Brandt statt Schröder

Sonderweg Deutsche Schriftsteller und Unterschriftsteller fordern einen Friedenspreis für Kanzler und Außenminister

Eigentlich haben Schröder und Fischer den Friedenspreis längst bekommen: Kurz vor Beginn der Operation Iraqi Freedom, als US-Verteidigungsminister Rumsfeld Deutschland neben Libyen und Kuba unter die Kriegsdienstverweigerer rechnete. Eine höhere Auszeichnung war gar nicht vorstellbar, und einige Peacenicks sahen das genauso und zogen sich flugs T-Shirts mit der Aufschrift "Che Guerhardt" über. Im Kanzleramt war man freilich not amused, halb Deutschland saß auf dem Sofa und nahm übel. Wäre diese Regierung nur zehn Prozent so anti-amerikanisch, wie ihr der politische Gegner unterstellt, hätte sie subito Russen und Franzosen zum Sonnen-Gipfel nach Tripolis oder Havanna eingeladen.

Früher hätten wenigstens die Intellektuellen Rumsfelds Steilvorlage subversiv umgesetzt und wären anstelle der beleidigten Politiker zu Fidel Castro oder Gaddafi geflogen. Heute sind aus den meisten Schriftstellern Unterschriftsteller geworden sind: Sie erraten die geheimen Wünsche ihrer Regierung, formulieren sie als Petition und setzen ihre Namen darunter. So auch in diesem Fall. Einige Tage nach Rumsfelds unfreiwilliger Laudatio schlug der Verband deutscher Schriftsteller (VS) Schröder und Fischer für den "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels" vor. Darüber muss man sich nicht echauffieren, sondern kann es kalt genießen: In einer Reihe mit Martin Walser, dem Bauchredner des gesunden Volksempfindens, machen sich die rot-grünen Matadore wirklich hübsch. Und bei allem, was man über den Ganghofer vom Bodensee sagen muss, sei doch konzediert, dass er zur Literatur beigetragen hat, vor allem in seinen frühen wilden Jahren. Die Schröder-Bücher aber werden von Bela Anda und Fischers Gedanken von Jürgen Habermas aufgeschrieben. Was soll also der Preis für die zwei Politiker?

Offenbar halten Fred Breinersdorfer und seine VS-Kollegen die Position der beiden zum Irak-Krieg für preiswürdig. Ginge es nur um die Rhetorik, hätte man drüber reden können. Wie Fischer mit gebrochener Stimme bei der NATO-Sicherheitskonferenz in München der US-Delegation sein "I´m not convinced" entgegenschleuderte, das macht ihm so schnell keiner nach, der nicht jahrelang in den Diskussions- und Betroffenheitsritualen der Frankfurter Sponti-Szene geschult ist. Und dann Schröder, am Tag des Kriegsbeginns, mit sorgenumflortem Blick und dunklem Timbre alle Apokalypsen dieser Welt beschwörend - Mario Adorf hätte es nicht besser gekonnt. Aber bei Politikern sollte es, anders als bei Schriftstellern und Schauspielern, nicht um Worte und Performance gehen. Wie meist in dieser Zunft kündeten die Taten vom Gegenteil: Bundeswehrsoldaten waren in Fuchs-Panzern, in AWACS-Flugzeugen und als Wachschutz vor US-Kasernen am Krieg beteiligt. Die Rolle Deutschlands als Zwischenstation beim Truppenaufbau und als Nachschubbasis war unersetzlich, ohne Ramstein und die Startbahn West hätte sich der Wüstensturm um Wochen verzögert. Letztlich hat die deutsche Regierung mehr zur US-Aggression beigetragen als die türkische, die - trotz finanzieller Misere und Pressionen aus Washington - den Aufbau der Nordfront verweigerte.

Obszön ist der Vorschlag des Schriftstellerverbandes aber vor allem deswegen, weil zwei Politiker geehrt werden sollen, die das Land in seinen ersten Krieg nach 1945 geführt haben. Der Angriff auf Jugoslawien 1999 war keinen Deut weniger verbrecherisch als der auf den Irak 2003 - in beiden Fällen wurde unprovoziert und ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates losgeschlagen und so das Völkerrecht gebrochen. Etwa 3.000 Jugoslawen wurden Opfer der NATO-Bomber, darunter viele Frauen und Kinder.

Manche behaupten, die Bundesregierung habe daraus gelernt und deswegen dieses Mal Nein gesagt. Schröder könnte diese Illusion wahr machen, indem er nach Belgrad reist und zum Gedenken an die Toten niederkniet - so wie ein anderer Kanzler 1970 in Warschau um Verzeihung gebeten hat. Dabei war Willy Brandt, der Hitler-Gegner, noch nicht einmal an den deutschen Verbrechen in Polen beteiligt gewesen. Er erhielt den Friedensnobelpreis zu Recht.

Von Jürgen Elsässer ist gerade das Buch Der deutsche Sonderweg. Historische Last und politische Herausforderung erschienen.

00:00 09.05.2003

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