Brennendes Geld

Griechenland Das Wachstum bleibt krisenverdächtig, solange die Banken ihre Schulden nicht loswerden
Brennendes Geld
Inzwischen meldet sich die Krise längst zurück

Foto: Eleftherios Elis/AFP/Getty Images

Im Sommer herrschte noch eitel Freude. Griechenlands acht Jahre Schuldknechtschaft unter Aufsicht der Troika schienen mit dem Auslaufen des dritten EU-Hilfsprogramms vorbei. Auch wenn der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte und das Land für weiterhin insolvent hielt, deklarierten die Regierung in Athen und die Eurofinanzminister: Mission accomplished, was bei allen sehr nach Selbstlob klang. Zugleich stellten Investoren in Aussicht, den noch immer hoch verschuldeten Staat wieder für kreditwürdig zu halten.

Inzwischen meldet sich die Krise längst zurück. Die Bilanz der Jahre unter Troika-Kuratel bleibt verheerend. Um die Gesamtschulden einzudämmen – sie liegen bei fast 180 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung – wie das Defizit im laufenden Staatshaushalt in einen rechnerischen Überschuss (den berühmten Primärüberschuss) zu verwandeln, fehlt es der nationalen Ökonomie an Potenzial. Statt der notwendigen Reformen des griechischen Staates, die Geld gekostet hätten, wurde nach dem Austeritätsdogma saniert. Es gab erhöhte Steuern, beschnittene Renten, Minderausgaben für Gesundheits- und Sozialdienst. Das Alltagsleben geriet für eine Mehrheit zum täglichen Überlebenskampf. Inzwischen hat sich die Lebensmittelversorgung für Teile der Bevölkerung, vorrangig auf dem Land, so verschlechtert, dass von Mangelernährung die Rede ist.

Zwar wächst die Wirtschaft in diesem Jahr um 0,6 Prozent, doch verunsichern die griechischen Banken, die faule Kredite nicht refinanzieren können. Für die fünf größten Institute belasten Schuldentitel von 89 Milliarden Euro die Bilanz. Für Geldhäuser wie Piräus und Alpha sind über die Hälfte ausstehender Darlehen kaum noch etwas wert. Institute wie die National Bank of Greece, die Eurobank und Bank of Cyprus beklagen bis zu 40 Prozent Kreditausfall. Die Schuldner – Unternehmen und Privathaushalte – können ihre Außenstände kaum noch bedienen, geschweige denn zurückzahlen. Es bleibt dabei – der Banken- und Kreditsektor laviert am Rande des Kollaps. Nirgendwo in Europa, selbst in Italien nicht, stehen die Banken so schlecht da wie in Griechenland. Doch braucht die eigene Wirtschaft Kredite, um ein schüchternes Wachstum zu erhalten – wenigstens das.

Im Augenblick können und wollen die einheimischen Banken nur noch dann Geld vorschießen, wenn im Notfall der Staat dafür aufkommt. Ohne derartige Bürgschaften verbrennen die Finanzhäuser ihr Kapital Monat für Monat. Die meisten suchen Zuflucht bei allerlei Buchungstricks und deklarieren künftige Steuerrückzahlungen als Kapital, um die endlose Folge von Abschreibungen und Umstrukturierungen zu camouflieren. Konsequenz: Ihr Kapital verdampft. Die Finanzmarktakteure wissen das und handeln entsprechend. Seit Mai haben Bankaktien 60 Prozent ihres Wertes eingebüßt, während die Athener Börse – gemessen an den gehandelten Wertpapieren – über ein Drittel ihres Umsatzes verlor.

Ein viertes Hilfsprogramm?

Die Regierung von Premier Tsipras hat keine andere Wahl, als die Banken zu retten. Wenn die Halden an Giftpapieren nicht bald an Höhe verlieren, wird es nichts mit der Rückkehr auf die internationalen Finanzmärkte. Zudem drängen die Europäische Zentralbank (EZB) und der Stabilitätsmechanismus (ESM): Griechenlands Banken haben sich verpflichtet, bis Ende 2021 50 Milliarden Euro an faulen Krediten abzubauen – nur wie ohne Staatshilfe? Die griechische Notenbank kann zwar die Großbanken anweisen, ihr Kapital zu erhöhen, doch dürfen die kaum auf die dazu nötigen Kredite von einigen hundert Millionen Euro rechnen. Finanzminister Euklid Tsakalotos soll zwar seit Wochen an Notfallplänen arbeiten, doch zeichnen die sich bestenfalls in Umrissen ab. Bad Banks mit Schuldenverschreibungen von 40 bis 50 Milliarden Euro sind eine Variante, die Rückzahlung kleinerer Kredite durch den Staat (nach dem Vorbild des zypriotischen Rettungsplans „Estia“) eine andere. Beides kostet Geld, über das der griechische Staat nicht unbedingt verfügt. Ob doch ein viertes EU-Hilfsprogramm gebraucht wird?

Es müsste eine Rettungsaktion zugunsten griechischer Banken sein, die so zu behandeln wären wie deutsche und französische Institute, als denen die EZB griechische Staatspapiere abnahm. Tsipras’ einzige Hoffnung: Die Eurozone kann sich eine weitere Eurokrise nicht leisten.

06:00 28.12.2018

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