Broiler, baumelnde

Berliner Abende Das muss jetzt doch erzählt werden. Obwohl der Abend schon ein Jahr her ist. Aber plötzlich, 365 Tage später, zeigt er Erfolge unablässiger ...

Das muss jetzt doch erzählt werden. Obwohl der Abend schon ein Jahr her ist. Aber plötzlich, 365 Tage später, zeigt er Erfolge unablässiger freizeitpädagogischer Bemühungen, die es rechtfertigen, ihn zu feiern.

Beginnen wir so: Diesmal wollte zum Kindergeburtstag niemand kommen. Die Freunde von Ostessa v. Ts. Sohn schützten familiäre Unabkömmlichkeit vor. Die Freundinnen quietschten kurz und drucksten unter Gänsehautaufwurf dergestalt herum, dass ihre Eltern weiteren Kindergeburtstagen im Hause Ostessa einen nachhaltigen Riegel vorgeschoben hätten. Gut, wir hatten schon bemerkt, dass damals eine gewisse Kälte aus den Plattenwohnungen quoll, deren Türen auffällig schnell hinter den lieben Kleinen zugeschlagen wurden, als wir sie übermüdet, aber gleichzeitig hellwach gegen Mitternacht abgeliefert hatten. Kein mütterlicher Schlafrock klaffte auch nur einen Millimeter. Aber jetzt diese Boykottfront?

Wir erinnern uns zurück:

Der Grill ist leergeputzt. Das Cola-Brünnchen versiegt. Die Sonne hat sich in die Heia verzogen. In die erste Dunkelheit stoßen die ortsansässigen Fledermäuse. Wir befinden uns nördlich der Frankfurter Allee, da wo Lichtenberg am Rande der Unbewohnbarkeit dahinfault. Nahe der Mielke-Zentrale, noch näher dem desaströsen Arbeitsamt/Ost. Wir machen uns mit dem Zug der Zwerge auf, um uns, noch etwas nördlicher in der fast unbekannten Oase des Viertels, ein aufgelassener und mählich zauberisch verfallender Friedhof an der Gotlindestraße - neben der Flaschenbiervernichtungszentrale Kleingartenkolonie "Müllers Ruh" - zur Verdauung zu ergehen.

Ich hatte unter die Naturwucherungen an den jetzt schon verdammt dunklen, kaum noch zu erkennenden Wegen flackernde Totenlichtlein versteckt, mich dann in die Büsche geschlagen, um mir - wir hatten uns im Sinne von Entertainment und Eventgedanken nicht lumpen lassen - eine eindrucksvolle Latexmaske von grüngelber Monsterschleimanmutung überzuziehen, ein dunkles Bettlaken über die Schultern zu werfen und mir meinen Lieblinsvampir auf die Schulter zu setzen. Mein Auftrag war es, gelegentlich aus den Büschen zu brechen und das Geplapper des Tages zu einer gewissen Besinnlichkeit und Einkehr zu wandeln.

Ich will nicht über meine Probleme als Darsteller, die offenbar keinerlei Würdigung finden, jammern. Aber vielleicht sollten gewisse Eltern einmal darüber nachdenken, was ich für ihre Brut auf mich genommen: Unter der Maske, deren Augenschlitze zum Stereosehen zu eng waren, entwickelte sich in Kürze ein Mikroklima, das abschlug, als säße ich mit meiner Brille in der Sauna. Äste peitschten mich, gefallene Grabsteine zernichteten meine zarten Knie, und verschärft wurde meine Orientierungslosigkeit durch den hinterhältigen Umstand, dass es den Kleinen die eben noch auftrumpfend lauten Stimmen völlig verschlagen hatte. Später wurde mir berichtet, sie hätten sich aneinander geklammert und ein ganz leises Wimmern begonnen.

Und dann standen sie plötzlich direkt vor mir. Gesichtchen wie Marmor im fahlen ein Sechzehntel Mond. Erschütternde Szenen. Um sich zu entlasten, schrie eine Dreiergruppe: das ist doch Wilhelm! Und griff, gleichwohl weichend, zu den mitgeführten Holzschwertern. Ich, blind, trat präventiv den Rückzug an durchs Gestrüpp, kam auf dem Rücken zu liegen, riss mir das Zeug vom Leib, um in einem Bogen, die Gruppe umhuschend, mich auf den Höhepunkt des Events vorzubereiten. Langsam näherte sich, geleitet von der treusorgenden Ostessa, die Gruppe aus teils fundamental schweigenden, teils wehklagenden, teils angsthechelnd auftrumpfenden Zwergen dem großen Stein eines Familiengrabes, wohinter ich mich verbarg, um nun zwei Schnüre zu durchhauen, mit deren Hilfe ich zuvor tropfende und gleich ihr Abtauwasser versprühen werdende Broiler so in die Äste gebunden hatte, dass sie, entfesselt, in parallelem Fluge, aufglänzend mit breiter Brust und wehen Stummeln, in den Weg der Kinder katapultiert wurden. Da jodelten selbst die Prahlhälse als hätten sie sich die Schwerter in die Brust gesteckt. Fliehen ist Schlendern dagegen.

Jawohl, es kam zu Schlafstörungen, zu Friedhofsphobien oder -allergien. Es soll wieder genässt worden sein. Aber gerade deswegen wäre es doch sinnvoll gewesen - und wir hätten die Mühen auf uns genommen -, die Geschichte am Ort des Geschehens noch einmal aufzuarbeiten. Und vielleicht hätte sich in Anwesenheit eines versierten Psychologen - ich war ja da -, die Erfahrungen transzendierend, einiges über das Unzureichende unserer virtuellen Spielewelt erfahren lassen. Ach Eltern!

War aber auch so ein Erfolg: Endlich mal Ruhe.

00:00 23.05.2003

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