Brexiting

A–Z Einen „britischen Abgang“ machen, heißt ab sofort, sich x-mal zu verabschieden – und dann doch nicht zu gehen. Unser Wochenlexikon der Trödler und Wiedergänger
Brexiting

Foto: Ming Yeung/Getty Images

A

Amy Winehouse Wenn Tote wieder auf die Bühne kommen, ist das Zeitalter des Hologramms angebrochen. Die Unterhaltungsbranche zerrt immer mehr Stars via gebündeltes Licht zurück in die Manege. Das Ziel: die perfekte Illusion. Längst wird an virtuellen Comebacks von Abba bis Zappa gewerkelt.

Neu ist die Idee nicht, schon im 19. Jahrhundert wurde der Spiegel-Illusionstrick „Pepper’s ghost“ erfunden, der vor allem im Theater (Falscher Abgang) und auf Jahrmärkten zum Einsatz kam. Jetzt aber greift die 3-D-Holo-Szene so richtig an. Doch was bei Tupac Shakur, Maria Callas und Michael Jackson klappte, das will bei Amy Winehouse nicht gelingen. Gerade wurde ihre Holo-Tour abgesagt. „Manchmal stoßen wir bei der Entwicklung eines solch hochambitionierten Hologramms und Augmented-Reality-Theaterereignisses auf einzigartige Herausforderungen, die uns einen Schritt zurück führen“, wird CEO Brian Becker von der Firma „BASE Hologram“ zitiert. Vielen Fans, die keine Lust auf eine solche Geisterbeschwörung haben, dürfte das nur recht sein. Marc Peschke

B

Bleiben „Bleib doch noch ein bisschen.“ Nein, lieber nicht. Deswegen geht man ja, weil man nicht länger bleiben kann. Kommen ist leichter als Gehen und aller Abschied ist schwer (Polnischer Abgang). Deswegen soll man Reisende nicht aufhalten. Das ist gegen die Natur. Denn der Mensch ist ja von Natur aus ein Bleiber. Das merkt man am Bett. Erst will man nicht hinein, dann will man nicht hinaus. Das Bett ist der perfekte Ort zum Bleiben. Weil alles da ist. Kissen, Decke, Wasser, Buch, Laptop usw. Wenn man sich aber dazu durchgerungen hat, den Ort zu wechseln, dann darf man daran nicht gehindert werden. Bleiben kann man nur freiwillig und unaufgefordert. Bleiben muss ein Recht sein, keine Pflicht. Bleiben ist ein natürlicher Vorgang, wenn endlich mal alles okay ist. Wer bleibt, fragt sich nicht, ob er stört (Unseld). Wer bleibt, weiß, dass er gehen kann. Wer bleibt, weiß, dass er wiederkommen kann. Wer bleibt, weiß, dass er bleiben kann. Aber wenn einer bleibt, müssen alle anderen gehen. Und zwar dalli, dalli! Ruth Herzberg

C

Columbo Der Held der legendären USA-Krimiserie (1968 – 1978) – gespielt von Peter Falk (1927 – 2011) im alten Trenchcoat, ist eigentlich fast der Klassiker des Brexiting. Er hat das nicht wirkliche Verschwinden zu einem Bestandteil seiner Ermittlungstechnik gemacht. Erst redet er mit dem oder den Verdächtigen, denen er das Gefühl grenzenloser Überlegenheit vermittelt. Er schwatzt scheinbar Belangloses und kocht sie damit weich, damit sie noch eine Weile die Illusion hegen, sie hätten ihn voll in der Tasche. Dann bewegt er sich in Richtung Tür und verabschiedet sich scheinbar ratlos (Falscher Abgang). Dann dreht er sich noch einmal um, tippt sich meist an die Stirn und sagt entschuldigend und fast devot: Ach, fast hätte ich’s vergessen („just one more thing“) und stellt eine Frage, die den Täter, komplett überrascht und in die Enge treibt. Magda Geisler

F

Falscher Abgang Auf dem Theater war Brexiting bereits im 19. Jahrhundert angesagt. „Falscher Abgang“ hieß es dort, Figuren verschwanden hinter der Bühne, nur um gleich wieder aufzutreten, so wurde ihre Wankelmütigkeit demonstriert. Heute wird der falsche Abgang vor allem auf Konzertbühnen praktiziert. Operngängerinnen wissen: „Solange die dicke Frau singt, ist es nicht zu Ende.“ Für Popkonzerte gibt es eine noch viel schlichtere Faustregel: Solange die Saalmusik nicht angeht, kommt die Band nach dem Abgang garantiert zurück. Und noch einmal und noch einmal. Wenn man ehrlich ist, sind das keine echten Zugaben. Vielmehr handelte es sich um eine Serie von falschen Abgängen. Von einer wirklichen Zugabe kann man nur sprechen, wenn es den Fans gelingt, so laut und ausdauernd gegen die Saalmusik anzubrüllen, dass die Band selbst dann zurück auf die Bühne kommt, wenn a) der Drummer nicht mehr vollständig bekleidet ist, b) der Frontmann im Bademantel auf die Bühne kommt (Ausnahme Chilly Gonzales) oder c) der Bassist auf einer Backstage-Stulle herumkaut. Christine Käppeler

G

Gruppendynamik Wenn sich Menschen im Alltag über die Gruppendynamik beschweren, meinen sie damit in den seltensten Fällen den sozialwissenschaftlichen Forschungszweig, der sich mit zwischenmenschlichen Prozessen bei Teamarbeiten befasst. Meist gilt die Kritik einem Alltagsphänomen, das auch mich immer wieder Nerven kostet: die unglaubliche Zähigkeit, mit der Menschen nur vorankommen, sobald sie mit mehr als drei Personen gemeinsam unterwegs sind. „Wir gehen jetzt ins Museum XY“, heißt es, super, denke ich, na denn mal los, und mache mich auf den Weg. Nur um zehn Meter weiter festzustellen, dass ich allein bin. Wir waren uns einig, dachte ich, aber das Grüppchen klebt noch fest. Eine gefühlte Ewigkeit dauert es, bis sich alle schließlich in Bewegung setzen. Französische Forscher haben herausgefunden, dass Gruppen generell langsamer vorankommen als einzelne Fußgänger, weil sie sich unterhalten wollen und deshalb in Formationen laufen, die nicht aerodynamisch, sondern interaktiv sinnvoll sind. Den Fall des zähen Loslaufens haben sie allerdings nicht untersucht. Ich vermute aber ähnliche Gründe: Niemand will den Alleingang, das Gefüge will im Konsens aufbrechen, und das dauert eben. Sophie Elmenthaler

P

Polnischer Abgang Vor dem britischen Abgang (Bleiben) gab es den polnischen Abgang, manche nennen ihn auch französisch. Gemeint ist, still und heimlich von einer Party zu verschwinden, ohne sich zu verabschieden. Polnischer Abgang ist ein bisschen wie sterben. Einfach verschwinden. Alles ist zu viel. Man muss den Moment abwarten, wenn gerade keiner guckt. Kein: „Was du gehst schon?“ Keine Vorwürfe bitte. Es ist doch schon halb drei. Manchmal will man einfach nur allein sein. Mit niemandem mehr reden. Irgendwie nach Hause kommen. Oder woandershin.

Wohin? Geht keinen was an. Einfach weg. Ja, es war eine super Party. Ja, mir geht’s gut. Ich will nur nicht mehr hier sein und ich will es nicht begründen. Es gibt ja auch gar keinen besonderen Grund. Ich bin müde. Ich bin schwach. Das ist Privatsache. Ich bin raus, ich bin weg, ich bin nicht mehr da, ich war eigentlich nie da – und werdet ihr überhaupt bemerken, dass ich weg bin? Ist mir auch egal. Einfach raus jetzt hier. Den Weg Richtung Klo antäuschen, schnell die Jacke aus dem Jackenstapel wühlen, sie so ganz leger unter den Arm klemmen, sich seitwärts Richtung Wohnungstür manövrieren, dann schwupps, Tür auf, Tür zu und Tschüss. Also kein Tschüss. Geschafft. Ruth Herzberg

T

Telefon Sie saß mir gegenüber in der Tram, ein Mobiltelefon am Ohr, das sie hielt wie ein Brikett. Eine ältere Dame, der es ganz offensichtlich unangenehm war, in der Öffentlichkeit und von Fremden umringt, mit einer vertrauten, unsichtbaren Person zu sprechen. Ich stellte mir vor, wie sie üblicherweise mit einem soliden Telefonapparat und viel Geduld bequem am Küchentisch oder dem Wohnzimmersessel der Person am anderen Ende der Leitung zuhört, an einer Tasse Tee nippt und hier und da ein paar Fragen nach dem Befinden und den Ereignissen der letzten Tage stellt. Hier war sie schutzlos, unkonzentriert und so gar nicht in Plauderlaune. Sie wirkte wie ein Ausstellungsobjekt in einem Antiquitätenladen. Deshalb versuchte sie, zunächst höflich zwitschernd, sich zu verabschieden. Ihre Grußformeln wurden von dem hartnäckigen Gesprächspartner scheinbar ignoriert, ihre Antworten wurden immer kürzer und mit einem nachdrücklichen „Mhm, gut. Dann also. Bis später“ garniert. Es waren mittlerweile zähe Minuten vergangen, in denen sie sich vergeblich aus der Situation zu befreien versuchte. Dann musste ich aussteigen und fühlte mich seltsam erlöst. Elke Allenstein

U

Unseld Er erinnere ihn an einen herrischen Bauern, der nicht loslassen könne, konfrontierte Günter Gaus in einem Fernsehgespräch den Verleger Siegfried Unseld im Jahr 2000, zwei Jahre vor dessen Tod. Unseld knetete viel die Hände. Er konterte, es sei keine Frage des Könnens oder Wollens, er ließe auch los, aber – so relativierte er gleich – es könne keinen Nachfolger geben. Wem sei denn die private Haftung für die Pensionen der Mitarbeiter heutzutage zuzumuten? Gaus retourniert mit einem rhetorischen Schmetterball: „Der Patriarch ist ganz glücklich darüber.“

Peter Suhrkamp hatte in seinem Testament geschrieben, Unseld solle auf Ratschläge genau hören, ohne nach ihnen entscheiden zu müssen. Der Übergang an seinen Sohn Joachim missglückte krachend. Raimund Fellinger, heutiger Cheflektor, auf die Frage, ob er ihn als Nachfolger wollte: „Er wollte nicht, dass ich aus dem Schatten trete.“ Was bleibt von einem Menschen ohne die Funktion? Eine leere Hülle? Die Angst vor Kontrollverlust scheint so stark zu sein wie die Angst vor dem Ertrinken. Es wirkt wie ein reflexhaftes Klammern, um das eigene Sein nicht im Meer der scheinbaren Bedeutungslosigkeit ertrinken zu sehen. Das Schwimmen rettete Unseld in jungen Jahren das Leben. Beim Generationswechsel schien er ein Nichtschwimmer. Jan C. Behmann

V

Vorträge Rhetorik kann grausam sein: Da ist zum Beispiel das Brexiting der Redekunst, der angekündigte Schluss, der in Wahrheit alles ist, nur nicht das. Wenn der Redner etwa sagt: „Ich komme nun zu meinem letzten Punkt“ oder aber die Parenthese des Grauens einschiebt – „und damit möchte ich schließen“ –, nur um munter weiterzureferieren. Meist findet dieser Kniff nach etwa anderthalb Stunden statt und ist der sichere Indikator für mindestens 30 weitere Minuten. Da sitzt man dann, die Luft im Saal wird immer dünner, während das Publikum mit intensiver Besorgnis daran denkt, dass vor der Tür der Weißwein warm wird und die Käsespieße schwitzen. Aus Sicht des Redners ist die Taktik natürlich vollkommen legitim, sichert sie ihm doch tosenden, weil unendlich erleichterten Beifall. Doch es gibt – und damit möchte ich schließen – Möglichkeiten, dagegen vorzugehen.Bei den Oscars etwa werden die Preisträger von Musik – oder auch mal dem Abschalten des Mikros – abgewürgt, und im Bundestag pflegte Norbert Lammert Gregor Gysi charmant das Wort abzuschneiden. Benjamin Knödler

Z

Zielgerade Gerade Fußballfans bilden sich viel darauf ein, Spiele lesen zu können, und würden sich oft umstandslos zutrauen, ihren ganzen Verein unter die Fittiche zu nehmen. Bei Unzufriedenheit wird dem Spielgeschehen gerne mal den Rücken zugekehrt oder gleich das Stadion vor dem Abpfiff verlassen. Kürzlich etwa beim Spiel Frankfurt vs. Hoffenheim: Die SAP-Werkself führte seit der 60. Minute mit 1:2. Ab der 80. Minute begann die Abwanderung von Frankfurter Fans.Ausgleich 89.; Siegtor 96. Minute. Möglicherweise zeigten sich aber in dieser Abwanderung Sachverstand und Aufopferung. Der Trotz blies die zweite Luft in die Spieler und verhalf so zum großen Sieg. Das Publikum – als zwölfter Mann – bekäme so ein neues Instrument der Unterstützung in die Hand. Marc Ottiker

06:00 05.05.2019
Geschrieben von
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

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