Boykott als Dialog

Sally Rooney Die Autorin will ihr jüngstes Werk nicht ins Hebräische übersetzen lassen – aus Protest gegen die Besatzung Palästinas. Ist das nachvollziehbar? Ja, meint Yael Lerer
Boykott als Dialog
Die irische Autorin Sally Rooney

Foto: B. Cannarsa/Opale/Leemage/laif

Rund 14 Millionen Menschen wohnen zwischen Jordan und Mittelmeer: 7,3 Millionen „Juden und andere“, wie es die israelische Statistikbehörde nennt, sowie 6,8 Millionen palästinensisch-arabische Personen. Viele denken, das Gebiet sei in zwei seit jeher verfeindete Staaten geteilt, andere haben das Nebeneinander einer quasi-europäischen Demokratie und „Gebieten“ vor Augen, die irgendwo weit weg zu liegen scheinen.

Vor Ort ist aber schwer zu sagen, in welchem Teil man sich befindet. Die Grüne Linie ist nicht mehr da. Israel/Palästina ist vielfältig segmentiert, hat aber nur einen Souverän. Die Regierung Israels kontrolliert Außengrenzen, Luftraum, Wasser, Wirtschaft, Währung und so weiter. Die israelisch-jüdische Bevölkerung, ihrerseits gespalten, hat volle politische Rechte. Von der palästinensischen haben etwa 400.000 – meist aus Jerusalem – ein Aufenthaltsrecht in Israel und Zugang zum Sozial- und Gesundheitssystem. Rund 1,6 Millionen haben quasi ein Bürgerrecht zweiter Klasse, 2,8 Millionen in der West Bank leiden – wiederum unterteilt in A-, B- und C-Gebiete – in verschiedener Intensität unter der Besatzung. Und 2,1 Millionen leben in Gaza, einer Art Gefangenenlager.

Palästinensische, israelische und internationale Menschenrechtsgruppen nennen dieses System strategischer Segregation Apartheid. Hunderte Berichte dokumentieren Kriegsverbrechen, Entrechtung, Enteignung. Offiziell fordern internationale Gemeinschaft und EU das Ende der Besatzung. Tatsächlich vertieft sich diese aber, während die wirtschaftliche, wissenschaftliche und militärische Kooperation mit Israel wächst. Auch Israelis aus illegalen Siedlungen reisen visafrei in die EU. Die Besatzung und die planmäßige Aufspaltung der Menschen in Gruppen mit verschiedenen Rechten wird normalisiert.

Dagegen hat sich Sally Rooney gestellt. Sie unterscheidet dabei durchaus zwischen Staatsapparat und Sprache und Bevölkerung, indem sie nur einen Verlag akzeptieren will, der in keiner Form mit dem Staat zusammenarbeitet. Sie ist damit in guter Gesellschaft. Das bekannteste Gesicht aus einer Gruppe mit ähnlicher Haltung ist die kanadische Autorin Naomi Klein. Ich hatte die Ehre, sie auf Hebräisch zu publizieren. Der Verlag Andalus Publishing, den ich 2000 gegründet habe, übersetzte hauptsächlich palästinensische und arabische Bücher – und war doch bestrebt, jeden Beitrag zur Normalisierung der Situation und jede Kooperation mit dem Establishment zu vermeiden, das diese Situation befördert. So kam Naomi Klein 2009 auf mich zu. Wir publizierten Die Schock-Strategie auf Hebräisch als Teil der Kampagne „Boycott as a dialogue“. Wir versuchten, was Rooney sich vorgenommen hat.

War das gerechtfertigt? Ohne Zweifel, wie jeder Versuch, die Normalisierung der Besatzung und jenes Systems der strategischen Diskriminierung, das auch mich an Apartheid erinnert, zu behindern. War es hilfreich? Einige sagen, die anschließende Skandalisierung habe unter amerikanischen Linken und besonders in den jüdischen Intellektuellenkreisen der USA eine Wendung bewirkt. Kann ich es wieder tun? Leider nicht. Ich hatte damals das ungute Gefühl, dass unsere Aktion in der israelischen Gesellschaft gar nichts bewirkte. Zudem war der Backlash wirklich massiv: Medien und Buchkundschaft in Israel boykottierten Andalus Publishing fast ausnahmslos. Aus Ressourcenmangel und auch Verzweiflung habe ich den Verlag am Ende eingestellt.

Info

Lesen Sie hier eine Erwiderung von Velten Schäfer auf diesen Artikel

Yael Lerer war Gründerin des israelischen Verlags Andalus Publishing. Heute lebt und arbeitet sie in Paris

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06:00 22.10.2021

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