Brave New Century

Religion und Katastrophen-Phantasien Ein Versuch über den Bedeutungswandel der letzten 20 Jahre

Morrissey sang 1986 - damals noch bei den Smiths - über den Vicar in a Tutu. Der Song erzählte von einem "mönchischen Monsignore" (monkish Monsignor), der wie eine Tom-und-Jerry-Figur im Fernsehen "das Geländer runtergerutscht" kam und alle dazu aufrief, ihre schmutzige Seele von ihm "chemisch reinigen" zu lassen. Man lachte - "Tutu" heißt "Ballettröckchen".

2005 weint man. Die Ex-Suede-Musiker Brett Anderson und Bernard Butler haben ihr neues Band-Projekt The Tears genannt. In Brave New Century singt Anderson: "Religion breeds - like a disease." Der Titel dieses Songs bezieht sich auf Aldous Huxleys antiutopischen Roman Brave New World. In dem schönen neuen Videoaufzeichnungs- und Biometriedaten-Zeitalter, das der 11. September 2001 eingeläutet hat, ist in der Welt des Britpop das Religiöse kein harmloses Altherrengefasel mehr, über dessen Doppelmoral man sich lustig macht. Sondern der Glaube an einen Gott und die damit verbundene Einstellung zum eigenen Leben und dem der anderen wird zunehmend als bedrohliche Krankheit empfunden, weil sie die Seelen der Mitmenschen nicht mehr chemisch reinigen sondern ausmerzen will.

Auch in der neuen englischen Literatur gibt es diese Tendenz, Religion wie eine Krankheit darzustellen. Saturday, der jüngste Roman von Ian McEwan, ist einer der ersten, der den Irak-Krieg von 2003 zum Thema machte. McEwans Hauptfigur Henry Perowne arbeitet als Gehirn-Chirurg in London. Die in der grauen Masse des menschlichen Kopfes ansässige Ratio hat der Meinung des Arztes nach die Welt durch die Jahrhunderte nach vorne gebracht: Die durchschnittliche Lebenszeit ist länger als im Mittelalter. Krankheiten und Seuchen stellen eine geringe Bedrohung dar. Bildung ist mehr Menschen zugänglich als früher. Glaube hingegen ist für Perowne "primitives Denken", ein auf das Übernatürliche fixierter "Subjektivitätsexzess". Religiöse Leute können seiner Auffassung nach ihre eigene Unwichtigkeit nicht ertragen. Weil sie einen Lebenssinn benötigen, der jenseits ihres kleinen Lebens liegt, zwängen sie die Welt in das Korsett ihrer Wünsche und Ideen. Perowne hält religiöse Empfindungen und Überzeugungen generell für etwas Pathologisches: "Solch ein Denken gehört zu einem Spektrum, an dessen anderem Ende, sich in die Höhe reckend wie ein verlassener Tempel, die Psychose lauert."

Religion ist für den Arzt aus Saturday also eine Krankheit, wie in dem Song von The Tears. Eine sehr bedrohliche Krankheit, denn Angst davor kennzeichnet auch sein Lebensgefühl. Perowne spürt, dass er in einer "anderen Zeit" lebt. London liegt "weit offen da, (...) auf seine Bombe wartend". Am 7. Juli 2005 ist dann passiert, was in McEwans Buch wieder und wieder phantasiert wird.

Was aber meinen die britischen Popmusiker mit dem Schönen Neuen Jahrhundert? Terror ist nichts Neues auf der Insel. 1973 legte die IRA in zwei Londoner U-Bahn-Stationen Bomben, und 1982 starben an öffentlichen Plätzen wie Regent´s Park und Hyde Park Menschen durch ihre Anschläge. In den Siebzigern und auch in den Achtzigern, als The Smiths über den Vikar im Ballettröckchen sangen, verloren Leute beim Shopping, beim Sightseeing, im Hotel ihr Leben - weil sie zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Auch diese Attentate waren religiös motiviert - es kämpften Katholiken gegen Protestanten. Aber das Religiöse im IRA-Konflikt galt in der öffentlichen Wahrnehmung damals lediglich als Bemäntelung für ökonomische und gesellschaftspolitische Konflikte. Die Protestanten waren reicher und mächtig, die Katholiken ärmer und benachteiligt. Und die Unruhen begannen, als das "Power-sharing"-Abkommen von 1973, aufgrund dessen die Katholiken politischen Einfluss gewonnen hätten, durch von Protestanten organisierte Streiks zu Fall gebracht worden war. Das konnte man erklären - in vertrauten historischen Parametern: soziologisch, ökonomisch, politisch. Auch für die Angriffe auf das World Trade Center und spätere Anschläge lassen sich ähnliche Erklärungsmuster finden: Palästina, Kampf ums Öl, koloniales Erbe. Solche Erklärungen werden zwar diskutiert, aber sie befriedigen nicht.

Immer wieder hat man in den letzten Jahren versucht, die Psyche der islamistischen Terroristen zu verstehen - was sie antreibt, warum sie hassen, wie die gesellschaftlichen Strukturen aussehen, aus denen sie kommen. Der Publizist Henryk M. Broder wendet sich in seinem anlässlich des dritten Jahrestags von 9/11 erschienenen Text Die Terroristen-Versteher wütend dagegen, diese "Amokläufer" und "schwer gestörten Menschen" als "Protesttäter" misszuverstehen. Diese drapierten lediglich "ihren Todeswunsch mit einem politischen Alibi" und gäben sich dem "Knalleffekt" hin, "Hunderte oder Tausende von Menschen in den Tod mitzunehmen". Broder spricht aus, warum ein Brave New Century, eine andere Zeit begonnen hat: "Glaube" lässt sich nicht länger als Bemäntelung für gesellschaftspolitische Konflikte relativieren. Dem Terroristen neuer Art geht es nicht um das Wiedergewinnen von Macht, von Land, von Besitz, von Ehre, sondern um den Kick, seinem Hass den freiestmöglichen Lauf zu lassen. Es geht - führt man diesen Gedanken konsequent fort - um Nihilismus, die totale Verneinung, das Gegenteil von Religiosität.

Heute ist bereits vergessen, wie sehr die Achtziger ein Jahrzehnt der Katastrophenfantasien waren: Die Liverpooler Frankie Goes to Hollywood sangen, schrieen und lachten in Two Tribes über den Wahnsinn des Kalten Krieges. In dem dazu gehörenden Video traten die Staatschefs der USA und der UDssR, Reagan und Chernenko, gegeneinander in einem blutrünstig-primitiven Wrestling-Kampf an. Damals ließ auch Heiner Müller Quartett, sein Theater-Remake von Laclos´ Gefährliche Liebschaften, in einem "Bunker nach dem Dritten Weltkrieg" spielen. Es war die Zeit, als Jahr für Jahr eine Zahl nach oben schnellte: Wie oft es möglich wäre, den Planeten Erde mit den vorhandenen nuklearen Arsenalen vollständig von jeder Form von Leben zu befreien.

Während in Neubauten von Einfamilienhäusern, die etwas auf sich hielten, der mit Konserven gefüllte Schutzraum nicht fehlen durfte, erzählten sich Grundschüler von den Wasserstoffbomben, die nur alles Organische zerstörten aber keine Baudenkmäler. Der Münchner Kabarettist Gerhard Polt machte Witze über Tirol, wo sich ein Atombombenabwurf doch gar nicht lohnen würde. Und trotzdem wurden die Zivildienstleistenden dort per Bus zu den neu gebauten Bunkeranlagen mit ihren metallenen Doppelbettreihen gekarrt, um im Ernstfall Bescheid zu wissen. In den dunklen Achtzigern waren die Fantasien von dem berühmten roten Knopf das, was die schlafenden Terrorzellen von Al Qaida im heutigen Brave New Century sind. Ein Verrückter, der die Nerven verlor, konnte ihn drücken, jederzeit. Ein religiös Überzeugter, der seinen Einzug ins Himmelreich vor Augen hat, kann sich eine Bombe umschnüren, um ins dichteste Gedränge zu gehen, überall.

Vor 20 oder 30 Jahren brachte man Religion oder religiöse Menschen vor allem mit Pazifismus in Verbindung. Es war schwer vorstellbar, dass Religiosität zur Bedrohung wird. Dieser Bedeutungswandel von Glaube wurde in einer Zeit eingeleitet, als Entspannung das Leitwort war, den Neunzigern. Der Kalte Krieg war vorbei, und die Welt hatte Zeit, sich mit "Monicagate" zu beschäftigen, dem 1998 aufgeflogenen Verhältnis des US-Präsidenten Bill Clinton mit einer Praktikantin im Weißen Haus. Drei Jahre zuvor hatte Religion aber erstmals in einem modernen Sinn wahnhafte Züge angenommen, deren Versuch, möglichst viele Nichtgläubige zu vernichten, in ihrer Brutalität die Leute ratlos machte. Mitglieder der Aum-Sekte verübten einen Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn. 12 Menschen starben und mehr als 5.000 wurden teilweise schwer verletzt.

Damals half man sich beim Versuch, dieses sinnlose Morden zu erklären, mit dem Gedanken an eine Sekte als Täter. Solche religiöse Zusammenrottungen um eine Führer-Lichtgestalt hatten in den Augen der Öffentlichkeit schon immer etwas Entrücktes, Gehirngewaschenes an sich. Nun war der Wahnsinn offenbar wie ein Virus nach außen gedrungen.

Aus heutiger Sicht gilt der Anschlag in Japan vom 20. März 1995 als der "Beginn des wahllosen Massenterrors", wie Martin Fritz vom ARD-Hörfunkstudio Tokio in einem Bericht zum zehnten Jahrestag des Verbrechens sagte. Hinzufügen könnte man, dass diese Untat auch als der Missing Link zwischen den achtziger Jahren und dem Brave New Century unserer Zeit anzusprechen ist. Aus einer der großen Weltreligionen, mit der eine jahrhundertealte Kultur verbunden ist, hat sich etwas herausgebildet, für das "Disease" und "Psychose" nur hilflos anmutende Benennungsversuche sind. Strukturell gleichen sich die Bilder, die man sich von den Terror- und von Sektengruppen macht: Ein wesentliches Element davon ist das Einzelgängerische des Sekten-Zugehörigen, der - wie in Tokio - von jemand anders wie ein Automat aktiviert werden kann, um todbringend aus seiner Zelle herauszutreten, in der er bislang geschlafen hat.

Hält man im Sinne von Broder die islamistischen Terroristen unserer Gegenwart für "schwer gestörte Menschen", muss man sich auch klar machen, dass es keinen Grund gibt, warum nur Islamisten durch eine solche Krankheit befallbar sein sollten. Vor nicht allzu langer Zeit galt diese Religion noch als genauso friedlich oder nicht friedlich wie andere. Aus heutiger Sicht verzweifelt nach Erklärungen suchend davon zu sprechen, dass Allah den Glauben mit dem Schwert verbreiten lassen will, kann kein Gegenargument sein. Die Bibel dürfte kaum weniger aggressive Stellen beinhalten als der Koran. Es kommt darauf an, wie man sie auslegt. Um ein Bild zu benutzen: Schließlich war Gott auch nicht zimperlich, als er ein ganzes Heer von Ägyptern im Meer ertrinken ließ, um sein auserwähltes Volk zu schützen.


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00:00 14.04.2006

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