Brillant, aber starrsinnig

Keynesianerin der ersten Stunde Erinnerung an die Ökonomin Joan Robinson

Joan Robinson trifft Olaf Henkel. Die britische Ökonomin und der ehemalige Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie - das wäre eine Kombination für ein spannendes Streitgespräch. Lebte Robinson noch, würde sie heute wohl das Gleiche beklagen wie schon 1970: Dass die populären ökonomischen Floskeln, die ins öffentliche Bewusstsein gelangen, immer noch zu generell die positiven Auswirkungen eines ungehinderten Profitstrebens behaupten. Lohnsenkungen, Rückzug des Staates und ein möglichst freies Spiel des Marktes als Wege aus der gegenwärtigen Krise? Als Keynesianerin der ersten Stunde würde sie solche Rezepte ablehnen. Die Grundpfeiler jener Thesen, in der Wirtschaftswissenschaft als "neoklassischer Mainstream" bezeichnet, bekämpfte sie ein Leben lang, und zwar auf hohem theoretischen Niveau.

Gleich am Anfang ihrer Karriere wurde sie Zeugin einer der spannendsten Auseinandersetzungen der Wirtschaftswissenschaft. 1922 begann Robinson ihr Studium der Ökonomie in Cambridge. Dort waren die Theorien des wichtigen neoklassischen Ökonomen Alfred Marshall die herrschende Lehre. Gleichzeitig unterrichtete dort auch John Maynard Keynes und bereitete sein berühmtes Werk vor, das 1936 den sogenannten Keynesianismus begründete: Die allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Joan Robinson war nicht nur Teil des Zirkels, in dem Keynes sein Werk diskutierte bevor er es veröffentlichte, sondern entwickelte nach seinem Tod maßgeblich dessen Lehre weiter. Arbeitslosigkeit ist demzufolge nicht ein vorübergehendes Durchgangsstadium in einer Ökonomie, die - wie die Neoklassik unrealistisch behauptet - über kurz oder lang wieder Vollbeschäftigung bieten werde. Im Gegenteil, der Staat müsse sich bei ihrer Bekämpfung einmischen. Dabei spielt die Nachfrageseite eine entscheidende Rolle, da diese die Investitionen der Unternehmer bestimmt.

Leidenschaftlich und wortgewaltig warb Robinson für die von ihr wesentlich mitgeprägte "Cambridger Schule". Moral und Geschichtsbewusstsein waren wichtige Bestandteile ihrer Auffassung von Ökonomie. Der neoklassische Ansatz, der die Frage nach Gerechtigkeit nicht stellt, war ihr Feindbild.

Als Frau, die sich mit Lust in theoretische Diskussionen verbiss und weder im Auftreten noch in der Kleidung dem üblichen Frauenbild entsprach, irritierte sie männliche Kollegen und Studenten, doch verstand sie sich, soweit bekannt, nicht als Feministin. Robinson scheute auch nicht davor zurück anzuecken. Die harte theoretische Kontroverse war für sie der Weg, um wissenschaftlichen Fortschritt zu erzielen. Sie las Marx und empfahl, seine Fragestellungen ernst zu nehmen. Gerade im Amerika der fünfziger Jahre war das ihrer Reputation nicht förderlich. 1951 schrieb sie das Vorwort zur englischen Ausgabe der Akkumulation des Kapitals von Rosa Luxemburg und verfolgte interessiert die Entwicklungen in Nordkorea, China und der Sowjetunion. Sie war keine Marxistin, hoffte aber trotzdem, dass dort eine gerechtere Gesellschaft entstehen könnte. Dies verführte sie in Zeiten des kalten Krieges zu lange zu einer sehr unterstützenden Haltung, wie ihr Kritiker vorwerfen.

In ihren eigenen zahlreichen Schriften pflegte sie einen lesbaren literarischen Stil, der fast ohne mathematische Formeln auskommt. Auch hierin folgte sie nicht der Mehrheit ihrer ökonomischen Zeitgenossen. Mit der ihr eigenen Ironie - schließlich ist sie heute vor allem für eine mathematische Formel mit dem Namen "Robinson Bedingung" bekannt - verteidigte sie ihren Schreibstil: "In Unkenntnis der Mathematik, musste ich nachdenken."

Neben dem Nachdenken unterstützte sie aktiv die Studentenproteste der sechziger und siebziger Jahre als Rednerin und setzte sich gegen das Wettrüsten ein. Seit den Fünfzigern kritisierte sie, dass Amerika nur keynesianistisch sei, wenn es um militärische Aufrüstung gehe.

Mit ihrer Auffassung von Keynesianismus stand sie nach 1950 bis zu ihrem Tod im Jahre 1983 in Opposition zu den herrschenden Lehren in der Wirtschaftswissenschaft. Dennoch wurde sie 1975 in Fachkreisen als erste Kandidatin für den Wirtschaftsnobelpreis gehandelt. Es war das "Jahr der Frau", und wer kam sonst dafür in Frage? Robinson war von 1965 bis 1971 Professorin für Ökonomie in Cambridge und galt als brillante, aber ein wenig starrsinnige Theoretikerin. Sie erhielt den Preis nicht.

Arbeitslosigkeit und die Frage nach Verteilungsgerechtigkeit sind auch heute aktuelle Themen. "In der Praxis basiert die Beschäftigungspolitik auf keiner speziellen Theorie, sondern folgt der Linie des geringsten Widerstandes", behauptete Joan Robinson einmal trocken und nicht zu Unrecht. Am 31. Oktober dieses Jahres wäre sie 100 Jahre alt geworden.


00:00 31.10.2003

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