation, einen ihnen genehmen Kroaten als »kroatischen Vertreter« in das Gremium zu entsenden. Das Land aus zwei »Entitäten« hat 15 Parlamente, sechs Präsidenten, drei Regierungen - auf seinem Territorium liegen ein Quasi-Nationalstaat, ein Zwei-Nationen-Staat und zehn Kantone, davon zwei »gemischte«. Alles ist bis ins kleinste durchquotiert; Nationalität für eine Kategorie zweiter Ordnung zu halten, zumal da, wo alle die gleiche Sprache sprechen und viele aus Mischehen stammen, ist von der Verfassung einfach nicht erlaubt. Kein Wunder also, daß sich für dieses schillernde Staatswesen niemand engagieren mag, und jeder, der darin eine Funktion einnimmt, Hintergedanken hegt. Dieses Bosnien ist einfach nicht plausibel. Daran scheitert im übrigen auch der Wiederaufbau: Weil sich keiner vorstellen kann, wie dieses Land in zehn oder 20 Jahren aussieht, baut hier niemand gern sein Haus. Die notdürftig geflickten Dächer und mit Plane ersetzten Fensterscheiben, die man überall sieht, symbolisieren das Bosnien von Dayton.

Weil die internationalen Verwalter keine Volksgruppe und keine politische Kraft haben, auf die sie sich stützen können, sind Gestalten wie Poplasen trotz aller SFOR-Truppen und protektoralen Befugnisse so mächtig: Wenn sie sich positionieren, ordnen sie das ganze Feld neu, stoßen aber kaum auf Widerstand. Auch die Gemäßigten unter den bosnischen Serben wie der Premierminister Milorad Dodik, der alles andere ist als ein nationaler Eiferer, sind gezwungen, sich besonders der nationalen Interessen ihrer Wähler anzunehmen, denn sie reisen nach der Verfassung auf dem nationalen Ticket. Das gibt den Extremisten immer und auf Dauer eine starke Stellung: Sie sind immer die ersten, die Verrat! rufen oder die heiligsten Werte der Nation in Gefahr sehen, Fälle, die in der Dayton-Verfassung so umsichtig geregelt sind; die anderen, denen es vielleicht um Demokratie, die mittelständische Wirtschaft, Familienwerte oder was auch immer geht, können da immer nur abschwächen.

Anders als über einen schmerzhaften Kompromiß wird sich die gegenwärtige Krise kaum beilegen lassen. Die internationalen Verwalter können es sich nicht leisten, alle bosnischen Serben einer Geiselhaft der Extremisten zu überantworten. Außerdem werden die Kroaten rasch folgen: Sie haben noch jede Absetzbewegung der Serben aus Bosnien mit geringem Zeitverzug mimetisch nachgeahmt. Ist das Symptom kuriert, muß rasch das Grundübel beseitigt werden: Bosnien braucht ein »Dayton II«, für das Engagement sich auch wirklich lohnt.

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