Braves Mädchen

Kommentar Angela Merkels Verzicht

Man kann es nicht genug betonen: Sie wäre die erste gewesen. Sie wäre der erste weibliche Kandidat, die erste Anwärterin auf das höchste Regierungsamt gewesen - die erste in der gesamten Historie eines Deutschen Reiches, die erste in der Bundesrepublik, die erste in der Geschichte des geteilten und des gesamten Deutschland. Merkels Sturz hätte einen Moment der Trauer verdient. Doch schnell, leichtfüßig wie sie selbst - hat ja gar nicht weh getan - ging die Presse über die Tatsache hinweg, dass eine Frau hätte zur Wahl stehen können. Unabhängig davon, ob sie die Richtige war, ob man sie mochte, ob sie sich überhaupt selbst als Frau versteht - es wäre eine Chance gewesen. Revolutionär wäre es gewesen, etwas Neues. Aus der Traum.

Doch träumen wir. Angenommen ein Edmund Stoiber hätte konkurrieren müssen gegen eine Regierungsriege bestehend aus Bundeskanzlerin Renate Schmidt, Finanzministerin Heide Simonis, Außenministerin Andrea (!) Fischer und Verteidigungsministerin Renate Künast, angenommen wir lebten in einem Land, in dem unerbittliche Rigidität als mangelnde Sozialkompetenz ausgelegt würde, demonstrative Entschiedenheit als Beweis eines zu einfachen Weltbildes, Deutschtümelei als rückständig und Gekungel mit der Industrie als schlecht fürs Image. Angenommen also, wir lebten in einem Land, in dem man einem Hardliner nicht zutraut, gut für sein Volk zu sorgen - Stoiber stünde nicht nur wegen seines Bajuwarentums fremd da.

Aus der Traum. "Männlichkeit" hat nicht unbedingt etwas mit Geschlecht zu tun, sondern mit einer bestimmten Ästhetik der Repräsentation. Schröder hat in den vergangenen Jahren den modernen Staatsmann markiert und den Macht(!)-Kampf(!) gegen ihn zu gewinnen - schon gar nach dem 11. September und so fort - traut man dem weiblichen Geschlecht nicht zu. Lass stecken Angie, das ist Männersache, mach´ mal brav Platz für das Duell der Giganten - Deutschland spielt im Männersandkasten.

Gegen solche Symbolik kann Merkel, die als Frau vielleicht nur so weit kommen konnte, weil sie das Mädchen gab, nicht an. Quatsch sei das, Geschlecht sei Nebensache, man entscheide doch nach Sachfragen? Irrtum: Geschlecht ist eine Sachfrage und Merkel ist nicht als Person, sie ist als Frau gescheitert.

Geschlecht ist Symbol und manchmal steht das reale Geschlecht fürs symbolische. Wie wäre es denn, wenn Merkel Stoiber und Stoiber Merkel wäre? Hätte die Hardlinerin Stoiber aus Bayern, mit hervorragender Wirtschaftskompetenz, eine Chance? Oder würde eher der Merkel, der freche, unverblümte Junge aus dem Osten das Rennen machen? Mehr Chancen als die Stoiber hätte der Merkel allemal, was uns nur eines zeigt: Deutschland ist nicht reif für eine Kanzlerin.

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00:00 18.01.2002

Ausgabe 38/2021

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