Bottum up!

Kommentar In allen Parteien gähnt ein geschlechterdemokratisches Niemandsland

Jetzt zog sie doch noch die Frauenkarte, die Kanzlerin in spe. Ein wenig enttäuscht bin ich jetzt schon, dass in den letzten Tagen vor der Wahl doch noch auf ihr "Frausein" gesetzt werden musste. Dabei wäre es doch spannend gewesen zu beobachten, ob die lediglich phänotypische Repräsentanz dessen, was wir Frau nennen, bei gleichzeitiger Nicht-Thematisierung dieses Umstandes zu einer neuen Selbstverständlichkeit führen würde. So in der Art: Ganz oben macht eine Frau Politik, die Macht macht sie sichtbar immer attraktiver und das wirkt dann "top down" in die Gesellschaft hinein. Einfach so, als Anreizverfahren für die Schwestern, in die oberen Führungspositionen zu drängen, eine Art neue Leichtigkeit in Sachen Gleichstellung. Preiswert zudem und ohne die Mühen des Geschlechterkampfes und des bürokratischen Unterbaus der täglichen Gleichstellungspolitik.

Nun, das werden wir in dieser Reinheit nicht mehr erfahren. Ein solcher, empirischer Freilandversuch ist uns Gesellschaftsforscherinnen by heart nicht gegönnt. Seit letzter Woche beschwört Frau Merkel die Frauen und von denen sind manche ganz symbolbeschwipst, fast in Ekstase. Viele Frauen - keineswegs nur Künstlerinnen! sind aber auch ein ganz klein wenig skeptisch - zu Recht!

Da schlüpft dem neuen und schon leicht entkleidetem Superstar Kirchhof das hässliche Krötlein mit den Familienformen des vorletzten Jahrhunderts aus dem Mund. Und so recht einsehbar mag all jenen, denen die Frage nach sozialer Gerechtigkeit etwas bedeutet, nicht sein, warum die Kleinen überproportional mehr als die Großen ran müssen, wenn Steuerdinge unbürokratischer (an sich begrüßenswert!) werden sollen ... Unter den in Gelddingen Kleinen, das sei bloß noch einmal erinnert, befinden sich in unserem Land zwar zunehmend mehr Männer, mehr im Osten des Landes als im Westen, aber eben doch noch viel viel mehr Frauen. Und die Chefin spricht kein Machtwort, sondern lächelt nur leise.

Schauen wir ganz nach links, finden wir, was sich so nennt. Zwei Burschen im besten Männeralter, mit geröteten Wangen, haben sich zu west-östlichem Bruderpaar zusammengetan und sprechen zu (zumeist) begeisterten und schwer enttäuschten Mengen. Der Ärger auf das, was als rot-grünes Reformprojekt gestartet ist, ist spürbar. Der eine Oskar, vergreift sich manchmal im Ton, aber sei´s drum. Gleichstellungsfragen spielen hier weder in der Repräsentanz noch in der Sache eine Rolle. Geschlechterpolitisches Niemandsland. Früher hatte Links etwas Progressives. So kann´s kommen. Das liegt nicht nur am Programm. In Sachen Gleichstellung der Geschlechter steht da manch Vernünftiges. Allein, es bleibt blutleer und merkwürdig vage, trotz unbestreitbar vorhandener Frauen, die an der Basis oftmals Gutes wirken. Im Rampenlicht sonnen sich die Männer!

Das allerdings ist weiter in der Mitte bei SPD und Grünen auch so. Direkt unter der Spitze und vor allem im Mittelbau der Parteien steht dort, anders als im konservativen Lager, die FDP eingeschlossen, eine große Zahl gut profilierter, qualifizierter und erfahrener Frauen bereit, schon morgen die neuen Spitzen auch in den "harten" Politikfeldern zu bilden ("bottum up"). Ergebnis jahrelanger Kämpfe um Quote und Einfluss. Das allerdings steht auch an! Frausein allein reicht nicht, das gilt aber auch im Umkehrschluss. Anders die Linkspartei. Direkt unter der Führungsspitze ist dort nichts als ein Kompetenz-Vakuum und zwar in Hinblick auf alle Geschlechter.

Warum vorweg nehmen, was noch nicht entschieden ist. Schließlich muss der Souverän, erst noch aktiv werden. Ich bin wahrscheinlich zu oft in Polen und da hat in der jüngeren Geschichte noch niemals ein Meinungsforschungsinstitut mit den Prognosen Recht behalten. Zum Schluss machen die WählerInnen dort immer was sie wollen und das, was sie vorab vorgeben zu tun, ist wie ein rhetorisches Probehandeln, wie es sich halt so anfühlen könnte, wenn.

Und wenn´s doch so kommt, wie es jetzt alle sagen? Dann gilt es Opposition neu zu erfinden! Als schlichter Anti-Reflex ist mir das zu dünne. Eine Opposition der Zukunft muss ihre kreativen Kräfte entfalten und dafür Wissenschaft, Forschung, die Künste und die Zivilgesellschaft mobilisieren. Es gilt, ehrlich und sehr grundsätzlich nach neuen Entwürfen von Gesellschaft jenseits von Vollbeschäftigung und paternalistischem Transferstaat zu suchen. Links sein bedeutete auch einmal neu denken - alles andere kränkt! Welche Regierung wir auch immer bekommen, einmischen für mehr Geschlechterdemokratie bleibt angesagt.

Claudia Neusüß
Politikberaterin

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