Brav und schön selbstbewusst

Medientagebuch Schule der Nation: "Germany´s next Topmodel" zeigt den Stand der Mädchenerziehung anno 2007

Germany´s next Topmodel ist eine jener Sendungen, für deren Schauen man sich fast entschuldigen muss. Die Feststellung, dass die Modelwelt oberflächlich und reaktionär ist, liegt allerdings so auf der Hand, dass sie des Feststellens eigentlich nicht wert ist. Wer einmal hängen bleibt an der Sendung, sieht sich schnell gefesselt von der kruden Mischung aus einmalig spießig und absolut modern, die hier geboten wird. Germany´s next Topmodel scheint so offen abgeschmackt und oberflächlich wie gleichzeitig voller versteckter Abgründe.

Im Verlauf der noch kurzen Geschichte des "Reality-TV", also der hautnahen Beobachtung von Menschen durch TV-Kameras unter völlig irrealen Bedingungen, haben sich Mädchen als das beste Bildschirm-Futter herausgestellt. Zum einen mag es ihr Hang zum Theatralischen sein, der sie den Jungs überlegen macht: Mädchen kreischen und weinen und das viel und oft und aus den verschiedensten Anlässen. Aus Freude, aus Frust, aus Mitleid und aus Überforderung. Und nach den Tränen oder davor oder während, fallen sie sich in die Arme. Das gibt immer schöne Fernsehbilder, besonders in Zeitlupe. Germany´s Topmodel besteht zu gefühlten 60 Prozent aus solchen tränenreichen Umarmungen.

Die gefühlten restlichen 40 Prozent bestehen aus dem, was diesen Umarmungen den besonderen Kick verleiht: aus den Zickigkeiten davor und danach. Denn zum anderen ist es die weibliche Gabe des Intrigenspinnens, des Hinter-dem-Rücken-der-anderen-Lästerns und der Zusammenrottung Alle-gegen-Eine, die Mädchengruppen so besonders telegen macht. Da können die Übungen, denen die Modelanwärterinnen unterzogen werden, noch so öde sein. Sobald hinterher eine vor die allzeit bereit stehende Kamera tritt und sagt: "Also diese Fiona! ...", ist der Unterhaltungswert gesichert.

Ansonsten geben die Programmmacher sich viel Mühe, um zu zeigen, dass "Modeln" mit harter Arbeit verbunden ist, ganz so, als gäbe es immer noch jene Proletarier alten Stils, die das bezweifelten. Und wie immer, wenn es darum geht, gegen längst gefallene Überzeugungen in den Kampf zu ziehen, kommt ein kleines bisschen Sadismus hinzu: Die Mädchen, die bei Heidi Klum antreten, um sich den großen Traum vom Modeln zu erfüllen, müssen einiges über sich ergehen lassen. Zum Beispiel, dass "Heidi" ihre Koffer auspackt und alles wegschmeißt, was ihr unmodisch erscheint. Die ersten Tränen fließen. "Das T-Shirt hat mir mein Freund geschenkt!" Aber "Heidi" kennt nur selten Gnade. Noch dramatischer wird´s ein paar Sendungen später, als die kleiner gewordene Truppe geschlossen beim Friseur antreten muss: Starr vor Angst warten die Mädchen auf das Urteil. Ein Kurzhaarschnitt gilt als Höchststrafe. Tapfer üben sie sich im Einverstandensein mit dem, was man da mit ihnen macht.

Germany´s next Topmodel ist im Grunde eine verkappte Miss-Wahl. Die Verkappung aber macht die Sendung besonders interessant. Denn die Wahl der Schönsten geht einher mit einem Job. Und genau hier kommt das Schmierige (die Miss-Wahl) mit dem Spießigen (es geht ums Einverstandensein) und dem Modernen (es geht um Arbeit) zusammen. Dementsprechend vielfältig ist die Topmodelsuche als Fernsehsendung. Einerseits ist es Wettbewerb, die Mädchen treten gegeneinander an. Andererseits ist es Schulung. Den Mädchen werden vor laufender Kamera die Grundregeln des Handwerks vermittelt. Wie man geht und steht und sich auf "young virgin" oder auf "sexy-elegant" schminkt. Die Offenheit ist hier jedoch nur Behauptung, vor laufender Kamera werden keine wirklichen Tricks verraten, schließlich will man die Branche nicht entzaubern.

Die Parolen sind denkbar simpel, die Mädchen müssen üben, üben, üben. Und dazwischen immer wieder "eine Challenge" bestehen, ein Ausdruck, der ihnen mit unheimlicher Sicherheit über die Lippen kommt. Die "Challenges" sehen in etwa so aus: Sie werden in einem Kleiderladen losgelassen und müssen sich innerhalb einer halben Stunde modisch einkleiden. Originell soll es sein, aber nicht zu sehr. Zur Belohnung soll die Siegerin zwei weitere Mädchen nominieren - mit denen sie ein weiteres Mal um die Wette durch den Kleiderladen hetzen darf. Diesmal hat gewonnen, wer die meisten Klamotten rafft. Sie darf alles behalten und kriegt auch noch die Haufen der anderen dazu. Ganz schön gemein, oder? Neben der offensichtlichen Strategie des Mach-das-Beste-aus-deinem-Typ!, gibt es noch diese gleichsam verborgene Agenda, in der die Mädchen beigebracht bekommen, nie zu vergessen, dass die anderen Konkurrentinnen sind, die es auszustechen gilt.

Die Mädchen wollen es alle wirklich: Germany´s next Topmodel sein. Sie sind bereit, wie man so sagt, alles dafür zu tun. Es ist aber dieser devote Anpassungswille, der ihnen im Weg steht, sobald es darum geht, Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Und auch das wird von ihnen gefordert. Mit der Folge, dass brave Schäfchen sich verbiegen, um sagen zu können: Ich bin die Beste! Nachsichtig lächelt Heidi Klum dazu. Sie gibt die strenge Mamsell in dieser Erziehungsanstalt. Worüber in den Zeitungen als Programm nur diskutiert wird, hier wird es augenblicklich umgesetzt. Den Mädchen werden die Handys abgenommen, Rauchen ist sowieso tabu, genauso wie Alkoholtrinken. In den Statements erzählt "Heidi" immer wieder von ihren Heldentaten - "Ich hatte mal ein Shooting, da stand ich stundenlang mit Bikini im Schnee". Nein, im Modelberuf darf man sich nicht anstellen, da heißt es durchhalten, auch wenn man vor Schmerz in den Schuhen kaum laufen kann. Oberstes Gebot ist es, nicht zimperlich zu sein. Aber ob physische Unbill oder seelische Qualen durch unfreundliche Fotografen und Agenten - die Mädchen sind beängstigend schnell davon zu überzeugen, dass es ihnen gut tut, wenn man sie schlecht behandelt -, hinterher fallen sie sich eben weinend in die Arme.

Letztes Jahr geriet die Sendung in Verruf, weil einige Mädchen vor laufender Kamera als "zu dick" bezeichnet wurden. Dieses Mal ist das Thema Gewicht beziehungsweise Magersucht ein vollkommenes Tabu: Keiner spricht darüber. Was man unbedingt als Symptom dafür lesen muss, wie groß das Problem wirklich ist.


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00:00 30.03.2007

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