Brautkleider und Babyschuhe

Geteilte Insel im vereinten Europa Die Zypern-Frage belastet die EU-Ambitionen der Türkei erheblich

"Was kann schon das Äußere über einen Menschen verraten?", wundert sich Mustafa, der Muezzin von der Selimiye-Moschee in Nikosias Altstadt. Wer dem jungen Mann auf der Straße begegnet, würde ihn ohne Zweifel für einen "Europäer" halten. Dieses ethnisch gefärbte Standesdenken belustigt den 25-jährigen Zyperntürken: "Anderswo glauben manche Leute offenbar immer noch, der Muezzin kommt mit dem Kamel zum Dienst." Mustafa trägt Jeans und T-Shirt, wenn er die Gläubigen fünfmal am Tag zum Gebet ruft, und sein Ruf auch durch die Gassen der griechisch-orthodoxen Altstadt hallt.

Auf Zypern treffen Orient und Okzident aufeinander, gibt es Minderheitenprobleme, ein Nord-Süd-Gefälle der Wirtschaft und das bedrückende Erbe von 30 Jahren Zerrissenheit. Von den 760.000 Zyprioten betrachten sich 80 Prozent als griechisch-orthodox, 18 Prozent sind muslimischen Glaubens. Die geteilte Insel könnte der EU ein willkommener Anlass sein, Konflikte zu studieren, die sich nicht aus dem Tragen eines Kopftuchs ergeben.

Kein Garten Eden

Heute sprechen nur Ältere unter den türkische Inselbewohnern noch griechisch. Bei den Zyperngriechen sind es gleichfalls wenige, die sich zu ein paar Sätzen auf türkisch hinreißen lassen. Schon die Generation ihrer Kinder hat den Kontakt zueinander verloren. Es gab einmal eine verhaltene Nähe zwischen beiden Volksgruppen, es existierten Gemeinden, in denen man die religiösen Feiertage des jeweils anderen kannte, zusammen Geschäfte machte und sich gegenseitig zu Hochzeiten einlud.

Dass dabei kein Garten Eden erblühte, offenbarte in den sechziger Jahren ein leise köchelnder Bürgerkrieg, der die Zyperntürken in Enklaven Zuflucht suchen ließ, bis 1974 die in Athen regierenden Obristen einen Putsch gegen den damaligen zypriotischen Präsidenten Makarios inszenierten. Dieser Staatsstreich löste wiederum den Gegenschlag der türkischen Armee aus, die seinerzeit jenes Gebiet besetzte, auf dem heute die Türkische Republik Nordzypern (TRNC) liegt. Ein international nicht anerkannter Zwergstaat, der als Mündel der Türkei ein Schattendasein fristet, während die Republik Zypern im Süden seit dem 1. Mai 2004 als Vollmitglied der Europäischen Union firmieren darf. Folglich herrschen zwei "Inselregierungen", die in einem unterkühlten Ton miteinander verkehren, sofern das unvermeidlich ist. Die Republik im Süden beruft sich auf ihre völkerrechtliche Legitimität - die TRNC auf ihre Schutzmission gegenüber der türkischen Minorität.

So gibt es nur noch wenige Dörfer, in denen Zyperntürken und Zyperngriechen miteinander leben. Hussein Hami - der Mukhtar einer türkischen Gemeinde - beschreibt sein Dorfes Potamia im Süden mit den Worten: "Hier leben 45 Zyperntürken in einer 400-Seelen-Gemeinde - und wir schlagen uns nicht die Köpfe ein." Der UN-Posten auf dem Wachturm am Marktplatz im griechisch-türkischen Pyla gehört eher als Kuriosum zum Dorfbild, doch weiß man nicht, was ohne ihn passieren würde. "Wir haben schon immer gut miteinander gelebt, versichern die Männer im Kafeneion und räsonieren zugleich darüber, dass die Türken in Pyla die Wasserrechnungen nicht zu bezahlen brauchen. "Warum diese Privilegien?"

Seit zwei Jahren ist der Besucherverkehr zwischen Nord und Süd an vier Übergängen erlaubt. Als die Schlagbäume zum ersten Mal hoch gingen, kam es zwischen Griechen und Türken gelegentlich zu rührenden Begegnungen. Über Jahrzehnte hatten türkische Zyprioten alte Fotos oder sogar Brautkleider und Babyschuhe der 1974 vor der Invasion geflüchteten ehemaligen Bewohner ihres Ortes aufbewahrt. Es gab Jugendfreunde, die sich nach 30 Jahren wieder in den Armen lagen. Selbst eine Gruppe der Anonymen Alkoholiker traf sich fortan regelmäßig in gemischter Formation.

Nicht für Geld

Und doch ist Zypern noch immer geteilt. Im Niemandsland zwischen Norden und Süden gehen die Soldaten des UN-Friedenskorps weiter auf Patrouille, und die Episoden der Wiederbegegnung täuschen nicht darüber hinweg, dass die Generation der 50- bis 70-Jährigen an den Wunden der Vergangenheit leidet, während die Jüngern im Geschichtsunterricht nicht viel Gutes über die jeweils anderen gelernt haben.

Die EU unterließ es bei ihrem Neuzugang Zypern bislang, sich als Schlichter zu versuchen. Man war in Brüssel überrascht, als die Zyperngriechen im Frühjahr beim Referendum über den UN-Plan, der eine vorsichtige Annäherung beider Landesteile bewirken wollte, so unmissverständlich ihr Veto einlegten (s. oben). Die Reaktion der EU bestand in der Offerte, die Wirtschaft im isolierten Norden mit 259 Millionen Euro fördern zu wollen - ein wohlfeiles, bis heute uneingelöstes Versprechen. Sinnvoller wäre es, Verhandlungen zwischen den Volksgruppen zu fördern, denn eine Wiedervereinigung ist in diesem Fall nicht für Geld zu haben.

Der ungelöste Konflikt auf Zypern geriet auch beim Brüsseler EU-Gipfel Mitte Dezember, der über Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu befinden hatte, kurz ins Rampenlicht. Der zypriotische Präsident Tassos Papadopoulos hatte durchblicken lassen, sein Land könnte sich entschließen, Widerspruch gegen die Türkei-Entscheidung einzulegen. Bis dahin fand sich im sogenannten "Fortschrittsbericht" von EU-Kommissar Verheugen die türkische Position zur Zypern-Frage nur am Rande erwähnt. Der Berichterstatter nahm weder Anstoß an der Präsenz von 40.000 türkischen Soldaten auf der Insel, noch verlor er irgendein Wort der Kritik an der andauernden Separation des Nordens. Auch die Erwartung, der EU-Aspirant Türkei werde demnächst das EU-Vollmitglied Zypern diplomatisch anerkennen, war nirgends vermerkt. Die Zypern-Politik der EU scheint so unausgegoren wie ihre Türkei-Politik.

"Europa sei vereinigt in seiner Vielfalt." So steht es in der Präambel der Europäischen Verfassung. Bisher hat die EU Gemeinsamkeiten propagiert, ohne sich der Vielfalt zu stellen. Dazu gehört ein sensibler Umgang mit religiösen Traditionen. Welche Debatte wird es erst geben, wenn es darüber abzustimmen gilt, ob künftige EU-Kommissare auf Gott oder Allah zu vereidigen sind? Zur Vielfalt Europas gehört die Tatsache, dass der Ruf des Muezzins in einer europäischen Stadt erklingt - ob nun in Nikosia, in Istanbul oder in Köln. Wer das nicht will, sollte es lassen, am "Gemeinsamen Haus" bauen zu wollen. Ein "bisschen" Europa gibt es nicht.


Das Zypern-Referendum

Am 24. April wurde im griechischen und türkischen Teil der Insel über einen UN-Friedensplan abgestimmt. Das von Kofi Annan ausgehandelte Dokument sah eine schrittweise Wiedervereinigung Nord- und Südzyperns vor, bei der nach dem Schweizer Vorbild zwei kantonale Teilstaaten erhalten bleiben sollten. Zugleich war vorgesehen, die Zahl der auf Zypern stationierten griechischen und türkischen Soldaten bis 2018 jeweils unter 1.000 Mann zu bringen.

Von den 200.000 im Jahre 1974 vertriebenen griechischen Zyprioten sollte nur ein relativ geringer Teil in die einstigen Heimatgemeinden zurückkehren dürfen. Allerdings schrieb der Annan-Plan vor, dass sich der türkische Norden als Teilstaat von acht Prozent seines jetzigen Territoriums trennt.

Während die Griechen in der Republik Zypern von Anfang an skeptisch waren, wurden die Zyperntürken von der Regierung in Ankara zu einem positiven Votum aufgefordert. So lehnten am 24. April 75,8 Prozent der Zyperngriechen die UN-Vorlage klar ab, während es bei den Zyperntürken mit 64,9 Prozent Ja-Stimmen ebenfalls eine recht eindeutige Entscheidung gab. Am 1. Mai 2004 wurde daraufhin nur die Republik Zypern für den Süden in die EU aufgenommen.

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00:00 07.01.2005

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