Briefe aus Kabul

Robinson Januar bis Mai 2006 - mit Fotos von Helga Reidemeister

Sie zählt die Dokumentarfilme nicht mehr, die sie schon gedreht hat. Eines Tages aber wollte sie die Rolle der Beobachterin verlassen, zumindest für eine gewisse Zeit. In ihr wuchs der Wunsch, nicht immer wieder wegzugehen, wenn der Dreh vorbei und gerade das Vertrauen der Menschen gewonnen war, sondern zu bleiben, auch zu helfen. Sie wollte den Alltag der fremden Menschen mitleben und sehen, was sie wirklich tun.

Ute Wagner-Oswald aus München hat in Deutschland West und Ost, in Bolivien, Peru, Namibia und Nepal gefilmt, sie hat überall Menschen mit ungewöhnlichen Schicksalen in den gewöhnlichen Umständen ihrer Gesellschaft zu Wort kommen lassen. Es ist ihr gelungen, die Mutigen, auch die Verelendeten und Vergessenen, und dann wieder die Aufmüpfigen für ihre Filme zu finden.

Als sie erfährt, dass das Forum ziviler Entwicklungsdienst eine Schulung für den Friedensdienst in Krisengebieten anbietet, bewirbt sie sich, absolviert den mehrmonatigen Kurs und nimmt den Vorschlag des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) an, Ende 2005 nach Afghanistan zu gehen. Familie und Freunde raten ihr erschrocken ab. Gibt es nicht genug andere Länder, in denen sie sich nützlich machen könnte? Ausgerechnet das gefährliche Afghanistan! Doch am Hindukusch wartet eine Aufgabe auf sie, die ganz und gar zu ihr passt, sowohl zu ihren Kenntnissen und Erfahrungen, als auch zu ihrem Engagement und ihrer Neugier - dieses Angebot will sie nicht ausschlagen: Sie soll Filmjournalisten anleiten, vor allem Frauen, und mit ihnen neue Sendungen entwerfen. Nach den ersten acht Monaten dort bereut sie nichts. Die Menschen, mit denen sie zu tun hat, schätzt sie. In der Arbeit geht sie prinzipiell von den Ideen der afghanischen Kolleginnen und Kollegen aus, will ihnen nicht die Perspektive des Westlers aufdrängen, sondern ihren eigenen filmischen Blick schärfen, sie zum bildhaften Erzählen ermutigen. Ihr erster Arbeitsort sollte der Provinzsender Faizabad im Norden des Landes werden. Doch wenige Tage vor ihrer Anreise wird das Gebäude in Brand gesteckt. Noch bevor alles begonnen hat, scheint die Mission im Fiasko zu enden. Da kommt die Nachricht aus Kabul, der Intendant des Staatlichen Fernsehens RTA bitte dringlich beim DED um die Kollegin aus Deutschland. Bei ihm warte genügend Arbeit für eine Frau mit ihren Qualifikationen. So beginnt im Januar Ute Wagner-Oswalds Zeit in Kabul, und eine Fluss der Nachrichten an die besorgten Freunde in Deutschland.

Marina Achenbach


24. Januar 2006

Seemannsgarn

Bin erst mal im DED-Gästehaus. Seit vorgestern sind auch die "Heimaturlauber" wieder da: ein Ingenieur aus Chemnitz, der zu DDR-Zeiten an leitender Stelle in einem Betrieb der Elektronik-Branche war, sich nach der Wende mit einem Ingenieur-Büro selbstständig gemacht hat, dem jetzt die Aufträge ausgeblieben sind beziehungsweise dessen Kunden nicht gezahlt haben. So hat er sich beim DED beworben, baut hier eine Handwerkerunion auf und qualifiziert die Leute weiter. Mit schwarzem Humor sieht er die Lage.

Oben auf dem Dach hat sich ein Elektromeister aus Usedom eingenistet. Wer ihm und seinem Seemannsgarn zuhört, liegt vor Lachen am Boden. Seine Söhne haben den Betrieb übernommen, er wollte noch mal die weite Welt sehen, ist nun in Afghanistan als Ausbilder für Elektrolehrlinge gelandet. D. aus (Ost-) Berlin bringt die Wasserversorgung von Herat auf Vordermann. Aus seinen Berichten schließe ich, dass sein Team alles für eine Privatisierung vorbereitet, sprich: dass ein Konzern einsteigen kann. Der Konflikt ist programmiert - auch den Afghanen ist der freie Zugang zum Wasser heilig. Noch nie haben sie dafür bezahlen müssen.


5. Februar 2006

Zwei Brüder

Der Einzug ins Haus, das ich mit einer Kollegin gemietet habe, rückt näher, und es fehlt noch so viel. Das kleine Haus ist frisch renoviert, überhaupt wird sehr viel in Kabul gebaut, Trümmer sind kaum noch zu sehen. Der Besitzer hat uns in unserem "Salon" dicke Teppiche überlassen. Im Garten ist schon fast der ganze Schnee geschmolzen und hat einen kleinen Seerosenteich freigelegt und zehn Rosenstöcke. Das Häuschen unserer Bewacher Shoaib und Shekev steht auch im Garten.

Die beiden Guards sind Brüder - der jüngere, Shoaib, hat die Oberschule besucht, spricht sehr gut Englisch, ist ein gescheiter Typ und völlig überqualifiziert, um bei uns Wache zu halten und die Öfen zu heizen. Für 150 Euro im Monat, was allerdings erheblich mehr ist, als ein Lehrer verdient. So gerate ich unversehens in diesen unguten Kreislauf, dass wir Ausländer dem afghanischen Staat seine guten Leute wegschnappen, damit sie uns das Haus bewachen. Es gibt Ärzte und Wissenschaftler, die als Fahrer arbeiten. Ich hoffe, wir können Shoaib überzeugen, dass er nebenher eine Ausbildung macht, bei uns muss er sich ja kein Bein ausreißen. Der große Bruder Shekev ist eher der "Techniker" von beiden. Er hat noch die Häuser nebenan zu versorgen und kommt nur nachts.

Übrigens hatte ich schon mein erstes Erlebnis mit den "Besatzern". Eine Kollegin und ich waren mit unserem Fahrer unterwegs, als plötzlich ein Bewaffneter auf die Straße sprang und mit der Maschinenpistole auf uns zielte. Unser Fahrer stoppte, zwei Vermummte mit Sehschlitzen sprangen auf uns zu, wir dachten, das ist ein Überfall von Kriminellen. Da schoss aus der Seitenstraße eine Limousine mit verdunkelten Scheiben heraus, die Vermummten und der Bewaffnete sprangen in ein laufendes Auto, und uns wurde klar, dass ein amerikanischer VIP nur mal auf unkonventionelle Weise die Vorfahrt erzwungen hat.

Briefe bekomme ich über die Feldpost - hört sich kriegerisch an, ist es vielleicht auch. Von den Entwicklungshelfern werden zwar löbliche Sachen gemacht, aber es wird hier offen darüber geredet, dass die USA eben ein befriedetes Afghanistan benötigen, um ihre Öl- und Gasversorgung durchs Land zu leiten, wofür es günstig ist, wenn die Bevölkerung halbwegs ruhig und zufrieden ist. Nun wird auch offen darüber gesprochen, dass sie Afghanistan als Aufmarschgebiet gegen Iran brauchen. Kurz vorher kann ich hoffentlich Leine ziehen ...


12. Februar 2006

White City

Kurz zur aktuellen Situation in Kabul, da ich annehme, dass Euch die Demo-Bilder aus Afghanistan beunruhigt haben. Gestern gab es wegen der anti-islamischen Karikaturen in der Tat auch hier relativ aggressive Demonstranten. Ich war gerade in einer der wunderbaren Basar-Straßen, als mich der Anruf vom Büro erreichte, ich solle mich sofort zum DED begeben. Ich habe mit meinem Guard ein Taxi geschnappt, denn es wurde "White City" verkündet - das heißt, kein Ausländer darf sich auf der Straße blicken lassen. Auch heute durften wir die auffälligen DED-Autos nicht benutzen, wir wurden mit angemieteten Autos ins Büro geholt. Es ist mir ohnehin schleierhaft, warum Ausländer mit riesigen, weißen Jeeps durch die Gegend jagen, das muss ja Aggressionen wecken.

Warum konnte es sich die westliche Presse nicht verkneifen, diese idiotischen Karikaturen nachzudrucken? Es war doch klar, dass die Konservativen in der islamischen Welt einen Aufstand machen. - Eigentlich wollte ich Euch aber nur beruhigen, dass der DED penible Sicherheitsmaßnahmen ergreift, kein Grund zur Sorge also.

Mein Einstieg im Sender ist weitgehend vollzogen, ein Moloch mit 2.000 Angestellten, aber nur die Nachrichtenabteilung funktioniert wirklich, gesponsert und begleitet von Mitarbeitern der Deutschen Welle. Meine Dokumentarabteilung hat sich mir noch nicht ganz erschlossen. Immerhin habe ich etliche prima Leute kennen gelernt, bin verblüfft, welch tüchtige Frauen am Sender arbeiten. Ich schaue mir Sendungen in den Abteilungen Dokumentation, Frauen, Soziales an, mache Interviews mit den Kollegen und wundere mich immer wieder, wie unter den bescheidenen technischen Möglichkeiten doch ein originelles Programm entsteht. Ich kann mir gut vorstellen, hier nützlich zu sein. Auch das Frauenmagazin ist ganz munter, wobei es das riesige Problem hat, Frauen vor die Kamera zu bringen, ohne dass sie anschließend von ihrer konservativen Umgebung geächtet werden. Die Kollegen sind miserabel bezahlt und haben noch andere Jobs, kaum einer arbeitet hier den ganzen Tag.


19. Februar 2006

Meine Dolmetscherin

Wenn ich aus dem Fenster schaue: Blick über Häuser aus Lehmziegeln, dahinter aufsteigende Berge, an deren Hängen einige Tollkühne ihre Häuschen geklebt haben. Obwohl wir mitten in der Stadt wohnen, dringt nur von Ferne der Verkehrslärm herüber, wer zu uns will, muss durch zwei Innenhöfe. Zwei von privaten, unbewaffneten Wächtern behütete Tore trennen uns von der Straße.

Inzwischen habe ich schon viele der unglücklichen Kollegen gesprochen und deren Filme angeschaut, die vom Rauswurf bedroht sind. Angeblich sind alle unfähig, weil sie seit Kommunistenzeiten im Sender arbeiten. Ich finde das hammerhart, zum Teil sind wirklich interessante Filmleute dabei, die abenteuerliche Fluchten während der Talibanzeiten auf sich genommen haben und nun unter großen Mühen am Sender den Betrieb aufrecht erhalten. Es ist ja oft so, dass Afghanen, die 30 Jahre im Exil verbracht haben, die heimischen Leute als total rückständig empfinden. Abgesehen davon greift auch hier der Jugendwahn um sich, alles, was über 25 ist, gilt als nicht mehr lernfähig! Nichtsdestotrotz mache ich mit richtiger Arbeitswut meine Recherchen und fühle mich fast schon heimisch am Sender, von den Männern werde ich entgegen allen Erwartungen mit größter Aufmerksamkeit behandelt.

Highlight ist eine junge Dolmetscherin, die mir seit vier Tagen hilft, die Menschen hier zu verstehen. Sie ist gerade 17, spricht sehr gut Englisch und kommt aus einer Familie mit sechs Mädchen, was üblicher Weise als Strafe Gottes von den Eltern empfunden wird. Den sonstigen Gepflogenheiten zum Trotz dürfen alle Töchter in die Schule gehen, die älteste arbeitet als Dolmetscherin bei der UNO. Zaida hat sogar die schriftliche Erlaubnis ihrer Eltern, dass sie mich auch in die Provinz begleiten darf. Eine Sensation, wenn man bedenkt, dass es gerade im Parlament eine heftige Debatte gibt, ob gewählte Parlamentarierinnen ohne männliche Begleitung ins Ausland fahren dürfen oder nicht. Zu meiner Verblüffung erzählte mir Zaida, dass ihr Vater Mullah sei, also ein islamischer Religionsgelehrter. Er musste zu Talibanzeiten fliehen, weil er sich in seinen Predigten und Schriften für die Gleichwertigkeit der Frauen ausgesprochen hatte. Ich freue mich schon jetzt darauf, diese ungewöhnliche Familie näher kennen zu lernen.


2. März 2006

Vogelmarkt

Es fällt auf, dass es zahlreiche Frauen um die 50 gibt, die eine Ausbildung haben, die auf die Zeit unter den Russen zurückgeht. Junge Frauen finde ich leider oft unselbstständig und unkritisch. Die Leute wissen übrigens, dass Westler gern Negatives über die Russen hören und reden oft zuerst entsprechend. Allerdings stellen sie immer wieder richtig, dass Kabul nicht von den Russen zerbombt wurde, sondern nach deren Abzug von den Mudjahedin-Gruppen. Wenn sie mehr Vertrauen gewonnen haben, erzählen sie auch, dass die Zeit unter den Russen für Kabul gut war und vieles gebaut wurde. Kabul ist eine "Extra-Welt", die Provinzen wissen nichts von Kabul, und umgekehrt ist es auch so. Darum bin ich ja dabei, eine Sendereihe aus den Provinzen aufzubauen.

Nachdem die Sicherheitsbestimmungen wieder gelockert sind, erschließe ich mir die Stadt. Mit meinem Guard (der zierlich ist und nicht gerade furchteinflößend wirkt) durchstreife ich die nicht enden wollenden Basare. Selbst Gemüse einzukaufen, ist ein Erlebnis, wobei ich inzwischen gelernt habe, an welchen Ständen man Gemüse bekommt, das nicht in den stinkenden Abwässern des Kabul-Flusses gewaschen wurde. Gestern war ich am Vogelmarkt. Die Gesichter der Männer, umgeben von Hunderten von Vögeln in den schönsten Käfigen - da könnte ich am laufenden Band fotografieren. Frauen verirren sich nicht hierher, die Vögel sind Männersache und werden oft für Wettkämpfe eingesetzt. Aber wieder mal waren alle sehr freundlich zu mir, meine allen offensichtliche europäische Herkunft lässt mich vielleicht gar nicht als typische Frau erscheinen. Es erwartet hier keiner von mir, dass ich ein Kopftuch trage! Sie fänden es sogar übertrieben.

Die Abende haben ihren besonderen Reiz. Ich lese und höre meine paar CDs. Mir fällt immer mal wieder wohltuend auf, dass ich mich frei vom früheren Druck fühle: kein Redakteur, dem ich wieder das nächste Thema anbieten muss, keine Enttäuschungen, wenn eine Absage kommt. Natürlich der Wermutstropfen, dass Ihr alle so weit weg seid ...


4. April 2006

Schnitzel-Wirt

Bin zurück von der ersten langen Fahrt durchs Land zum Hindukusch, über den verschneiten Salang-Pass nach Kunduz. War dort, wo die deutschen Soldaten angeblich unsere Freiheit verteidigen. Die Landschaft: weite Blicke, Hügel in allen Schattierungen, braun, rot, gelb, manchmal auch in zartes Grün getaucht, wenn eine Quelle in der Nähe ist. Die Häuser, alle aus Lehmziegeln, passen sich perfekt der Landschaft an. Manchmal hat es mich an die Anden in Südamerika erinnert, aber hier fehlen die Frauen und Mädchen in ihren bunten Gewändern. Selbst auf dem Land scheinen alle Frauen hinter den Mauern gefangen, die jedes Haus umgeben. Ich habe auf einer Strecke von 300 Kilometern vielleicht zehn Frauen gesehen, verhüllt in ihre Burka mit dem Gitterfenster.

Dafür übernehmen hier wohl auch die Männer die ganze Feldarbeit. Man sieht oft fünf bis zehn in einer Reihe, sie hacken gemeinsam den Lehmboden auf. Die Frühjahrsbestellung steht an. Traktoren gibt es so gut wie nicht. Hin und wieder werden Pflüge von Ochsen gezogen. Sobald man den Hindukusch überquert hat - der Salang-Pass sieht aus wie bei uns der Brenner, nur nicht so komfortabel ausgebaut, mit schneebedeckten Gipfeln und tiefen Eisrinnen auf der Straße -, steigen italienische Gefühle auf: rosa Mandelbäume ziehen sich den Fluss entlang, alles grünt, die Schafherden haben ordentlich was zu fressen. Kunduz selbst habe ich kaum gesehen, dort haben wir zwei Tage von morgens bis abends über den Einsatz des zivilen Friedensdienstes diskutiert.

Nur den "Schnitzelwirt" habe ich erlebt, einen Deutschen, der in Kunduz das Geschäft seines Lebens macht und alle Ausländer - inklusive ISAF-Soldaten - mit deutschem Essen für harte Dollar beglückt. Als wir bei ihm waren, aß auch der örtliche Gouverneur mit einigen höheren Chargen der Bundeswehr dort seinen Sauerbraten, umgeben von bis an die Zähne bewaffneten Gesellen, und die Bundeswehr stand an der Türe Wache. Da kann einem das Schnitzel schon im Hals stecken bleiben, aber ich hab´s mit einer Original Schneider-Weiße doch runtergespült.

Von Kunduz ging´s dann weiter nach Masar, in einer sechsstündigen Fahrt durch phantastische Landschaften, wo aber die vielen Panzerwracks an den Krieg erinnerten. Eigentlich wollte ich hier das Fernsehteam vom Sender Kabul treffen und den Dreh einiger Beiträge anleiten, aber keiner kam. So hatte ich stressfreie Tage für das Neujahrsfest. Vom Dach des Hotels, aus "sicherer Entfernung", konnte ich das prächtige Spektakel beobachten.

Am moslemischen Neujahrstag, dem 21. März, kamen Pilger aus dem ganzen Land zur Moschee nach Masar. Wer das Grab Alis besucht, ein Mausoleum wie aus Tausend und einer Nacht, rundum mit bunten Mosaiken besetzt, und dort eine bestimmte, nur an Neujahr errichtete Statue berührt, dem erfüllen sich seine Wünsche, verspricht der Mythos. Als nachmittags der Andrang nachgelassen hatte, wagten auch wir uns - ich war mit zwei Kolleginnen vom DED unterwegs - mit Tuch um den Kopf und männlicher Begleitung in die große Anlage, von der die Moschee umgeben ist. Das war heiliger Bezirk, wir sind auf Strümpfen durch Pfützen gewatet. Ein heftiger Regenguss hatte alles unter Wasser gesetzt und zugleich die leuchtendblau glasierten Ziegel und Mosaiken an der Moschee blank gewaschen. Unglaubliche Schönheit. Ein Eiferer wollte uns drei Frauen rausschicken, aber gleich warfen sich andere in die Bresche und meinten, wir seien willkommene Gäste. Fand ich tröstlich, obwohl in der Tat keine afghanische Frau weit und breit zu sehen war.

An zwei Abenden haben wir dank Alema, einer afghanischen Mitarbeiterin des DED, ein tolles Musikfestival mit Gruppen aus den verschiedenen Landprovinzen sowie aus dem Iran, Pakistan und Indien besucht. Als eine Gruppe aus Iran auftrat, eine Frau an der E-Gitarre, eine andere als Sängerin, tobte der Saal voller Männer. Diese Schizophrenie! Nun kam doch Groll in mir hoch, weil das Team aus Kabul nicht gekommen war - es wäre eine Super-Geschichte fürs Frauenprogramm drin gewesen. Immerhin wurde vor einem Jahr eine junge Frau in Kabul ermordet, weil sie es gewagt hatte, als Sängerin aufzutreten. Wie auch immer, ich betrachte den Aufenthalt in Masar als Recherche fürs nächste Jahr ...


22. April 2006

Provinzsender

Ostern habe ich in der tiefen Provinz, in Faizabad, verbracht. Hier hätte ich ja ursprünglich arbeiten sollen, habe mir die Trümmer des Senders angeschaut. Es war ein großes Haus, hoch auf dem Berg, mit einem riesigen Archiv. Aufnahmen aus 25 Jahren haben die Flammen vernichtet. Eine Schande, dieser kleine Sender war der einzige in der Provinz, der selbst zu Talibanzeiten den Betrieb aufrecht erhalten hatte. Wer die Brandstifter waren, ist unklar. Die Mannschaft versucht, mit unglaublichem Eifer weiter zu senden. Die Ansagerin sitzt an einem klapprigen Tischlein und liest ihre handschriftlich verfassten Neuigkeiten aus der Provinz, eine Minikamera zeichnet auf, und die Bilder werden von einem VHS-Recorder auf den anderen geschnitten. Und das alles bei bester Stimmung und großem Sendungsbewusstsein. Drogenanbau ist jetzt das Hauptthema.

Zur Zeit fahren afghanische Soldaten mit Treckern durch die gerade aufkeimenden Mohnfelder, im Hintergrund fahren die deutschen ISAF Soldaten auf und ab. Konsequenz: ziemlich viele Raketen fliegen durch die Gegend, die deutschen Soldaten (300 sitzen in Faizabad) werden wohl jeden zweiten Tag von verschiedenen Stellen aus beschossen, bisher hat es nur Fahrzeuge getroffen, keine Menschen.

Obwohl der kleine Ort in einer atemberaubend schönen Landschaft liegt, am Fluss, umgeben von wilden Bergen, bin ich nun doch froh, dass mich ein gütiges Schicksal davor bewahrt hat, hier meine gesamte Zeit zu verbringen. Ich hätte als einzige Ausländerin in Faizabad festgehangen. Da lobe ich mir Kabul, obwohl ich gestehen muss, dass gestern Abend auch in unserem Sender eine Rakete eingeschlagen ist. Der Kindergarten wurde zerstört. Es wird allerdings vermutet, dass der Angriff nicht dem Sender galt, sondern der dahinter liegenden US-Botschaft.


17. Mai 2006

Mohn-Vernichtung

Ich schneide gerade das Material, das wir (eine Journalistin aus der Provinz, ihr Kameramann und ich) in Jerm, 60 Kilometer von Faizabad, in der Provinz Badakshan gedreht haben. Seit drei Tagen versuche ich, mit einem Cutter, der den Namen nicht verdient, einen Beitrag von zwölf Minuten zusammenzuschneiden. Kennt Ihr das Gefühl, wenn dauernd einer sagt: Das geht nicht? Und eine Kollegin, die nicht Muh und nicht Mäh sagt? Und Bilder, die eigentlich nur ein Anfänger gedreht haben kann? Da hilft nur immer wieder laut vor sich hinzubeten: "Nein, der Beitrag muss nicht Spitze sein, nein, das ist nicht mein Film, nein, ich kann nichts dafür, wenn alles ein bisschen anfängerhaft wirkt". Und doch kann ich nicht vergessen, dass der Beitrag das Aushängeschild der neuen Sendereihe aus den Provinzen werden soll.

Aber ich berichte lieber etwas systematischer von der Reise nach Badakshan. Meiner Dolmetscherin Zaida hatte der Vater nun doch verboten, mich zu begleiten, als er erfuhr, dass wir einen Film über die Vernichtung der Mohnfelder machen wollen. Also habe ich kurzentschlossen unseren Tages-Guard Shoaib engagiert. Er war verlässlich, flink und organisatorisch fit, ein Glücksfall. Bei den Kollegen in Faizabad, die normalerweise nur über Dinge berichten können, die sie zu Fuß oder per Esel erreichen, war die Freude groß, dass ich sie im Leihauto ins rund 60 Kilometer entfernte Jerm mitnehmen konnte.

Dort startet die Regierung gerade das große Mohnfelder-Vernichtungsprogramm. Nun gibt das Filmmaterial leider nicht im entferntesten wieder, was wir gesehen haben: atemberaubende Gegenden, dramatische Aktionen auf den Feldern - die Bauern warfen sich vor die Trecker, die den Mohn umpflügen sollten, und wurden von Polizisten weggezerrt - und bitteres Elend in den Lehmhütten. Ich wusste kaum, auf wen ich die größere Wut entwickeln soll: auf die Drogenbarone, weil sie die Armut der Bauern für ihre Geschäfte ausnutzen, oder die Großgrundbesitzer, die ihren Pächtern die Hälfte (!) der Ernte abpressen.

Auf der Heimfahrt ist mir deutlich bewusst gewesen, was mich denn um Himmels willen nach Afghanistan getrieben hat: diese ungeheuren Landschaften, die brutalen gesellschaftlichen Verhältnisse, diese liebenswürdigen, stolzen Menschen - das alles so klar und unverfälscht zu erleben und nach Möglichkeit dokumentieren zu dürfen, das ist den Aufbruch in ein neues Leben wahrhaftig wert gewesen!


29.- 31. Mai 2006

Aufruhr

29. Mai, nun hat sich die Lage in Kabul plötzlich verändert. Heute morgen gab es einen schlimmen Verkehrsunfall, amerikanische Soldaten haben Tote verursacht. Sie halten in solchen Fällen nicht an, sondern fahren weiter, das ist Order. Seitdem gibt es Unruhen in der Stadt, Demonstrationen, Schießereien. Unsere Tore wurden geschlossen, Bewaffnete rennen rum. Ich habe den letzten Anruf gegen elf bekommen, bevor das Telefonnetz zusammenbrach. Soll mich nicht von der Stelle rühren. Jetzt scheint sich zu entladen, was sich so lange aufgestaut hat: die Wut über die sich wie Besatzer gerierenden ISAF-Soldaten, das selbstherrliche, martialische Auftreten der Amis, die forschen Fahrzeuge der ausländischen Organisationen und der UNO, die Verbitterung darüber, dass große Teile der Stadt mit Dreifachbeton- und Stacheldrahtwällen für das normale Volk gesperrt sind.

Hinzu kommt, dass die Leute wissen, wie viele Milliarden nach Afghanistan fließen und dann konfrontiert sind mit einer total vermüllten Stadt. Strom nur stundenweise, Wasser tragen die meisten von der Straße in die Wohnungen (wir haben einen eigenen Brunnen im Garten), und die schwarz gebauten Häuser, die sich die Berghänge hochziehen, haben sowieso weder Strom noch Wasser noch Klo.

13.00 Uhr, im Augenblick sitze ich in der Fernsehstation gefangen, draußen wird immer wieder heftig geschossen. Die Kollegen diskutieren in den Gängen, leider bin ich gerade ohne Dolmetscher. Und ich habe morgens eine Gruppe junger Leute zum Recherchieren losgeschickt, weiß nicht, wo sie jetzt sind. Dummerweise liegt die Sendeanstalt einem großen, abgeschirmten amerikanischen Komplex gegenüber, inklusive Botschaft und CIA. Ich vermute, dass sich die Demonstranten in diese Richtung bewegen. Komischerweise habe ich wieder mal überhaupt keine Angst. Vielleicht fehlt mir die Fantasie, es könnte auch für mich mal blutiger Ernst sein. Vielleicht haben mich die unzähligen Fernsehbilder über Demonstranten und Schießereien so abgebrüht. Vielleicht muss ich erst mittendrin stecken, bevor ich glaube, dass alles real ist. Obwohl, so nahe habe ich noch nie Maschinengewehrsalven gehört.

14.00 Uhr, die Fernsehapparate laufen jetzt wieder. Offensichtlich hat es den privaten Fernsehsender Ariana heftig getroffen. Sie senden live über die eindringenden Demonstranten. Man sieht, wie die Leute absolut von Wut beherrscht sind, sie schlagen alles kurz und klein, Autos brennen. Rauchwolken zeigen an, dass sie wohl benachbarte Häuser angezündet haben. Die Ariana-Mitarbeiter rufen nach Hilfe, aber weder Polizei noch irgendwelche anderen Ordnungskräfte lassen sich blicken. Bei uns ist alles ruhig, vielleicht ist zum ersten Mal der schmale Zugang zum Sender durch all die Betonwälle ganz hilfreich, da kommen die Leute nur einzeln durch. Jetzt sind auch Polizeisirenen zu hören, die Schießereien gehen - allerdings mehr in der Ferne - weiter. Ich frage mich, warum ausgerechnet Ariana angegriffen wird, ich muss mich erkundigen, ob das der von den Amerikanern bezahlte Sender ist.

Wahrscheinlich ebbt nach dem Abendgebet der Tumult ab. Da knien alle auf den Teppichen und haben (hoffentlich) ein bisschen Zeit zum Nachdenken. Es kommt allerdings darauf an, was die Mullahs dazu sagen. Beruhigen sie oder wiegeln sie auf? Jetzt steht wohl erst mal wieder "White City" bevor.

15.30 Uhr, eine etwas eigenartige Situation: Die Tore des Senders werden geöffnet, die Leute von RTA strömen zu ihren Bussen, das Haus wird bald verlassen sein. Ich aber habe Order vom DED, hier zu bleiben.

16.00 Uhr, endlich kommt ein Anruf vom Fahrer. Er hat alle jungen Fernsehneulinge bis vor ihre Haustüren gefahren. Ich hatte sie zum Recherchieren über eine Frau geschickt, die mit einem Mann verheiratet ist, der noch zwei weitere Frauen und insgesamt 23 Kinder hat. Bin froh, dass alle unversehrt sind.

17.00 Uhr, vom DED kommt grünes Licht zur Heimfahrt. Der Fahrer Hakim steht mit meinem treuen Shoaib am Tor. Vorsichtshalber wickle ich mich in einen langen Schal, wir fahren unbehelligt durch menschenleere Straßen. Ich bin total gerührt von der liebenswürdigen Fürsorge der beiden, die in so krassem Gegensatz zu den ausgerasteten Demonstranten steht.

Abends. Alles absurd: Ich sitze in unserem Rosengarten mit K., die mit einer Leiter über das Nachbargrundstück aus ihrer belagerten Hilfsorganisation fliehen musste, und bin immer noch nicht in der Wirklichkeit angekommen. Wir sitzen im Elfenbeinturm und sehen Fernsehbilder, die nichts mit uns zu tun haben, obwohl alles so nah abläuft. Ich merke, wie in mir Wut hochkommt - es war absehbar, dass sich die Rücksichtslosigkeit der Amis irgendwann rächen würde. Aber dass von einem Tag auf den anderen so viel "good will" anderer Organisationen auch nichts mehr zählt, habe ich nicht erwartet,


31. Mai, es ist vorbei, das war fast ein Aufruhr, die heftigsten Demonstrationen seit Kriegsende. Die afghanischen Kollegen nehmen es relativ gelassen, sie sind Schlimmeres gewöhnt. Über den Privatsender Ariana habe ich inzwischen erfahren, dass er nicht in amerikanischer Hand ist, sondern verschiedene westliche Sponsoren hat und vorwiegend indische Filme wie auch viel Werbung sendet und von daher als Symbol der Verderbnis gilt.

Ich bereite mit meinen Mädels ihren ersten Film vor. Sie sind von der Recherchefahrt ziemlich erschüttert zurückgekommen, die Frau - ich habe schon erwähnt, die dritte Frau eines Mannes, der sich einen Dreck um seine Familie kümmert, nun will er die 14jährige Tochter zwangsverheiraten - hat wohl keine Chancen zur Gegenwehr, aber den Mut, ihre Geschichte im Fernsehen zu erzählen.

Was mich angeht, macht Euch bitte keine Sorgen, ich fühle mich persönlich nicht gefährdet, habe nicht das Gefühl, Zielscheibe zu sein ...


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00:00 18.08.2006

Ausgabe 42/2021

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