Brandrede muss sein

Dokufiktion Stéphane Brizé zeigt in „Streik“ den Arbeitskampf als Schlacht der Emotionen

Immerhin ist der Sozialberater des französischen Präsidenten keiner dieser Slim-Fit-Politiker. Er versucht tatsächlich zwischen Arbeitgebern und Streikenden zu vermitteln. Die Fabrik eines Automobilzulieferers soll geschlossen werden, rund 1.100 Beschäftigten droht die Entlassung. Der deutsche Mutterkonzern hat die Abwicklung auf die Franzosen abgeschoben, diese ist jetzt, aller Globalisierung zum Trotz, plötzlich wieder nationale Sache. Das Recht, erklärt der präsidiale Berater den versammelten Parteien, sei allerdings aufseiten der Arbeitgeber. Denn grundsätzlich könne man Fabriken nicht nur gründen, sondern auch wieder schließen. Aber wie stünde es um die Moral, will die von der Gewerkschaft engagierte Juristin wissen. Das sei eine andere Frage, so der Vermittler, und auf die habe er keine Antwort. Ganz im Gegensatz zu Stéphane Brizé mit seinem jüngsten Film Streik.

Denn die Frage, ob die Schließung der Fabrik aus ökonomischer Sicht gerechtfertigt sein könnte, stellt Brizé überhaupt nicht. Vielmehr sind es die Gesetze des Marktes an sich, die hier am Pranger stehen. Zu diesem Zweck hat sich Brizé zu einem inszenierten dokumentarischen Stil entschlossen, der seinem Anliegen Nachdruck verleihen und Authentizität suggerieren soll. Als Zuschauer soll man dann hautnah dabei sein, eingebettet wie ein Kriegsberichterstatter. Wenig überraschend setzt Brizés Dokufiktion damit ausschließlich auf das Moment der Aufregung, auf die emotionale Wirkung und oft nahezu kriegerische Bilder.

Tatsächlich heißt dieser Film im Original En Guerre, und der martialische Titel passt zum Thema Arbeitskampf. In Streik liegen die Karten von Beginn an auf dem Tisch: Erst vor zwei Jahren wurde zur Absicherung des Standorts eine Vereinbarung auf Gehaltsverzicht geschlossen, nun verweigert die Geschäftsleitung das Gespräch, während die Forderung der Streikenden nach einer Verhandlung „mit Deutschland“ dort niemanden interessiert. Schließlich ist gar die Solidarität gefährdet, als vereinzelt Parallelverhandlungen zwecks Abfindungen geführt werden. Weshalb es immer wieder notwendig ist, dass der Gewerkschafter Laurent Amédéo (Vincent Lindon) eine seiner Brandreden hält.

Amédéo ist der Held der Entrechteten, ihre Stimme und ihr Gewissen zugleich. Als einer von wenigen professionellen Schauspielern inmitten eines Laienensembles ragt Vincent Lindon heraus. Immer wieder findet die Handkamera sein Gesicht in der Menge, gesteht Brizé nur ihm ein Privatleben zu, das allerdings kursorischen Notizen gleichkommt. Lindon, wie bereits als entlassener Maschinist in Brizés gefeiertem Arbeitslosendrama Der Wert des Menschen (2016), ist Zentrum und Motor dieses Films: Kaum eine Szene kommt ohne ihn aus, sogar Amédéos Gegner in den eigenen Reihen, die ihm vorwerfen, sich ins Rampenlicht drängen zu wollen, entrüsten sich mehr über seine Person als seine Ideen. Brizé findet die Erklärung dafür in einer fatalen Dynamik: dass nämlich selbst die Spaltung der Streikenden („Mit Typen wie euch haben die da oben nichts zu befürchten“) dem bösen Spiel der Gegenseite geschuldet ist.

Als Streik vergangenes Jahr in Cannes gefeiert wurde, war von den Monate später aufmarschierenden Gelbwesten noch nicht die Rede. Ein Jahr danach kommt man nicht umhin, an die „Gilets jaunes“ zu denken, wenn bei Brizé die Streikenden ihre roten Westen anlegen, um das Bürogebäude des Arbeitgeberverbandes zu besetzen, sich erste Handgreiflichkeiten mit der Polizei liefern und sukzessive die Sympathien der Medien verspielen.

Doch Stéphane Brizé geht es gar nicht um jene soziale Ungerechtigkeit, wie sie das europäische Autorenkino im Gefolge der Brüder Dardenne seit Jahrzehnten aufzeigt. Streik interessiert sich, entgegen seiner Fokussierung auf den Einzelkämpfer, nicht für das Leben des Einzelnen, so wie es etwa die Dardennes in Zwei Tage, eine Nacht (2014) taten, in dem Marion Cotillard als Arbeiterin ihren Job nur behalten darf, falls die Kollegen auf ihren Bonus verzichten. Auch wenn es in Streik ständig darum geht, dass verhandelt werden soll – als Zuschauer bekommt man in diesem Film keinen Verhandlungsspielraum gewährt.

Streik Stéphane Brizé Frankreich 2018, 113 Minuten

19:35 27.04.2019
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