Briefe an künftige Leser

Zukunft Immer mehr Menschen kaufen den „Freitag“. Aber es gibt immer noch ein paar Leute da draußen, die gar nicht wissen, was sie jede Woche verpassen
Redaktion | Ausgabe 45/2015 2
Briefe an künftige Leser
Wie wäre es denn, wenn Sie wenigstens ab und zu in den „Freitag“ reinschauen?

Foto: Rene Zieger/Ostkreuz

Lieber Herr Gauck,

es ist ja kein Geheimnis, dass wir Sie eher kritisch sehen. Und ja, wahrscheinlich liest man auch nicht so gerne, was man wieder alles Falsches gesagt hat. Ist nur menschlich. Andererseits: Wie wäre es denn, wenn Sie wenigstens ab und zu in den Freitag reinschauen? Bitte sehr, Sie können sich gerne bei unseren Meinungen bedienen. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn Sie, sozusagen standardmäßig, immer die Gegenposition einnehmen würden. Das wäre ebenfalls für alle ein Gewinn. Sie überlassen die Tagespolitik ja sowieso nur ungern Leuten wie Merkel, Gabriel oder Seehofer. Neulich hat mir übrigens einer gesteckt, dass unser Medientagebuch im Kanzleramt ausgewertet wird. Na also! Dann können Sie im Schloss Bellevue ja jetzt nachziehen.
Ihr Philip Grassmann

Lieber Homo oeconomicus,

du strebtest bisher stets nach deinem eigenen Vorteil, denn nur so kann am Ende für alle das Beste herauskommen. Deinen Strom liefert RWE, dein SUV kommt aus Wolfsburg, dein Schnitzel aus dem Discounter und dein Konto hast du bei der Deutschen Bank. Von einem Vollgeld-System, solidarischer Landwirtschaft und Open Source Ecology hast du noch nie gehört. Die Finanzkrise hältst du für längst ausgestanden, und die Griechen sollten endlich spuren. Und was wollten diese Lokführer und Erzieherinnen nur mit ihren nervigen Streiks? Für dich, idealer Leser, ist der Wirtschaftsteil des Freitags eine neue Welt, in der es viel zu entdecken gibt.
Dein Sebastian Puschner

Liebe Anja Kohl,

vielleicht interessiert es Sie gar nicht, aber ich möchte Ihnen sagen: Ich verteidige Sie! Immer wieder. Für viele sind Sie eine hübsch anzusehende Inkarnation des neoliberalen Übels. Ich aber sage: „Das stimmt nicht! Sie sieht zwar wirklich gut aus und liest in der Sendung Börse vor acht immer die DAX-Kurse vor, aber sie ist noch lange keine unkritische Jasagerin!“ Seit Jahren höre und sehe ich Ihnen aufmerksam zu. Dabei stellte ich mit Entzücken fest, dass Sie Ihren Vortrag öfters mit einem Tritt gegen das Schienbein des Systems beenden. „Fragt sich nur, wie gerecht das Vermögen in Deutschland verteilt ist ...“, sagten Sie etwa neulich kurz vor der Tagesschau. Und in Hart aber fair bezeichneten Sie die Zinspolitik der EZB einmal als „gigantische Umverteilung der Risiken auf uns alle“. Ja, Sie waren sichtlich sauer, obwohl solcher Systemzorn ja berufsschädigend für Sie sein könnte. Frau Kohl – ich merke es Ihnen an: Der Neoliberalismus weckt auch bei Ihnen ab und an den Brechreiz. Meine Vermutung: Sie sympathisieren mit der SPD, mit dem rechten Flügel zwar, aber immerhin – das Wort „sozial“ finden Sie gar nicht so schlecht, stimmt’s? Die Lektüre des Freitag würde Ihnen Spaß machen. Und weitere Munition liefern!
Ihre Katja Kullmann

Lieber Philipp Ruch,

Sie machen mit dem Zentrum für politische Schönheit Kunstaktionen, die wir im Freitag mit großem Interesse und, ja, auch mit viel Sympathie begleiten. Sei es die Entführung der Mauergedenkkreuze an die Außengrenzen der EU, um an die Todesopfer dieser Grenzen zu erinnern. Sei es die Beerdigung im Mittelmeer ertrunkener Flüchtlinge auf einem Berliner Friedhof. In unserer Vorstellung von einer besseren Welt liegen das Zentrum für politische Schönheit und der Freitag nicht weit auseinander. Aber warum sollten Sie uns dann lesen? Nur um die eigenen Ansichten bestätigt zu bekommen? Nein, denn es gibt da einen wichtigen Unterschied. Sie machen Kunst, und diese muss das Utopische ohne jede Begrenzung denken. Bei einer politischen Wochenzeitung ist das anders. Sie muss unbedingt auch eine Vorstellung davon haben, wie es anders besser wäre. Aber sie muss genauso reflektieren, was möglich ist. Im Spannungsfeld zwischen dem Wünschenswerten und dem Machbaren bildet sich Haltung. Das gelingt dem Freitag natürlich nicht immer gleich gut, aber doch oft besser als jenen Blättern, die das Utopische in die Essays ihrer Weihnachtsausgaben verbannen. Ich bin mir sicher, dass die Lektüre unserer Zeitung Ihre Arbeit befruchten könnte.
Ihr Jan Pfaff

2009

Relaunch Im Februar erscheint der neue Freitag. Mit neuem Layout, neuem Alltagsressort und einer Reihe Neuredakteuren. Gefeiert wird die erste Ausgabe mit einer Party in der Berliner Volksbühne. Eingeflogen sind dazu drei Kollegen des Syndicationpartners Guardian. Einer der Briten erklärt einem Freitag-Kollegen an der Bar, dass er ihn beneide: „Ich habe einmal eine solche Neuerfindung einer Zeitung mitgemacht. Man lernt in zehn Wochen mehr als sonst in zehn Jahren.“

Lieber Herr Jensen,

Sie waren zufrieden mit Ihrem Job als Briefträger. Dann haben Sie die Arbeit verloren. Jakob Hein machte Sie zu seinem Protagonisten. In seinem Buch verbringen Sie die freie Zeit dann mit Zeitungslesen und Sendungen, Tag und Nacht schauen Sie und lesen Sie, aber Sie finden nicht, was Sie suchen. Geschichten, Menschen, und Werte, die etwas mit Ihren zu tun haben. Widerstand! Sie werfen den Fernseher aus dem Fenster, schrauben den Briefkasten ab und Ihr Namensschild an der Wohnungstür. Ansonsten tun Sie einfach: nichts. Für Leute wie Sie, lieber Herr Jensen, gibt es eine Insel. Für die anderen Querdenker und Verblödungsverweigerer gibt es eine Zeitung.
Ihre Maxi Leinkauf

Lieber Papa,

die ganz großen Reden im Studentenparlament schwingen, mit den Jungs vom Kolpinghaus gegen den Muff von 1.000 Jahren auf die Straße gehen und die Ausflüge zu den lieben Genossen in der Deutschen Demokratischen Republik in Begleitung der Volkspolizisten beenden – das war einmal. Heute scheint das Unkraut im Garten der einzig verbliebene ideologische Gegner zu sein. Und es steht zu befürchten, dass er auch diesmal die Oberhand behalten wird. Lies doch mal einen Freitag, um über den Zaun zu schauen.
Dein Jan (Jasper Kosok)

Lieber Harald Schmidt,

ich habe keine Ahnung, wo Sie gerade stecken. Aber wo immer Sie sind, werden Sie Zeitung lesen. Sie sind, da bin ich mir sicher, ein passionierter Zeitungsleser. So einer wie Thomas Bernhard. Oder wie Willi Winkler, der ein treuer Leser von uns ist. Ich weiß, dass Sie Willi Winkler bewundern. Also kann Ihnen nur recht sein, was jenem billig ist. Wir packen hier alles aus: Willi Winkler mag besonders die Artikel von Matthias Dell, das hat er in seiner Blattkritik beim Freitag verraten. Matthias Dell schaut immer wieder genau in die Abgründe des deutschen Film- und Fernsehschaffens. Auch Sie haben da reingeschaut.
Ihr Michael Angele

Lieber Christian Ehring,

eigentlich machen wir doch das Gleiche: Sie zeigen den „Irrsinn der Woche“ im Fernsehen, bei Extra 3, das es vor einer Weile aus dem Dritten ins Erste geschafft hat – wir zeigen ihn in der Zeitung. Okay, einen kleinen Unterschied gibt es. Sie lachen über die Politik, über die wir uns empören. Aber Sie wissen auch: Eine gute Satire ist wie ein guter Kommentar, frech und bissig. Im Übrigen haben wir seit einem Jahr extra für Sie die Freitag-Web-App eingerichtet. So können Sie noch am Mittwochabend vor Ihrer Aufzeichnung nachlesen, was die wichtigsten Themen sind, und die Inhalte Ihrer Sendung anpassen.
Ihr Felix Werdermann

2010

Preisträger In diesem Jahr gewinnt der Freitag den Lead-Award in der Kategorie „Online – Webmagazin des Jahres“. Das Blatt wird außerdem von der Society for News Design zum „World’s Best-Designed Newspaper“ gekürt – zusammen mit der New York Times und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Auch in den folgenden Jahren erhält der Freitag immer wieder Preise für seine Gestaltung.

Lieber Georg Baselitz,

im Guardian haben Sie neulich wiederholt, was Sie zwei Jahre zuvor schon dem Spiegel gesagt haben: Frauen könnten nicht malen. Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass es Sie selbst ein wenig nervt, der Typ zu sein, der immer solche Phrasen dreschen muss. Aber ich war nicht dabei. Sicher bin ich hingegen, dass Sie den Freitag nicht lesen. Sie hätten sonst an die Malerin Corinne Wasmuht denken können, über die wir schon berichtet haben, bevor sie vergangenes Jahr den Käthe-Kollwitz-Preis erhielt. Oder an Tahliah Barnett, deren Neuinterpretation des R & B manche irritiert, aber irre erfolgreich ist (ich weiß, Sie schauen gern auf den Markt). Lassen Sie sich von Ihrem Vorurteil endlich befreien, die nächste Ausgabe bietet sich da als Einstieg an. Wir werden über die große Nachkriegskünstlerin Joan Mitchell berichten. Sie werden staunen, wie lange Ihre These schon Unsinn ist.
Ihre Christine Käppeler

Info

Dieser Artikel ist Teil der Jubiläumsausgabe zum 25. Geburtstag des Freitag

06:00 09.11.2015

Ausgabe 13/2020

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