Boykott als Schranke

Sally Rooney Die Autorin will ihr jüngstes Werk nicht ins Hebräische übersetzen lassen – aus Protest gegen die Besatzung Palästinas. Dient das der Sache? Nein, meint Velten Schäfer

Eines der ersten und besten Alben aus dem Genre, das heute als „Weltmusik“ firmiert, ist sicherlich Paul Simons Graceland. Doch als es 1986 erschien, war es ein Skandal, gerade unter Progressiven. Naiv oder planvoll hatte sich der Popstar über den Kulturboykott gegen Südafrika hinweggesetzt, als er 1985 das Land bereiste und mit schwarzen Acts Songs einspielte. Obwohl gewiss kein Rassist, geriet Paul Simon ins Visier des African National Congress. Gegen Konzerte gab es Kundgebungen, hierzulande gar eine Bombendrohung. Verständigungsversuche wurden vom ANC abgeschmettert. Die Bewegung sah einen Affront darin, dass hier ein Weißer besser wissen wolle, wie Widerstand zu leisten sei.

Nun lässt sich die Lage im Südafrika der 1980er nicht ohne Weiteres mit der in Israels besetzten Gebieten gleichsetzen; auch die Dynamik des Konflikts war anders: Das Regime am Kap war geschwächt und isoliert, was hinsichtlich Israels Besatzung kaum gesagt werden kann. Und jener Kulturboykott war auch nicht bloß vom ANC verhängt worden, sondern von den Vereinten Nationen. Dennoch fühlte sich, wer sich erinnert, vom „Fall Sally Rooney“ an Paul Simon erinnert. Offenbar hat sich die Autorin gerade zu dem entschlossen, was der Popstar damals verweigerte: ihren Protest gegen die Verhältnisse genau so auszudrücken, wie es eine dortige Bewegung fordert. Und das ist ordentlich nach hinten losgegangen.

Wohl besonders, aber nicht nur in Deutschland diskutiert man nun nämlich über Sally Rooney statt über Gaza und die West Bank: Ist sie eine Antisemitin? Macht sie Israels Bevölkerung pauschal für die Regierung verantwortlich? Meidet sie das Hebräische, weil sie nicht will, dass „Juden ihre Bücher lesen“? „Verrät“ sie, so der Spiegel, „ihre Integrität als Schriftstellerin“? Trifft Nora Bossong nicht einen Punkt, wenn sie im Deutschlandradio fragt, warum Rooney sich so für Menschenrechte in Palästina starkmache, während sie mit Iran oder China kein Problem habe?

Letzterem kann man zwar entgegnen, dass eine militärische Besatzung bei sozialer Unterordnung einer auch religiös markierten Gruppe eine Irin wohl besonders trifft. Sie verweigert auch nicht eine Übersetzung von Beautiful World, Where Are You, sondern will einen Verlag, der sich von der Besatzung distanziert. Das ist festzuhalten, damit keine falschen Bilder entstehen, wenn etwa Israels Diaspora-Minister Nachman Shai ebendiesen schiefen Spin verbreitet, statt Rooneys Erklärung zur Kenntnis zu nehmen, die der Guardian dokumentiert.

Dennoch bleibt hier etwas schräg. Wieso denn plötzlich, nachdem ihre ersten Bücher in Israel bei eben dem nun verschmähten Großverlag erschienen sind? Rooneys Erklärung, die unter anderem auf die „Richtlinien der BDS-Bewegung für institutionellen Boykott“ abhebt, klingt teils seltsam formal. Ein wenig so, als habe sie sich unter Druck setzen lassen: „Ich folge einem Appell der palästinensischen Zivilgesellschaft.“ Fast wartet man auf zerknirschte Selbstkritik ob ihrer ersten beiden Bücher.

Warum sie aber nun umgedacht hat, erklärt die Autorin nicht. Die unbegründete Vollzugsmeldung gemahnt an jenen um sich greifenden Denkstil, der Solidarität stets als Unterordnung unter die Autorität der Betroffenenperspektive versteht. Was aber für Einzelne oft das Einfachste und irgendwie auch politisch richtig ist, wirkt längst nicht immer richtig politisch: Wie damals die Musik von Ladysmith Black Mambazo oder Ray Phiri auf Graceland für die Befreiung wohl wichtiger war als der Olympia-Ausschluss Südafrikas, so könnte heute Rooney als weiter populäre Autorin in Israel wohl mehr Irritation stiften denn jetzt als eine Feindfigur. Am Ende führt Boykott nie zum Dialog, sondern ist immer eine Schranke.

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Lesen Sie hier eine Erwiderung von Yael Lerner auf diesen Artikel

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06:00 22.10.2021

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