Brave New War

KRITIK UND NOSTALGIE Der Krieg weckt imperiale Erinnerungen

Die Kriegsbefürworter erzählen uns viel von Moral. Ein bißchen seltsam ist allerdings, daß Menschen, die einen so ausgeprägten Sinn für Ethik haben, so bedenkenlos bereit sind, andere in den Tod zu schicken, während die größte Angst, die sie selbst in ihrem Leben durchzustehen haben werden, die Sorge ist, daß sie zu spät zu einer Verabredung zum Mittagessen kommen könnten.« Jeremy Hardy, ein bekannter britischer Kolumnist, hat in den diesen Wochen mehrfach scharf gegen den neuen Balkankrieg polemisiert. Und er steht mit seiner Kritik, die stets auch den sozialen und biografischen Hintergrund der engagiertesten britischen Bellizisten aufs Korn nimmt, nicht allein.

Auch die britische Pop-Journalistin und Zeitgeist-Beobachterin Julie Burchill hat eine Bilanz der heftigen Reaktionen gezogen, die sie durch eine Anti-Kriegs-Kolumne in der Wochenend-Ausgabe des Guardian erfahren hat: »Ich kann mir nicht helfen: Aber wenn ich meine Post lese, gewinne ich den Eindruck, daß die, die meine Meinung teilen, meistens Kriegserfahrung haben und aus den eher proletarischen Regionen Britanniens kommen, während meine Gegner an einem ungesunden Übermaß an Mittelstand leiden. Und wie sie selbst zugeben, waren die meisten von ihnen, wie Blair und Clinton, diese Lebenslang-Nie-Wieder-Krieg-Typen, die jetzt, da ihr Blut dünn und alt wird, ihre kriegerische Ader entdecken.« Nicht weniger deutlich, aber mit anderem Akzent haben der Schriftsteller Harold Pinter und etliche andere Intellektuelle den Luftkrieg gegen Serbien als »imperialistischen Angriffskrieg« verurteilt. Vor allem in den Print-Medien etabliert sich, in Anlehnung an Aldous Huxleys negativ utopischen Roman Brave New World (Schöne Neue Welt), der Begriff »Brave New War« für diesen ersten großen Krieg, den die NATO in eigener Regie führt um die Menschenrechte dadurch zu retten, daß sie Menschen tötet.

Die kritischen und bissigen Töne in den Analysen und Kommentaren stehen aber in deutlichem Kontrast zu den Verhältnissen in der Politik: Keiner der profilierten einflußreichen Politiker hat offen und klar gegen die NATO-Angriffe Stellung bezogen. Und als der auch sonst eher links-regionalistisch orientierte Spitzenkandidat der Scotish National Party, Alex Salmond, mitten im Wahlkampf für das erste schottische Parlament seit 300 Jahren aus der Phalanx der Kriegsbefürworter ausscherte und die NATO-Luftangriffe als »furchtbaren Fehler« bezeichnete, erntete er einen Sturm der Entrüstung und verlor in den Meinungsumfragen innerhalb weniger Tage mehr als zehn Prozent.

Immerhin hat Salmonds Vorstoß ein wenig Bewegung in die politische Landschaft gebracht. Von einigen linken Labour-Hinterbänklern hat der schottische Oppositionspolitiker öffentlich Zustimmung erfahren. Einige von ihnen ergriffen auch selbst die Initiative und organisierten zusammen mit Journalisten- und Studentenorganisationen mehrere Anti-Kriegsdemonstrationen. Eine Bewegung hat sich daraus allerdings bislang nicht entwickelt - und es sieht auch nicht so aus, als ob die öffentliche Kritik ausreichen würde, Blair tatsächlich unter Druck zu setzen. Dafür sind die Linken zu schwach, und ist die Mehrheit der Briten von Blairs Rolle zu sehr beeindruckt: Daß das Vereinigte Königreich auf der Weltbühne endlich wieder als Führungsmacht auftritt, weckt Erinnerungen an alte imperiale Zeiten.

Die Energie, mit der Blair für eine Verschärfung der Angriffe ficht, läßt ihn in den Augen vieler als legitimen Nachfolger Maggie Thatchers erscheinen. Blairs Meinungsumfragen sind sogar noch stärker nach oben gegangen, als die der »Eisernen Lady« während des Falklandkrieges. Daß sich sein gegenwärtiger Popularitätsboom zu einem Gutteil auf konservativen Patriotismus stützt, setzt Blair andererseits auch unter Erfolgsdruck: Der Krieg muß gewonnen werden - koste es was es wolle. Dazu gehört auch, daß es anschließend Kosovaren gibt, die ihr Land möglichst schnell wieder bewohnen können. Vor allem um diese Menschenmassen schnell zur Verfügung zu haben, stellt sich Blair strikter als andere Staatschefs der Kriegsparteien gegen die Aufnahme der Kosovo-Flüchtlinge in den westlichen Ländern.

»Ich habe keinen Zweifel«, schreibt Julie Burchill in ihrer Kolumne, »daß meine Gegner (also die Kriegsbefürworter), die besten Absichten haben - aber bekanntlich ist das ja das Material, mit dem der Weg zur Hölle gepflastert ist.«

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