Brexit, Advent und Kegeln

Olympia Nicht alles, was sich schnell bewegt, ist auch gedopt: die etwas andere Rio-Bilanz
Jürgen Busche | Ausgabe 34/2016
Brexit, Advent und Kegeln
Alles fauler Zauber bei Olympia?
Foto: Ed Jones/AFP/Getty Images

Die schlichteste Bilanz der Spiele von Rio, der Medaillenspiegel, ermöglicht uns einen neuen Blick auf den Brexit. Die Briten, auf dem zweiten Platz, in der Ausbeute weit vor Deutschland oder Frankreich, dürfen sich zu Recht sagen: Was wollen wir mit den Flaschen vom Kontinent noch weiter zu tun haben! Andererseits kommen in diesen Tagen Meldungen von der Insel, nach denen die Engländer ihre Bibliotheken verkommen lassen und das Land bei der Alphabetisierungsrate auf einem der hinteren Plätze in Europa landet. Bei den Preußen hieß es über die Pioniere: stark, aber dumm. Oder umgekehrt. Vielleicht hat die Brexit-Abstimmung genau das bestätigt, gleichsam eine vorgezogene Parallelerscheinung zum Ergebnis von Rio.

Die Deutschen müssen mit ihrem Abschneiden keineswegs unzufrieden sein, wenn auch manches nachdenklich stimmt. So werden Stärken im Reiten und Schießen, dazu im Speerwerfen und mit dem Diskus immer noch misstrauisch beäugt, wenn sie hier gepflegt werden. Aber das muss man wohl nicht so genau nehmen und, um im Bilde zu bleiben, die Helden von Rio mit dem Adler auf der Brust haben bei ihrem Publikum Freude verbreitet, aber nirgendwo Überheblichkeit. Das Schönste daran war aber, dass die Deutschen überall, wo sie als Mannschaft auftraten, besonders erfolgreich waren. Das stellt der landesüblichen Vereinskultur das beste Zeugnis aus. Wenn Kegeln irgendwann einmal olympisch werden sollte – bei der Entwicklung der Spiele kann das nicht ausbleiben –, wird Deutschland ein Dauerabonnement auf die Goldmedaille in dieser Sportart haben.

Es soll dabei nicht unerwähnt bleiben, dass die Handballer und Hockeyspieler sich beim Feiern ihrer Medaille in einer Art und Weise präsentierten, die sich vorteilhaft von dem albernen Asketentum der Bundesliga-Fußballer abhob. Der berühmte Fußballtrainer Max Merkel vom 1. FC Nürnberg ließ einmal – vor langer Zeit – die Raucher und Trinker seiner Mannschaft gegen die Enthaltsamen antreten. Die Raucher und Trinker gewannen klar. Merkel sagte: „Sauft’s weiter.“ Rasch sei noch hinzugefügt, dass das natürlich kein Vorbild für junge Leute sein kann.

Unermüdlich blieben in den zurückliegenden Wochen auch die Mahner, die wussten, dass Olympia ein fauler Zauber sei: Geldverschwendung, Korruption, Doping. All das ist richtig. Die Missstände werden bekämpft, aber dieser Kampf ist mühsam. Indes, was hat das mit der Freude an Leistungen wie der vom Paddel-König Sebastian Brendel zu tun oder mit dem Staunen über den Vielseitigkeitsreiter Michael Jung oder mit der Kür von Fabian Hambüchen am Reck? Und die Sportler aus anderen Ländern, die mit ihren Siegen die Welt beeindruckten, sind auch nicht alle gedopt.

Es bleibt eben so, dass es immer Menschen geben wird, die sich sagen: Da werden demnächst viele Leute eine Menge Spaß haben, es ist höchste Zeit, dem Einhalt zu gebieten. Und dann legen die los. Beim letzten Advent war Terrorgefahr auf den Weihnachtsmärkten das große Thema. Keine diesbezügliche Sendung in den Medien mochte auf das Wort „mulmig“ verzichten. Es wurde geradezu zum Gebrauch befohlen wenn nach den Gefühlen der Besucher, der Aussteller und der Weihnachtsbäume gefragt wurde. Dann kam das Weihnachstfest heran, und um das schlechtzureden, gaben sich wiederum andere viel Mühe.

Große Feste, überhaupt große Ereignisse haben viele Missstände im Gefolge. Das war schon immer so – auch bei den Olympischen Spielen der Antike. Und es werden davon auch die sorgfältigst vorbereiteten Familienfeste nicht verschont. „Man ist ja von Natur kein Engel“, dichtete Wilhelm Busch, „vielmehr ein Welt- und Menschenkind. Und rings umher ist ein Gedrängel von solchen, die dasselbe sind.“

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

06:00 07.09.2016

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