Brennender Regen

Zerstören und Herrschen Israels Rückkehr in den Gaza-Streifen

Diese Invasion beweist eine alte militärische Maxime: für jedes Mittel der Verteidigung kann ein Mittel des Angriffs gefunden werden und umgekehrt. Der Sicherheitszaun, der den Gazastreifen von allen Seiten - außer vom Meer - umgibt und der nun auch im Westjordanland gebaut wird, kann Diebe abhalten und Leute, die in Israel Arbeit suchen - entschlossene Kämpfer aufzuhalten, die immer Wege finden, solche Barrieren zu überwinden, vermag er nicht.

Von daher war der entführte Soldat Gilad Shalit nur ein Vorwand, um eine Militäraktion auszulösen, die schon seit langem vorbereitet gewesen sein muss. Nichts konnte Shalit in größere Gefahr bringen als der Feuerbefehl für die israelische Armee. Man erinnere sich, was vor Jahren mit dem Soldaten Nashon Wachsman geschah. Auch der war Gefangener, damals von Hamas, und starb bei einem Schusswechsel zwischen israelischen Soldaten und Palästinensern. Wachsman könnte noch leben, hätte es einen Gefangenenaustausch gegeben.

Die Verbindung zwischen Entführung und Militäroperation existiert nur im Reich der Propaganda. Gleiches gilt für die zweite Begründung: dem Beschuss durch Kassam-Raketen ein Ende zu setzen. Zweifellos handelt es sich in dieser Hinsicht um eine ziemlich unerträgliche Situation. Die Kassam, eine einfache und billige Waffe, sorgt freilich mehr für Panik, als dass sie wirklichen Schaden anrichtet. Sie soll die Bevölkerung terrorisieren und wohl auch die verheerende Blockade aufbrechen, die von der israelischen Regierung seit dem "Abzug" über den Gazastreifen verhängt wurde. Doch täuschen wir uns nicht, die Kassam-Abschüsse waren für Ehud Olmert nie der tatsächliche Grund, um die Operation "Sommerregen" zu starten. Wer sich ihren Verlauf genau ansieht, dürfte schnell begreifen - es werden weitreichendere Ziel verfolgt: Man will die im Januar gewählte Palästinenser-Regierung - die "Hamas-Regierung", wie sie nach israelischer Lesart heißt - zerstören und die Bevölkerung in die Knie zu zwingen. Sollte das gelingen, wird es für Ehud Olmert - so glaubt er zumindest - leichter sein, seinen "Konvergenz"-Plan (s. Freitag 26/06) auszuführen, der darauf zielt, große Teile der Westbank zu annektieren und die Gründung eines lebensfähigen palästinensischen Staates zu verhindern. Die Botschaft für die Palästinenser heißt demnach: wenn ihr eurem Leiden ein Ende setzen wollt, entfernt die von euch gewählte Regierung. Ansonsten wird eure Infrastruktur weiter zerstört, bleibt euch der Zugang zu Lebensmitteln und Medikamenten versperrt, bleibt die Versorgung mit Strom und Wasser unterbrochen. Gebt auf!

Die Erfahrung lehrt allerdings, dass sich jedes Volk gleich verhält, wenn ein äußerer Feind seine Führung angreift. Es ist daher ziemlich sicher, dass Hamas aus dieser Prüfung gestärkt hervorgeht. Die Verhaftung ihrer Politiker wird die palästinensische Öffentlichkeit einmal mehr davon überzeugen, seit einigen Monaten eine kämpfende und loyale Führung zu haben und keine, die sich durch den Komfort der Macht korrumpieren lässt - im Gegensatz zu den Vorgängern.

Schon aus diesem Grund wird das Unternehmen "Sommerregen" die Haltung der Palästinenser nur verhärten. Nicht zuletzt weil sie erneut erfahren müssen, dass die von ihnen geforderte Entlassung Tausender Gefangener aus israelischen Gefängnissen auf taube Ohren stößt. Nur sind diese Tausende von Schicksalen jeden Tag in jeder palästinensischen Großfamilie in jeder Stadt, jedem Stadtteil und jedem Dorf präsent. Diese Familien sind bereit, alles zu ertragen, damit Väter, Brüder und Söhne zurückkehren.

In den Augen eines gewöhnlichen Israeli sieht es so aus, als hätten wir den Gazastreifen verlassen und würden nun dorthin zurückkehren. Und man fragt sich, warum hat der Rückzug keinen Gewinn an Sicherheit gebracht? Ganz einfach, er fand ohne Dialog und ohne jedes Abkommen mit den Palästinensern statt. Wir verließen den Gazastreifen, um ihn zu verbarrikadieren und von der Welt abzuschneiden. Damit musste Sharon scheitern. Wie auch Olmert scheitern wird. Mit dem "Sommerregen" wird sein "Konvergenz"-Plan einfach weggeschwemmt.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 07.07.2006

Ausgabe 30/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare