Brigitte

Kehrseite I Sie sitzt bei uns bei Edeka an der Kasse. Brigitte Mohnhaupt. Tatsächlich! Und ich hab sie als erster gesehen. Sie tippt dort Preise ein, zieht die ...

Sie sitzt bei uns bei Edeka an der Kasse. Brigitte Mohnhaupt. Tatsächlich! Und ich hab sie als erster gesehen. Sie tippt dort Preise ein, zieht die Sachen über den Scanner, und bei jedem Piep! zuckt sie zusammen. Hinter ihr im Ledermantel steht ein Mann, bestimmt vom Staatsschutz, ab und zu muss er sich ducken, nämlich dann, wenn Brigitte sich umwendet und mit ihrer MP ins Gemüse ballert. Also dorthin, wo früher der Gemüsestand war. Im Laden zucken dann alle zusammen und grinsen ein bisschen, gucken sich verständnisvoll an, als wollten sie sagen: "Jaja, unsere Brigitte." Und wenn sich der Rauch verzogen hat, tippt die Mohnhaupt ziemlich ungerührt weiter.

Eigentlich eine tolle Idee von Horst Sieg, unserem Edeka-Chef, die ehemalige Terroristin in seinem Laden zu resozialisieren. Das Geschäft ist total überrannt, die Leute kommen sogar aus der Stadt zu uns in die Pampa. Alle wollen nur noch zu ihr.

Draußen vor dem Haus stehen die Sendewagen von RTL und Sat1, sogar Premiere und arena habe ich schon gesehen, und wenn die Mohnhaupt abends nach Hause geht, leuchtet unsere hässliche Straße wie das Daimler-Stadion.

Brigitte scannt und scannt. Und tippt und tippt. Den Leuten ist es lieber, wenn sie scannt, denn mit dem Tippen läuft´s noch nicht so. Manchmal entstehen utopische Summen, aber die Leute zahlen, und der Laden, wie gesagt, brummt. Mancher Kunde berührt sie beim Geldwechsel verstohlen, streift ihren Ärmel, spürt die Reste der Handschellen an ihren Handgelenken, die Sieg besorgt hat. Und erschaudert.

Und ich? Schweige und genieße. Ich krieg ja hier jetzt alles umsonst. Sieg hat den Boom mir zu verdanken.

Als ich eines Tages in den Laden komme und an das Schokoladenregal geh, seh ich, wie mir eine Frau die letzte Mohrrüben-Hibiskus-Roibos-Zartbitter vor der Nase wegschnappt. Und sie in ihrer Handtasche verschwinden lässt! He, die klau ich hier sonst! Aber... Aber das Gesicht kommt mir bekannt vor. Das ist doch die ... Ulla Schmidt? Die, die ... van der Leyen? Muschi Stoiber? Nein. Als sie sich vor mir, an der Kasse vorbei, nach draußen drängte, fiel´s mir wie Schuppen von den Augen, und ich gab Sieg den kleinen Tipp.

Der hat sofort zugegriffen. Frau Mohnhaupt sozusagen zwangsverpflichtet. Ich war dabei, als er so tat, als würde er die Polizei rufen wollen; sie ist ja nur auf Bewährung draußen.

In kürzester Zeit wurde sie der Verkaufsmotor! Und zum Dank bekam ich die Mohrrüben-Hibiskus-Roibos-Zartbitter aus der Mohnhaupt´schen Handtasche und das Versprechen, im nächsten Vierteljahr umsonst hier einkaufen zu können.

Schließlich war es ja auch meine Idee mit der Kalaschnikow! Sieg hat sie sich vom Suez mitbringen lassen. Ab und an, damit die Kunden auf ihre Kosten kommen, ballert die Brigitte damit in die Gemüseecke. Schließlich musste alles Gemüse raus, Sieg ließ dafür die Kartoffelpyramiden bauen, und die Leute sind wie wild auf das Zeug mit den Projektilen drin.

Manchmal allerdings kommen mir Zweifel, ob die Frau wirklich Brigitte Mohnhaupt ist. Dieser komische Dialekt. Vielleicht sieht sie ihr einfach nur ähnlich? Und sie ist so leidenschaftslos, wenn sie schießt.

Aber egal, sie hat sich darauf eingelassen, und der Laden brummt. - Salve!

Dirk Werner, 1961 in Gera geboren, leitet Fotoprojekte und lebt als Filmvorführer und Autor in Esslingen/Neckar.


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00:00 02.03.2007

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