Boy meets girl

KEHRSEITE Im Augenblick des Todes, heißt es, würde man im rasenden Zeitraffer noch einmal sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen sehen. Gäbe es die ...

Im Augenblick des Todes, heißt es, würde man im rasenden Zeitraffer noch einmal sein ganzes Leben an sich vorbeiziehen sehen. Gäbe es die Möglichkeit, diesen Bio-Clip durch einen anderen zu ersetzen, würde ich die faszinierende Dauerwerbesendung wählen, der ich kürzlich im Fernsehen begegnete. Ein schlaksiger Kerl schlenderte durch eine weitläufige Altbauwohnung. Seine weiße Jeans war viel zu eng, und die in die Stirn gewellten Haare machten ihn lächerlich unzeitgemäß. Er machte dem Zuschauer die internationalen Hits der achtziger Jahre schmackhaft und wollte, dass man umgehend eine 3-CD-Box bestellte. Und um den Appetit der Konsumenten anzuregen, spielte er die rührend unbeholfenen Video clips aus jenen Jahren.

Da saß ein junger Mann in der Wüste, eine Gitarre in der Hand. Sein Lied schlug mir mit aller Wucht ins Gemüt. Es war der arglose, offenherzige Blick, mit dem er da in der Hitze saß und fröhlich von einer Frau sang, die zu erwarten er noch lange nicht aufgegeben hatte. Ein Geländejeep braust heran, noch mehr Staub wirbelt auf, das liebenswerteste Mädchen dieser Welt blickt den Sänger an und lädt ihn ein, mitzufahren. Dieses Geländewagen-Mädchen, mit einer der damals so angesagten Dauerwellen, hatte die warmherzigsten Augen der Welt, ohne jeden Anflug von derb-dürftigem Sex-Appeal. Mit einem Schlag sind sie alle wieder da, die Mädchengesichter der achtziger Jahre, die man auf dem Schulhof, im Café oder in der Disco schüchtern anhimmelte.

Wäre mir nicht ein Fitzelchen Restvernunft in jenem rührseligen Augenblick geblieben, ich hätte umgehend zum Telefonhörer gegriffen und die überteuerte Collection geordert. Zwei Tage später habe ich dann drei ähnliche Sampler für viel weniger Geld erworben, und so ging die Erinnerungs-Party richtig los. Jetzt wusste ich nämlich, weshalb ich den Hits der achtziger Jahre so widerstandslos erlegen war. Es war die offensichtliche Unschuld dieser Dekade. Niedlich, wie die Sängerinnen und Sänger ihre Geschichten von Liebe, Krieg, Hass, Eifersucht und Versöhnung inszenierten. Die Angst vor dem großen Knall, dem Atomschlag, dem explodierenden Kraftwerk oder der kollabierenden Natur war in diesen Liedern zwar häufig präsent, es änderte aber nichts an der unverbrüchlichen Geschichte "boy meets girl" oder an der Gewissheit, dass die Liebe alles besiegt. In meinen Tagträumen ging es damals fast immer darum, wie ich das Mädchen meiner Wahl am besten kennenlernen oder wie ich ihm meine alles übersteigende Liebe beweisen konnte. In beiden Fällen half die Katastrophe: Ich stellte mir also vor, dass ein Atomschlag fast alle Menschen umgebracht hätte und ich mich nun auf die Suche nach ihr, meiner "großen Liebe" zu begeben hätte. Wie durch ein Wunder hatte sie natürlich überlebt. Tapfer gab ich in diesen Phantasien auch meine Eltern und Freunde an den Tod her, um ihr noch heroischer und einsamer gegenübertreten zu können. Ich summte das apokalytisch-dramatische Dancing with tears in my eyes von Ultravox, oder ich fühlte mich mit Nenas 99 Luftballons in die durchgeknallten Generalshirne der kalten Krieger hinein, die die Erde zerstören, weil sie harmlose Luftballons mit Ufos verwechseln. Die ganze Welt lag in Scherben und wir uns in den Armen.

Leider verschwand der Spot dann irgendwann aus dem Programm.

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