Bretter, die sich selbst ausbeuten

Theaterwelt Das reale Freizeitheim als Kulisse oder warum man dem Großteil des argentinischen Theaters mit Subventionen nicht kommen muss: Eine Reise in die Bühnenwelt von Buenos Aires

Ein verwitterter Sport- und Freizeitklub im sonst eher schicken Viertel Palermo. Auf einer Holzbank in der winzigen Männerumkleide drängt sich ein Dutzend Zuschauer zusammen. In Buenos Aires wird Theater gespielt, in dessen Realität das Freizeitheim in der argentinischen Pampa steht: Die Jugendfreunde Maxi, Lucas und Huguito haben sich darin versteckt. Im Nebenraum findet die Trauerfeier für ihren Freund statt, der im Klub eine Sportgruppe geleitet hatte. Während von draußen die Geräusche Fußball spielender Jugendlicher zu hören sind, reflektieren die drei über den Umgang mit Erinnerung, Verlust und dem eigenen Leben. Das Stück Un hueco des argentinischen Regisseurs und Dramatikers Juan Pablo Gómez kommt ohne Bühnenbild und -beleuchtung aus. Es verlässt sich auf die Kulisse und die Schauspieler.

Theater findet in Buenos Aires nicht selten an kleinen und untypischen Orten statt – und erreicht damit ein breites Publikum. „Das ist auch eine Antwort auf die Krise und die fehlende Kulturpolitik“, meint die argentinische Dramatikerin Betina Bracciale, „deshalb suchen sich die Theatermacher andere Möglichkeiten und Nischen, und deshalb ist das Theater inzwischen so ein selbstverständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.“

Betina Bracciale und Juan Pablo Gómez haben sich kennengelernt in der Autorenwerkstatt der temporären Theaterakademie Panorama Sur, die von der Siemens-Stiftung und der Associación para el Teatro Latinoaméricano in Buenos Aires veranstaltet wird. In Argentiniens Hauptstadt gibt es über 200 Spielstätten, an einem Wochenende finden rund 300 Aufführungen unterschiedlicher Formate und Inhalte statt. Abseits des kommerziellen Theaters mit aufwendigen Inszenierungen der großen Häuser entlang der Avenida Corrientes im Zentrum der Stadt und der wenigen von öffentlicher Hand geförderten Theater existiert in Buenos Aires eine lebendige unabhängige Theaterszene. Die Konzeption und Praxis dieser Theaterszene ist eng verknüpft mit ihren Produktionsbedingungen.

Mehr Reflexion!

Dass ein Theater über ein festes Ensemble verfügt wie in Deutschland, ist nicht üblich. Meist finden sich Schauspieler und Regisseure zu einzelnen Projekten zusammen. Staatliche Subventionen gibt es dafür selten. Das habe auch Auswirkungen auf die Ästhetik der Stücke, erzählt Alejandro Tantanian, künstlerischer Leiter von Panorama Sur, denn „mit sehr wenigen Mitteln wird versucht, sehr viel zu erzählen“. Viele Theatermacher müssten zudem parallel anderen Berufen nachgehen, weil sie mit ihrer Arbeit nichts verdienten. Die Entscheidung für die Theaterarbeit sei also „definitiv nicht ökonomisch motiviert, sondern hat mit Lust und Berufung zu tun. Aber obwohl damit oft die große theatrale Energie in Buenos Aires begründet wird, ist die kulturpolitische Situation natürlich auch ziemlich prekär.“

Geprobt wird meist nur zwei bis drei Mal pro Woche, aber über einen sehr langen Zeitraum – was ermöglicht, mit unterschiedlichen Spielweisen und Stilmitteln zu experimentieren. Auf dem Spielplan eines Hauses steht ein Stück so lange, wie Publikum kommt: zum Teil zwei oder drei Jahre. Dadurch könne sich eine Inszenierung noch weiterentwickeln, meint die argentinische Regisseurin Romina Paula, „der kreative Prozess ist ja nicht mit der Premiere beendet. Ich kann mir nicht vorstellen, nach zehn Aufführungen abzuspielen und dann mein Stück als DVD mit mir rumzutragen.“

Die Inszenierungen verhandeln meist individuelle Familiengeschichten und den Lebensalltag argentinischer Großstädter. Mit zwei internationalen Gastspielen stellte Panorama Sur Ästhetiken vor, die hier sonst nicht zu sehen sind – Rabih Mroués Lecture-Performance Make me Stop Smoking und die zwischen Hörspiel und Comic angesiedelte Performance Void Story der britischen Gruppe Forced Entertainment. Arbeiten, die über die eigene Praxis reflektieren und damit in Buenos Aires Denkanstöße geben könnten, damit das Theater „ein bisschen von der Idee der Figur, des Konflikts, der Situation wegkommt und man die Repräsentation und das Theater auch als Ort der Reflexion begreift“, so Alejandro Tantanian.

Anne Phillips-Krug lebt und arbeitet in Berlin und Buenos Aires

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11:00 28.08.2011

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