Boxenstopp, später

Ideologie Ulf Poschardt will Kategorien wie „links“ und „rechts“ abschaffen und wirft dafür mit Klassikerzitaten um sich
Boxenstopp, später
Poschardt driftet durch sein Glashaus, Sätze als Überholmanöver der eigenen Gedanken quasi, unterlässt den Boxenstopp, wo man sich als Leser einen Halt zwecks Präzisierung gewünscht hätte

Foto: Ukrinform/Imago Images

Ulf Poschardt, Chefredakteur der „Welt-Gruppe“, hat ein neues Buch geschrieben. Mündig heißt es und wartet gleich zu Beginn mit der Diagnose auf, alle seien „auf eine magische Weise überfordert“. Poschardt meint hier nicht das Coronavirus, sondern die viel beschworene Schnelllebigkeit der Zeit samt ihren technologischen Errungenschaften, die geeignet seien, die moderne Gesellschaft im Hinblick auf Mündigkeit epochal zurückzuwerfen. Dem Einzelnen werden demnach mehr und mehr wichtige Lebensentscheidungen abgenommen; exemplarisch zu sehen am zukünftig voll autonom fahrenden Auto, das schon heute einen „digitalen Hofstaat“ mit sich führe: eine Heerschar von Assistenten.

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Das hier so konkrete Phänomen, Ulf Poschardt nennt es Paternalisierung, beschreibt er etwas abstrakter in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und Rollenbildern, teils in provozierender Schärfe. Immer attestiert er dem allgemeinen Zeitgeist – besonders genüsslich dem linksgrünen natürlich, was aber für Poschardt ohnehin fast dasselbe ist – eine Neigung zur Unmündigkeit, zur Hingabe an Paternalismus.

Gewagte Kurventechnik

Die Linken, so der nicht mehr ganz neue Vorwurf, hätten sich vom Arbeitermilieu entfernt und sich, grün gebettet auf paternalistisches Staatsvertrauen, in einer eher bourgeoisen Pseudoaufgeklärtheit eingerichtet. Ihre herausragenden Köpfe seien vielfach „Denkunterhalter für diejenigen, die es sich in den Utopien des 19. Jahrhunderts eher gemütlich eingerichtet haben“. Links und rechts sind für ihn keine geeigneten Kategorien für politische Standpunkte mehr.

Ulf Poschardt hat sich ins Glashaus begeben, nicht ohne dieses mit einer Fülle schwergewichtiger Zitate zu panzern. Das Spektrum reicht vom Vorsokratiker Xenophanes über Descartes und Rousseau, Wittgenstein, Heidegger, Camus, Popper bis hin zu Adorno, Sloterdijk und Armin Nassehi. Kant sowieso, dessen „sapere aude“ samt proklamiertem Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit ja Titel und roten Faden des Buches vorgibt. Was Poschardt mit Mündigkeit meint, muss man sich aus den Beispielen, die er in den einzelnen Kapiteln aufzählt, zusammenreimen. Mündigkeit heißt selbst denken, nicht mit dem Strom schwimmen, im Zweifel dagegen sein. Wobei Dagegensein ist aber als Prinzip auch wieder nicht mündig, denn zu echter Mündigkeit gehört, sich die Freiheit zum Ja zu nehmen, wenn Dagegensein opportun geworden ist. Apropos Freiheit: verordnete Freiheit kann paternalisierend wirken.

Wettbewerb, Aggression, Mut, Unangepasstheit und so weiter sind Attribute des Mündigen, aber sie sind es niemals um ihrer selbst willen. Zweifel und Ambivalenz gehören immer dazu – Autoritäten entlarvend, um ihre Unverzichtbarkeit zu belegen, wie der „Lausbub“ Dr. Johannes Pfeiffer im Film Feuerzangenbowle. Der Mündige bekommt ein kleines Heldentum als Krone. Beispielsweise die Gründer von Google, Amazon, Facebook und Apple; ebenso Künstler wie Josef Beuys oder Hip-Hopper wie KRS-One; aber auch – und das zeigt Poschardts eigene Unerschrockenheit – Greta Thunberg und ihre deutsche Mitkämpferin Luisa Neubauer. Ganz besonders scheint er Heldentum bei Rennfahrern wie Ayrton Senna zu verorten. Solchen also, die nicht nur ihr Leben riskierten bis zum oft vorzeitigen Tod, sondern auch immer gerne den rebellischen Lausbuben gaben, der sich an Regeln nur ausnahmsweise hält. Anders als Nachfolger wie Michael Schumacher, die, so Poschardt, mehr an Piloten von Computerspielen erinnern.

Nicht zufällig ist „Drift“ eines der häufig gebrauchten Wörter im Buch. Ein Begriff aus dem Motorsport, muss man wissen, wo es eine Kurventechnik meint, bei der die Hinterachse wegen zu hoher Geschwindigkeit schon aus der Bahn driftet, aber der Fahrer durch Gegenlenken die Ideallinie zu halten versucht.

Mit dem Knie lenken

Poschardt drifted durch sein Glashaus, Sätze als Überholmanöver der eigenen Gedanken quasi, unterlässt den Boxenstopp, wo man sich als Leser einen Halt zwecks Präzisierung gewünscht hätte. Absätze gelegentlich ohne Rücksicht auf den inhaltlichen Fluss, als hätte der Setzer das Steuer in der Hand.

Der mündige Unternehmer sei ein Pleonasmus, schreibt er im gleichnamigen Kapitel. Und Poschardt will den Zeitgenossen als Unternehmer des eigenen Lebens: selbstermächtigt Verantwortung tragend und auf Höhe der Zeit informiert, entschieden stoisch den Weg zwischen Tugend und Laster gehend, auf eigenes Risiko, geradeaus zwischen Übermut und Mut; niemals angepasst, aber sich hütend vor der Unangepasstheit als Attitüde. Er folgt dem inneren Kompass zum Aufbruch. Seine Ideallinie ist die Synthese aus Bindung und Freiheit.

So fordert Poschardt die Mündigkeits-Quadratur des Kreises: Gegensätze und widerstreitende Kräfte in zielgerichtete Wirkung zu lenken. Yin und Yang, ein Gegensatzpaar, das er nicht explizit erwähnt. Dass er sich aber implizit auf interessantes Gedankengut zurückbezieht, weit älter als Kant, ewige Grundfragen der Philosophie nämlich, und dieses als brandaktuell skizziert, ist das eigentlich Interessante an Mündig, auch weil er damit – quasi im Vorbeifahren – den gebräuchlichen Antagonismus konservativ–progressiv rinks oder lechts liegen lässt.

Info

Mündig Ulf Poschardt Klett-Cotta 2020, 271 S., 20 €

06:00 18.05.2020

Ausgabe 22/2020

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