Briten für Britten

Musik Das hat der Pop so lang vermisst: Die Band These New Puritans zitiert nicht um der klugen Geste willen, sie testet einfach aus, was noch alles geht
Oliver Tepel | Ausgabe 46/2014

So etwas fragen Sie auch nur ein Mal: „Modernismus?“ Die Augen des Gegenübers blitzen: „Modernismus war ein Schimpfwort“, grollt er. „Das war Benjamin Britten. Mir ging es um die Avantgarde, um Leute wie Stockhausen.“ Damit brachte John Cale einst in einem Interview den Scheideweg seiner Generation auf den Punkt. Junge Musikstudenten, die sich Anfang der 60er für eine aktuelle Avantgarde jenseits etablierter Regeln entscheiden konnten. Dass Cale mit The Velvet Underground das Dröhnen der Minimal Music in den Pop brachte und ein immenses Solowerk schuf, ist Geschichte. Was das alles mit der Live-LP von drei britischen Spätzwanzigern zu tun hat?

Die Band These New Puritans ging in der kurzen Zeit ihres Bestehens weite Wege. Von einer Post-Punk-Revival Band im strengen Stil zum weitaus düstereren und auf eine störrisch detailverliebte Weise ins Experimentelle driftenden Projekt. Plötzlich schnitten auf ihrem zweiten Album Hidden (2010) Klingen von rechts nach links durch den Hörraum, und orchestrale Sequenzen stritten mit schweren Beats. Fast so, als hätte John Cale den klaustrophobischen Furor von Fear is a Man’s Best Friend auf die Anmut eines modernen Streichquartetts losgelassen. O weh, da ist es schon wieder, das verbotene M-Wort.

Tatsächlich las man bald, dass Sänger Jack Barnett wirklich Benjamin Britten verehrt. Britten, der auch deshalb als einer der größten britischen Komponisten gilt, weil er sein Publikum niemals avantgardistisch überforderte. Spießige Puritaner also? Zornige Neokonservative? Einer der schönsten Aspekte kultureller Bewegungen ist ja ihre Zeitlichkeit. Komplexe Systeme entstehen, doch ihre Zusammenhänge bröckeln schneller als Sandstein, und die Farbe des Verbotsschilds vor dem verschlossenen Durchgang ist bald verblichen. Warum durfte man da noch gleich nicht rein? Die Band jedenfalls wollte nicht widerstehen. Aus Fragmenten, entstaubt von alten Bezeichnungen, schuf sie auf ihrem Album Field of Reeds (2013) einen sehr eigenen Kosmos, nachvollziehbar als Entwicklung und zugleich verblüffend in seiner angespannten Ruhe. Alles war noch da, der Zorn, die Dynamik, aber der Beat tappte nun als unterschwelliger Rhythmus.

Aus den Jahren 1610 und 2070

Für den Pionier des postmodernen Popjournalismus und Joy-Division-Intimus Paul Morley klang das so: „Sehr 1970, aber auch ziemlich 1610, 1950, 1979, 1989, 2005 und 2070.“ Das hatte Pop jahrelang vermisst! Die spröde und doch romantische Introspektion von Field of Reeds könnte tatsächlich, um den Kreis kurzzuschließen, bei John Cales neoklassischer Vertonung von Dylan Thomas’ Do Not Go Gentle Into That Good Night anknüpfen. Allein, alle Stile wehen hier durcheinander, in sanften wie auch harschen Wogen, gleich Ähren im Wind. Diese zu guten Teilen im Studio erarbeiteten Strukturen in ein organisches Ganzes zu fassen muss ungeheuer reizvoll gewesen sein.

André de Ridder, unter anderem musikalischer Leiter an der Komischen Oper Berlin, wirkte mit seinem Stargaze-Ensemble bereits im Studio mit, im Frühjahr dann standen sie auf der Bühne, zusammen mit der Band, der Fadosängerin Elisa Rodrigues, dem Synergy-Vocals-Chor und einem Magnetic-Resonator-Piano, einer Art elektromechanischem Synthesizer auf Basis eines Konzertflügels. Die komplette, große Geste! Doch der Mitschnitt der ersten von nur zwei Shows, der nun unter dem Titel Expanded. Live at the Barbican erscheint, überrascht mit der Abwesenheit von Bombast. Stattdessen subtil zerrende Dissonanz: Jack Barnett, der Mann der alles zusammenhalten soll, nuschelt manieriert, während sein schmaler Körper mit dem Mikroständer hin und her wippt, als ginge es darum, ein Festivalpublikum mitzureißen. „Er tanzt den Backbeat“, meinte eine aus St. Petersburg zum Konzert angereiste junge Frau. Recht hatte sie: Der schmächtige Mann verkörpert den stillen Herzschlag der Musik und trägt die Seele des Pop, jene besondere identifikatorische Begeisterung, durch die komplexen Stücke.

Man muss ihn dafür nicht sehen, das Album vermittelt perfekt die Spannung des Liveeindrucks. Genau in der Abfolge des Studiovorbilds erzählt es die Geschichte eines romantischen Tête-à-Tête. Ein See muss durchschwommen werden, wird sie auf der Insel warten, was wird werden? Die Emotionen des 60er-Pop als Kammerspiel. Als Zugabe folgen zwei alte und ein ganz neues Stück, das reicht für vier konzentrierte LP-Seiten aus. Man hört sie wirklich wie ein verbotenes oder zumindest unbekanntes Abenteuer. Statt des heute popüblich geschickten Spiels mit Referenzen schweben die Bestandteile wie Staub durch den Nachthimmel. Die Band wandelt clevere Gesten in Handwerk, die alte künstlerische Vision, die Frage, wie weit man gehen kann, ist wieder da. Und er trumpft nicht groß auf, es reicht ihm die Andeutung eines Kusses im Dunkel der Bühne. Sie können ihn auf der Aufnahme hören. Irgendwo zwischen den Tönen einer neuen Popmusik.

Expanded. Live at the Barbican These New Puritans (PIAS / Co-Op)

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06:00 26.11.2014

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