Branchentod

A–Z Industrien kommen und gehen, das wissen Zeitungsleser und -macher am besten. Aber ist man Nostalgiker, wenn man findet, dass manches hätte bleiben können? Unser Lexikon
Branchentod

Foto: Polaris/Laif

A

Auskunft Die Telefonauskunft war einst eine wunderbare Wissensmaschine. Wo, wenn nicht dort, konnte man deutschlandweit, ja sogar international, Telefonnummern und Adressen von Privatpersonen, Fachgeschäften und Restaurants erfragen? Die Erkenntnis lauerte hinterm Telefonhörer. Und dann kam dieses Internet mit seinen Suchmaschinen.

Tatsächlich betreiben noch mehrere Firmen die Telefonauskunft, auch wenn die Nachfrage massiv zurückgegangen ist. Damit ist der Job, der einst mit „das Fräulein vom Amt“ abgewertet wurde, nicht perdu – im Gegenteil. Mehr als 100.000 Menschen erteilen in deutschen Callcentern Auskunft über dies und das. Die meisten in diesen Großraumbürohöllen genießen nicht den Luxus, angerufen zu werden. Sie müssen Menschen per Telefon belästigen und Auskünfte einholen, oder schlimmer noch: Serviceleistungen verkaufen. Es ist ein undankbarer Beruf zu oft windigen Bedingungen. Zeit, dass er ausstirbt. Tobias Prüwer

B

Buchhandel Kennen Sie die fünf Sterbephasen nach Kübler-Ross? Sie gelten auch für den Buchhandel. Mir wird immer klarer, dass der Drops gelutscht ist. Trotzdem versuche ich es noch, kaufe (viele und teure) Bücher in „guten“ Buchhandlungen. Das Sortiment ist es, aber jeder Apple-Mitarbeiter würde rausfliegen, wäre er so grummelig, lustlos-distanzwahrend, wenn etwa eine Kundin fragt: „Was kostet dieses Buch?“, und als Antwort ein hingeschlotztes „Steht hinne druff!“ kommt. Ich sehe in Zukunft Orte, wo man dem (gedruckten!, Druck) Buch begegnet, aber diese Orte werden von anderen „operated“ werden. Selbstgefälligkeit und penetrante Kuscheldecken-Atmo werden den Wandel nicht aufhalten können. Nichts stoppt den Fortgang der Dinge. Wer das akzeptiert, kann in Ruhe sterben. Dem Buchhandel wäre es zu wünschen. Jan C. Behmann

D

Druck Das Druckhandwerk war schon immer ein sehr angesehener Berufsstand. Das war auch am Verhalten der Setzer und Metteure zu spüren, die standes- und traditionsbewusst auftraten. Noch bis ins letzte Drittel des vergangenen Jahrhunderts wurde in der DDR mit Bleisatz gearbeitet. Von der Setzerei, wo es im Winter gemütlich warm, im Sommer aber brütend heiß war, kamen die erhitzten Bleizeilen in die Mettage. (Print)

In den Gassen standen Umbruchmetteure vor langen Tischen, nahmen aus den Setzkästen Lettern für die Überschriften und stellten den Bleisatz nach dem im Seitenspiegel aufgezeichneten Layout in die stählernen Satzschiffe ein. Dann spannten sie das Ganze fest und gaben es dem Abzieher, damit eine Korrekturseite hergestellt wurde. Auf den Tischen lagen immer bereite Winkelhaken und für den Notfall auch die Zange. Bald wurden die Druckmatern durch Folien ersetzt und noch etwas später wurde die ganze Bleisatz-Abteilung aufgelöst und zum Fotosatz übergegangen. Am letzten Tag gab es ein bisschen Sekt zum Abschied, aber alle waren traurig, weil sie wussten: Eine Epoche geht zu Ende. Magda Geisler

E

Energie Braunkohle unter diesem Stichwort zu besprechen, ist eigentlich ein Witz. Denn sie enthält 50 Prozent Wasser und ihr Heizwert beträgt ein Drittel dessen der Steinkohle. Die DDR war auf den fossilen Stoff angewiesen. Braunkohle wurde zum Energielieferanten Nummer eins. Dafür wurden ganze Landschaften verschluckt, die Umweltschäden waren groß: Kohlen- und Schwefeldioxid und Schwermetalle verpesteten die Luft, Asche lagerte sich ab. 80.000 Menschen verloren ihre Heimat. Rund 250 Orte waren davon ganz oder zum Teil betroffen. Diese Industrie fand nach der Wende schlagartig ihr Aus. Nur wenige Standorte blieben übrig. 11.000 Jobs sind hier noch mit der Braunkohle verbunden. TP

G

Getränke Erinnern Sie sich noch, als Coca-Cola angeblich 250 Milligramm Kokain in jeden Liter „Coke“ mixte? Na gut, es ist über hundert Jahre her. Manche Drinks kommen aus der Mode. Der Bubble-Tea-Hype war kurz. Das Kaltgetränk aus Taiwan verbreitete sich in Deutschland Anfang der 2010er rasant. Überall wurden Franchise-Filialen eröffnet, die den gesüßten Tee mit im Mund platzenden Kügelchen verkauften. 2013 kam der Abstieg: Kritik am Zuckergehalt und ein Bericht über krebserregende Substanzen (der sich nicht bestätigen ließ) beendeten den Höhenflug. Cola, Energydrinks und Schnäpse laufen immer noch frei herum, Bubble Teas kaum. Ein Teilerfolg! Ben Mendelson

K

Kasse Kollege Behmann hat recht, wenn er sagt, man müsse das Verschwinden von Industrien akzeptieren wie den Tod (Buchhandel). Heißt das auch, dass alles besser wird? Mühsam muss das gewesen sein – und indiskret! –, als die Kunden im Tante-Emma-Laden dem Verkäufer noch sagen mussten, was sie wollten. „Die Stange Zigaretten da hinten, bitte: Nein, nicht die. Die rote. Und eine Milch, fettarm!“ Viel besser ist da der SB-Supermarkt, oder? Bald braucht dieser nicht mal mehr Kassierer, denn in mehr und mehr Märkten dürfen die Kunden nun an Stationen selbst scannen, packen, zahlen.

Denen mag das diskret und selbstbestimmt vorkommen, es ist aber nur Kapitalinteresse. Nun ist man selbst verantwortlich, wenn es nicht schnell genug geht, eignet sich bald die Fähigkeit an, Barcodes zu erspähen. Am Ende hat man die Arbeit, die einem vormals jemand abnahm. Fortschritt! Konstantin Nowotny

L

Leinwand Wenn der aktuellste Film (noch dazu einer seiner besten) von einem der größten Filmemacher nur zwei Wochen in wenigen Kinos ausgewertet wird, um danach auf heimischen oder portablen Bildschirmen verstreamt zu werden, ist das ein Zeichen von Organversagen innerhalb der Filmindustrie. Ein Organ dieser Industrie ist nun mal das Kino an sich. Die Pilgerstätte für vom Alltag ermattete, erdrückte oder einfach gelangweilte Anbeter des aus der kleinen Öffnung hinter ihnen auf die Leinwand fallenden Lichtes. Eines Lichts, das sie gemeinsam entrückt, verzückt, verrückt, you name it.

Ich weiß noch, wie ich eines Nachmittags aus einem Kino kam, nachdem ich 2001: Odyssee im Weltraum gesehen hatte. Mir tun alle leid, die so einen Film nur auf ihrem Smartphone (oder smarten Implantat) sehen werden und deren Geist nicht mehr auf einer Cinerama-Leinwand in die unendlichen Weiten einer Geschichte surfen kann. Marc Ottiker

M

Mobilität Selten gibt es Objekte, die alles verkörpern, was in einer Epoche falsch läuft. Mit dem elektrischen Roller gesellt sich ein neues dazu. Ein paar Tech-Schlaumeiern ist es gelungen, der Politik weiszumachen, dass ihre rollenden Cash-Cows einen Beitrag zur Verkehrsentlastung leisten. Dabei schaffen sie nichts als weitere Bullshit-Jobs, erhöhen schon nur durch die herumfahrenden „Juicer“, welche die Dinger nächtens ein- und aufladen, das Verkehrsaufkommen, sind für alle Beteiligten gefährlich und nehmen öffentlichen Raum in Beschlag, ohne etwas zurückzugeben. Die borniert herumkurvende Kundschaft symbolisiert so das Sterben politischen Handelns im Sinne von gesellschaftlichem Gemeinsinn. Hard times’re gonna come. Marc Ottiker

P

Print Eine ruhmreiche Branche war das. Gewachsen über Jahrhunderte, verehrt, gefürchtet, geliebt: Print! Dann kam ich. Wickelte zunächst eine kleine Hörspielzeitschrift ab. Ging dann nach Frankfurt. Imperiale Tageszeitung. Voller kleiner Könige. Ahnten nichts. Als Redakteur beendete ich zunächst die München-Beilage. Dann meine Feuilletonseite. Poff! Dann setzten sie mich frei. Neue Chancen eröffneten sich: Eine Zeitung gab es nur im Netz. Nützte ihr nichts. Ich ging hin. Zack. Peng. Perdu. Kurz schloss ich noch eine Textagentur, die ich selbst gegründet hatte. Geriet dann an ein Nachrichtenmagazin, das sich online eine Satirerubrik hielt – bämm! Weg mit ihr. Ha. Jetzt sitze ich hier. Wochenzeitung. Schwierig. Wochenzeitungen überleben mich vielleicht sogar. Klaus Ungerer

S

Sklaverei Die Geschichte der Sklaverei ist so lang wie die „zivilisierter“ Gesellschaften. In der Antike basierte ein Großteil der Wirtschaft in Rom, Athen und Ägypten auf Sklaverei. Über zehn Millionen Menschen wurden aus Afrika in die USA, die Karibik und nach Brasilien verschleppt. Ab dem 19. Jahrhundert folgten formale Verbote der Sklaverei, unfreie Arbeit gibt es aber noch. Darunter leiden besonders weibliche und immigrierte Personen. Ob Haussklaven in Mauretanien oder auf Haiti, Leibeigene auf Baustellen in Katar, denen der Pass abgenommen wurde, oder Lohnsklaven in der deutschen Fleischindustrie: Ihre Situationen sind divers, doch alle Formen von Sklaverei gehören abgeschafft! Ben Mendelson

T

Textil Höchstens fünf Prozent aller in Deutschland verkauften Textilien stammen aus hiesiger Produktion. Nach kurzem Nachkriegsboom zwischen 1946 und 1955 gingen in der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie bis heute knapp eine Million Arbeitsplätze verloren. Die Ursachen, laut Branche: Globalisierung, Technisierung, verändertes Kaufverhalten und der Anstieg der Reallöhne.

Mit einer Exportquote von über 40 Prozent ist die Textil- nach der Ernährungsbranche zwar die zweitgrößte Konsumgüterbranche Deutschlands und nach China, Bangladesch, Hongkong und Italien sogar weltweit der fünftgrößte Exporteur von Textilien. Allerdings machen zwei Drittel der Produktion konkurrenzfähige, meist in mittelständischen Familienbetrieben produzierte „Technische Textilien“ aus: abnutzungsfreie Stoffe, UV-beständige, pilz-, hitze, kälteresitente oder feuerfeste Gewebe. Gemessen an der einstigen Größe kommt der Herstellung von Bekleidung in Deutschland kaum noch Bedeutung zu. Helena Neumann

Z

Zigarette Bizarr kommen einem heute die Leuchten vor, die im Flugzeug das Rauchen untersagen. In dieser stickigen Kabine, die gleichsam Hochsicherheitstrakt ist, sollen Menschen allen Ernstes einst genüsslich Glimmstängel gepafft haben? Die spinnen, die Boomer!

Eine unscheinbare Pflanze und ihr lähmendes Nervengift haben schon viele Auf- und Abwinde erlebt. Zuerst wurde gekaut, dann geschnupft, dann gestopft. Rauchen tun nur noch Verwegene. Der Zeitgeist empfiehlt, gesundheitsschädlichen Genüssen nur im risikoreduzierten Rahmen zu frönen. Schnupftabak kommt daher wieder, sagt man. Angesagt ist aber die E-Zigarette, der „Safer Sex“ der Nikotinprodukte. Aber auch die soll nun laut Berichten Lungenschäden hervorrufen oder sogar in der Hand explodieren. Es scheint fast so, als würde Genuss zwangsläufig mit dem Tod einhergehen. Konstantin Nowotny

06:00 03.12.2019
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