Ilko-Sascha Kowalczuk
Ausgabe 1516 | 14.04.2016 | 06:00 31

Brotgelehrte, ade

Aufarbeitung Warum es Zeit für einen anderen Umgang mit der DDR-Vergangenheit ist

Brotgelehrte, ade

Objekte der geschichtspolitischen Diktaturaufklärung

Foto: Bonn-Sequenz/Imago

In der DDR war die Geschichtswissenschaft bekanntlich kein Quell größerer Pluralität. Die „gesetzmäßige Abfolge der Gesellschaftsformationen“, wie es prosaisch hieß, ließ kaum interpretatorischen Gestaltungsraum. Die Revolution von 1989/90 bedeutete auch, dass sich die Gesellschaften die Hoheit über ihre Vergangenheit eroberten. Am Beginn der Umwälzungen in Ungarn, Polen oder dem Baltikum standen Proteste gegen unbewältigte historische Verbrechen und für die Aufklärung „weißer Flecken“. Die Vergangenheit sollte den Klauen der Instrumentalisierung entrissen, Geschichtsforschung pluralisiert und jedwede Zweckdienlichkeit von Geschichte unterbunden werden. In Ostdeutschland erfolgte das alles sehr weitgehend.

Der Vereinigungsprozess in Deutschland gestaltete sich ganz anders, als die Transformation im übrigen ehemaligen Ostblock. Aber hier wie dort glaubten viele, wirtschaftlicher Aufschwung und wachsender Wohlstand würde lebendige Zivilgesellschaften hervorbringen, die westliche Demokratie und Freiheit wie von selbst befördern. Aber in Deutschland ist dieser Prozess von Anfang an geschichtspolitisch mit immensen Mitteln begleitet worden: Die Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen wurde zum weltweiten Vorbild, wie man eine Diktatur mit historischen Mitteln überwinden könne. Der Bundestag setzte zwei Kommissionen ein, die die Geschichte und Folgen der kommunistischen Diktatur beleuchteten und ins öffentliche Bewusstsein rückten. Opfervereine wurden wichtige Interessenvertreter ihrer Mitglieder. 1998 wurde die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gegründet.

Geschichtspolitiker am Werk

Die Bilanz dieses Engagements fällt nach 25 Jahren ambivalent aus. Auch für die DDR-Geschichte ist zu beobachten, was Voltaire 1737 festhielt: „Sprecht Ihr mit einem holländischen Bürgermeister über die Aufhebung des Edikts von Nantes, so ist es eine unkluge Willkürherrschaft; befragt Ihr einen Minister des französischen Hofes, so ist es weise Politik.“

Der Diskurs über die DDR fiel in zwei große Gruppen auseinander, die miteinander kaum redeten, dafür heftig übereinander herzogen. Die eine verteidigte öffentlich die DDR mehr, als sie es untereinander am Biertisch wohl tatsächlich tat – sie malte alles weiß. Und die andere geißelte noch den Kindergartennachttopf als ideologische Umerziehungsmaßnahme. Diese Schwarzseher hefteten sich zudem mit immer größerem Abstand zu 1989/90 eine historisch wachsende Widerstandsfähigkeit in der Diktatur an. Für die berühmten Grautöne, aus denen Geschichte nun einmal vorrangig besteht, war wenig Platz. Der Historiker Thomas B. Macaulay schrieb solchen Wahrheitsverkündern 1828 ins Stammbuch: „Eine Geschichte, in der jede Einzelheit wahr ist, kann doch als Ganzes falsch sein.“

Nun gab es in allen diesen Jahren neben den geschichtspolitischen Debatten auch stets wissenschaftliche Auseinandersetzungen, die die Ersteren aber nur selten erreichten. Ich war – wie viele andere Historiker – seit Anfang der 1990er Jahre an beiden beteiligt. Und wie viele andere bewegte ich mich dabei auch institutionell oftmals in Grenzbereichen zwischen Wissenschaft und Politik. Das war in den ersten Jahren nach der Revolution auch richtig und notwendig, denn zu einer erfolgreichen Revolution gehören der Umbau von Institutionen ebenso wie personelle Erneuerungen. Gesellschaftliche Versöhnungsprozesse setzen Wissen darüber voraus, womit sich versöhnt werden soll. Und dafür waren staatliche Institutionen zur „Vergangenheitsaufarbeitung“ wohl notwendig.

Aber der Aufarbeitungsprozess erfuhr, was wir allgemein immer beobachten können: Temporäre Prozesse verselbstständigen sich, auf Zeit angelegte Institutionen beanspruchen Bestandswahrung, verdienstvolle Persönlichkeiten privatisieren ihre Tätigkeitsbereiche zu absolutistisch veranlagten Macht- oder Gedenkstättenbereichen.

Nun wird erneut über die Zukunft der Aufarbeitung debattiert. Eine Kommission schlug dem Bundestag Anfang der Woche vor, die Gauck-Behörde zu teilen. Hier die administrative Aktenarbeit – ausgeführt vom Bundesarchiv. Dort ein Ombudsmann für Stasi-Opfer.

Ärgerlich daran ist, dass vor allem jene darüber streiten, die diese Zukunft nicht selbst gestalten werden. Warum nur sitzen in Zukunftskommissionen immer nur die Alten, in diesem Fall altgediente Aufarbeitungsfunktionäre? Warum sitzen dort nicht jene, um deren Zukunft es geht?

Noch tragischer im Fall der DDR-Forschung ist der Umstand, dass sie sich seit den 1990er Jahren in einer Insellage befindet. Sie ist losgekoppelt von der übrigen akademischen Forschung. Das hat zwei Ursachen: Erstens monopolisiert die Stiftung Aufarbeitung immer stärker die DDR-Forschung, ja die Kommunismusforschung in Deutschland überhaupt. Das hat schon seit langem zur Folge, dass ein Großteil dieser Forschung nicht nach professionellen akademischen Regeln gefördert, sondern von einem kleinen Kreis nichtakademischer Geschichtspolitiker und ihren professoralen Parteifreunden ausgewählt wird. Die Stiftung Aufarbeitung versucht seit Jahr und Tag ihren Einflussbereich auszubauen. Nun schickt sie sich gerade an, die DDR- und Kommunismusforschung endgültig als ihr Hauptsteckenpferd zu etablieren. Das würde nichts anderes heißen als: noch mehr Geschichtspolitik.

Die zweite Ursache liegt in dem Umstand, dass die DDR-Forschung fast ausschließlich in außeruniversitären Einrichtungen betrieben wird. Es fehlt eine feste Verankerung in Universitäten. Nirgends gibt es einen Lehrstuhl für DDR- oder Kommunismusgeschichte. Das ist ein Skandal, der noch größer dadurch wird, dass es demgegenüber zahlreiche Lehrstühle für einzelne andere Länder gibt, nur nicht für jenen Teilstaat, der unser heutiges Land mitprägt. Die Folgen solcher Interesselosigkeit kann man an den Schulen beobachten. Denn wenn künftige Lehrer DDR- und Kommunismusgeschichte nicht studieren, werden sie auch darüber nicht unterrichten können.

Schließlich sollte nicht vergessen werden, dass die Aufarbeitung seit 25 Jahren mit dem volkspädagogischen Auftrag versehen ist, dass aus Geschichte gelernt werden könne oder, einfacher formuliert: Wer Diktaturen verstehe, könne Demokratie gestalten. Selbst wenn beide Aussagen zutreffend wären, so müsste sich doch die Aufarbeitungsindustrie eingestehen, dass dieser Auftrag grandios gescheitert ist. Schauen wir in den Osten Deutschlands, oder den gesamten ehemaligen Ostblock: Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Homophobie blühen dort in einem weitaus intensiveren Maße als in West- und Südeuropa. Auch hier könnte man ein Versagen der Geschichtspolitik beklagen. Denn in den letzten 25 Jahren sind die einstigen Minderheiten in diesen Gesellschaften – die antikommunistische Opposition – zu geschichtspolitischen Größen aufgeblasen worden, die den Blick darauf verstellten, dass gerade dort die Zivilgesellschaft kaum mehr als schwache Keime entwickelt hat – bis heute.

Den Blick weiten

Auch hier könnte eine freie, von den Aufarbeitungsinstitutionen entkoppelte, wissenschaftliche Kommunismusforschung ungleich agiler wirken, wenn sie zum Beispiel historische Prozesse ungeachtet politischer Zäsuren in den Blick nimmt. Das bedeutet, unter anderem Fragen zu stellen oder Ansätze zu wählen, die unkonventionell sind. Zum Beispiel könnte man die politische Revolution von 1989/90 auch im Fluss von Wandlungsprozessen analysieren, die etwa in den 1960er Jahren einsetzten. Die Folge wäre möglicherweise, dass die Revolution unter Umständen auf ein neues historisches Maß gestutzt würde. Es würde bedeuten, Antworten zu geben, die gegen geschichtspolitische Erwartungen bürsten. Oder anders gesagt: In der Wissenschaft darf, ja muss nach einem eventuellen Nutzen der Mauer gefragt werden – in der Geschichtspolitik nicht.

Sollte die DDR- und Kommunismusforschung aus dem engen Korsett staatlicher Förder- und Aufarbeitungsinstitutionen entlassen werden, so könnte sie neue Impulse setzen. Allerdings setzt dies voraus, dass es Risikobereite dafür gibt. Friedrich Schillers berühmte akademische Antrittsrede von 1789 lehrt uns noch immer, worauf es letztendlich ankommt: nämlich darauf, den bequemen Brotgelehrten, dem es nur um Ruhm, nicht aber um Erkenntnis geht, zu bekämpfen: „Der Brotgelehrte verzäunet sich gegen alle seine Nachbarn, denen er neidisch Licht und Sonne missgönnt, und bewacht mit Sorge die baufällige Schranke, die ihn nur schwach gegen die siegende Vernunft verteidigt.“

Ilko-Sascha Kowalczuk ist Historiker (Stasi konkret). Er schreibt eine Geschichte der DDR

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 15/16.

Kommentare (31)

Brennabor2013 14.04.2016 | 08:47

"Denn in den letzten 25 Jahren sind die einstigen Minderheiten in diesen Gesellschaften – die antikommunistische Opposition – zu geschichtspolitischen Größen aufgeblasen worden, ...)

Danke für diesen klaren Satz, denn deren sich immer und immer wiederholendes Auftreten mit Alleinvertretungsanspruch nervt nur noch und ist ein echter Interessenkiller.

apatit 14.04.2016 | 09:02

Vieles im Text ist gut und richtig – manches einfach naiv! Tut mir Leid. Deutschland braucht die schwarz / weiß Malermeister des Totalitarismus und der geschickten Brunnenvergifter. Dialog ja – aber bitte nur in die eine Richtung - “ Unrechtsstaat “! Welcher Prof. getraut sich – wenn er sich nicht der Lächerlichkeit preis geben möchte, zu sagen nee – die DDR hat vernünftige Ansätze usw. und im MfS waren nicht nur Verbrecher beschäftigt! Zeitgeistmäßig völlig unmöglich und nicht gewollt. In einer Zeit der Doppelmoral der Kriege und Krisen braucht man eine gut funktionierende Ablenkungsindustrie … die Zeitrechnung beginnt eben nicht erst 1989! So wie man den Palast der Republik wegen ( Asbest ) abgerissen ( Grinsen ) … das würde heute nicht mehr so einfach funktionieren oder den Karl -Marx- Kopf an der UNI Jena abmontierte … wenn der wider steht, dann glaube ich an differenzierte Geschichtsaufarbeitung im land der Dichter und Denker!

Heinz Lambarth 14.04.2016 | 11:48

So, so "die 'gesetzmäßige Abfolge der Gesellschaftsformationen'"... und dafür soll die DDR und die "DDR-Forschung" relevant sein?

Geht's noch? Wer solchen unfug daher doziert, hat über seine postion und rolle in der geschichtswissenschaft ein höchst fragwürdiges bild. Um es klar zu sagen - diese person ist für die erforschung epochaler historischer zusammenhänge ungeeignet, weil sie nicht über den tellerand blicken kann.

Der rest des artikels bewegt sich auf genau diesem niveau - nämlich in der nähe der gürtellinie.

Denn die DDR war ein post-kriegs-sonderfall mit einer dauer von lediglich 40 jahren unter histrorisch einmaligen bedingungen und einer bevölkerung von gerade mal rund 15 mio menschen - all diese merkmale qualifizieren dieses phänomen als historisch irrelevant! Wirkliche geschichtsforschung mit anspruch auf verallgemeinerungsfähige einsichten kann es in bezug auf die DDR gar nicht geben.

Deshalb ist es nur zu verständlich, dass es "...nirgends ... einen Lehrstuhl für DDR- oder Kommunismusgeschichte ..." gibt.

Comparse 14.04.2016 | 12:21

DDR-Forschung ja - aber warum Kommunismusforschung?

Es gab bis heute noch kein kommunistisches Land, was das verwirklicht hätte, was Kommunismus tatsächlich bedeutet.

Es gab nur eine Reihe sozialistischer Länder. Doch der Sozialismus verstand sich eher als die Vorstufe zur Schaffung des Kommunismus.

Ein Herr Lambarth schreibt hier gar über die DDR von einem "post-kriegs-sonderfall". Sorry, aber geht's noch Herr Lambarth? Arroganz und Ignoranz geben sich bei Ihnen offenbar ganz fest die Hand.

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Ehemaliger Nutzer 14.04.2016 | 13:41

So wie der unabhängige Journalismus zugunsten von staatstragender Propaganda in eine Nische verdrängt wurde, so führt auch die kritische Geschichtswissenschaft ein Dasein als Mauerblümchen im Schatten des hochoffiziellen Revisionismus.

Merke: Geschichtsrevisionismus beginnt, sobald man versucht, heutige Wünsche und Ziele anhand der Geschichte zu legitimieren.

Wer sich über die Bedeutungslosigkeit der DDR in der Weltgeschichte ereifert, der wird bald sehen, dass die markt- und finanzkonforme Demokratur auch nur eine kurzfristige und bald vergessene Fehlentwicklung der Geschichte sein wird, keinesfalls ihr Ende, wie es unsere Karriere-Historiker allenthalben und staatlich subventioniert verkünden.

Die ganze Krux der historischen Betrachtung der DDR liegt doch in der unreflektierten „Wir haben gewonnen“-Perspektive, an die man gleich anfügen darf „… und deshalb haben wir mit allem Recht …“.

Die “DDR-Forschung“ dient nur dazu, das Narrativ vom besten aller politisch/gesellschaftlich/wirtschaftlichen Systeme zu bedienen, im Sinne von: „Seht her, dort wurde etwas anderes versucht, und nun merkt auf, wie es geendet hat.“ Also schön die Schnauze halten und keine dummen Fragen stellen.

Anelim Aksnesej 14.04.2016 | 14:49

GutenTag Herr Kowalczuk! Ich habe mit Freude Ihre Aussage ,,...Denn wenn zukünftige Lehrer...'' gelesen.Ich habe LehrerInnen im Freundeskreis und so kann ich nur sagen,daß nach 1990 eine Verunsicherung einsetzte-Was kann,darf ich sagen in meinem Unterricht usw..Aus Angst und Bedenken wurde auch geschwiegen im Geschichtsunterricht,weil die DDR und das was sie für eine Generation war-auch Heimat-nicht geredet werden durfte.Mein Maß war dann voll,als im Bundestag ein Stefan Heym angegriffen und kaltgestellt wurde.Da wußte ich dann,wie man selbst mit so einer integeren Person umgeht.Die Staatssicherheit und ihre,, Arbeit'' wurde ganz geschickt benutzt,um Linksdenkende und Linksseiende zu denunzieren,die aber nicht für die Stasi gearbeitet hatten.Und total verkehrt war dann die Wahrnehmung bei Einigen,die meinten auch eine Stasiakte zu haben,was natürlich nicht der Realität entsprach.Ich sollte mal im Krankenhaus eine Wandzeitung machen zum Frauentag-natürlich parteiideologisch-ich habe nur lauter Frauenporträts als Kollage rangepinnt,das ist aber kein Widerstand.Dieses Distanzieren von allem Gelebten in meinem Exland habe ich dann gelassen,weil ich es für falsch gehalten habe.Und damit hat auch Herr Maaz etwas zu tun.Ich habe aber genug PatientenInnen kennengelernt,die mit dieser stetigen Verneinung nicht klargekommen sind.Ich denke auch,daß das ein Punkt von vielen ist,daß der Alkoholismus hier in Brandenburg so ausgeprägt war oder ist.Heute muß ich in Gesprächen mit Jüngeren daran erinnern,daß auf Niemanden herablassend heruntergeschaut wird,egal welchen Beruf Mensch hat und wieviel er oder sie verdient.Und da dieses Land jetzt so verkommen ist-für mich-sehe ich meistens mit Gelassenheit zu,wie sich Wiederholungen einstellen,die ich nie für möglich gehalten hätte.Und das Phrasenwort soziale Marktwirtschaft-gab es die?!-dann aber nur für kurze Zeit.Falls es eine DDR-Geschichtskommission geben wird,dann bin ich gespannt,wer da mitarbeitet und welcher Think Thank schon vorher festlegt,wer genehm ist und wer nicht.Ich will die DDR nicht wiederhaben.Ich will sie aber nicht verleugnen,weil mir das seelisch nicht gut tun würde.Ich bin gespannt auf das Buch.

Helmut Eckert 14.04.2016 | 18:35

DDR unter neuem Gesichtspunkt? Wer den Terror der SED Diktatur am selbst erlebte, der wird dieses Gesülze von einer neuen Betrachtungsweise nur als Propaganda der ewig treuen der SED und des MfS betrachten. Was für einen Unsinn im Gewand einer wissenschaftlichen Abhandlung. Die DDR war eine SED Diktatur mit einem Terrorsystem gegen seine eigene Bevölkerung. Einschließlich Mord, Totschlag, Betrug; Zersetzung, Terror, Entführung, einfach gesagt, es gibt keine Straftat des Bürgerlichen Gesetzbuches, welche von diesen SED Verbrechern nicht angewendet wurden. Jeder Versuch einer Umkehrung dieser Wahrheit ist letztlich nur eine Belobigung der SED Verbrechen.

Stine 14.04.2016 | 18:38

Bei der Aufarbeitung von Unrecht in der DDR wird gern vergessen, dass auch im Westen der Verfassungsschutz die Bürger überwacht hat. Bürger, die im Dritten Reich von der Gestapo verfolgt wurden, litten auch unter Adenauer. Ein neutrales Gesamtdeutschland wurde nach dem Krieg von den Westmächten verhindert.

Außerdem werden die sozialen Errungenschaften der DDR und die Leistungen ihrer Bürger nicht wertgeschätzt. Der gesellschaftliche Reichtum dieses Landes wurde verramscht. Die neue BRD hat weder das westliche noch das östliche Erbe positiv integriert. Die neue offizielle BRD ist leider ist arm im Geiste und beschränkt hinsichtlich ihrer Vergangenheit und Zukunft. Ich bedaure das, weil so viel Gutes möglich gewesen wäre. Diese engePerspektive spiegelt sich in der historischen Aufarbeitung wider.

apatit 14.04.2016 | 18:51

"Mein Maß war dann voll,als im Bundestag ein Stefan Heym angegriffen und kaltgestellt wurde.Da wußte ich dann,wie man selbst mit so einer integeren Person umgeht." Nicht nur bei Ihnen! Danke!
1994-11-10 Rede des Alterspraesidenten Stefan Heym zur Konstituierung des 13. Deutschen Bundestages Stefan Heym

... mit diesem ganzen Stasimüll und der sogenannten obj. Aufarbeitung sage ich:

"Man kann den Hintern schminken wie man will, es wird kein ordentliches Gesicht daraus."

Kurt Tucholsky

Reinhold Schramm 14.04.2016 | 22:26

Danke für den Hinweis!

Auch ein Teil der häufig immer noch geleugneten Alltagsrealität in der Konsum unvollkommenen und letztlich -historisch- implodierten DDR. So auch noch von heutigen Freizeit-Antikommunisten und treudeutschen quandtschen Spezialdemokraten, einschließlich der ehemaligen und heutigen gut-geschmierten und berufsmäßigen EX-DDR-Bürgerbewegten! *

* [Siehe hierzu doch auch nur den entsprechenden Leser-Kommentar, oben, - in unendlicher Fortsetzung.]

Günter Gaus mit Edgar Most im Gespräch.

[Edgar Most war 1989 Vizepräsident der DDR-Staatsbank und später Mitglied der Geschäftsleitung der Deutschen Bank Berlin.]

Günter Gaus an E. Most: Was hat Ihnen an der DDR gefallen?

Edgar Most: "Dass sich der Staat um die Menschen gekümmert hat, vielleicht etwas zuviel, worunter noch viele leiden, doch es gab einen großen Unterschied zu dem, was heute passiert. Die Ostdeutschen dachten, sie kommen in einen Rechtsstaat, aber Sie müssen heute eine Rechtsschutzversicherung abschließen, damit sie überhaupt mit dem Recht umgehen können. In der DDR hat der Staat doch sehr für seine Bürger gesorgt ..."

Vgl. Freitag-Meinungsmedium, am 22.11.2002:

>Der Ostler geht etwas gebückt<

Siehe doch auch nur oben, die Spätfolgen, bis heute.

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Ehemaliger Nutzer 15.04.2016 | 07:50

Siehe doch auch nur oben, die Spätfolgen, bis heute.

Ich lese gerade W. Schorlau "Die schützende Hand" - über die Entstehung des "Th. Heimatschutz" und den NSU - doch das Buch geht in die "Mauerjahre" des Kalten Krieg zurück bis 2015. Alles Hessen in den Thüringer Ämtern - wahrscheinlich die Schlimmsten, die sie selbst nicht mehr wollten - die "Infrastruktur" war ein Getränkekiosk, das Abschaffen der Buslinien und die Arbeitslosigkeit - UND das Anwerben von V-Leuten unter Tino Brandt ...

luddisback 15.04.2016 | 11:09

ich habe etwas subjektives beizutragen. der von seiner mühsam vergessenen nazivergangenheit angestrengte westen konnte sich nach 89 beweisen, dass er sehr wohl geschichte aufarbeiten kann. es traf sich, dass dies eine gut zusammenging mit der politischen agenda. alles was war, mußte in schutt und asche aufgearbeitet werden, während die treuhand das aber leider so völlig marode volkseigentum in die taschen des einen prozents verschob. diese 25 jahre böse-stasi-aufarbeitungsphase ist heute politisch nicht mehr vorteilhaft. wie der unmut nach den snowdenenthüllungen gezeigt hat, überträgt ein teil des volkes den aufwändig propagierten stasihass auf die "agenten der freiheit". die spitzelunterhaltende obrigkeit ist an dem punkt, an dem sie dem schafanteil der bevölkerung die vorteile des totalen überwachtwerdens indoktrinieren muß. deshalb erwarte ich einen richtungswechsel in der öffentlich-rechtlichen geschichtsschreibung. es wird filmchen geben, in denen stasioffiziere nur ihren anti-terror-job machen, gegen dogmatisch verbohrte vorgesetzte (die wir alle so gut kennen aus den letzten 25 jahren fernsehen) opponieren ... so im stil von "unsere mütter, unsere väter", nur für die ddr. und es wird vor allem deutlich weniger produktionen geben, in denen der hartz4-realität eine noch staubgrauere unrechts-ddr gegenübergestellt wird.

Ratatörskr 16.04.2016 | 10:37

Ja. Und es gab bis heute kein Land, dem die westliche Wertearroganz "erlaubte", ein kommunistisches Land zu entwickeln! Schon gar nicht, weil es immer nur um Eigennutz und Wirtschaftsmacht geht.

„Der Brotgelehrte verzäunet sich gegen alle seine Nachbarn, denen er neidisch Licht und Sonne missgönnt, und bewacht mit Sorge die baufällige Schranke, die ihn nur schwach gegen die siegende Vernunft verteidigt.“

Der "Brotgelehrte", was für ein treffender Begriff. Er hat keine Farbe und trifft voll ins Ziel. Danke an Ilko-Sascha Kowalczuk für diesen Artikel.

Sind Merkel und Gauck "Brotgelehrte"? Sorge, Angst u. Feigheit vor der Vernunft der Wahrheit. Ohne Geschichtserfahrung und -bewusstsein?

Ich wage einen Gedankengang in der aktuellen Haltung Merkels gegenüber Böhmermann. Sie "ermächtigt"!

Welches Beispiel ihres Geschichtsbewußtseins zeigt Frau Merkel und die der Regierung mit ihrer Ermächtigung des Staatsanwalts im Fall Böhmermann? Eine Lex Merkel in unserem Rechtsstaat?

"Das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland von 1949 macht Ermächtigungsgesetze unmöglich. Es sieht ebenfalls keine Übertragung von Rechten eines Verfassungsorgans vor, außer im Gesetzgebungsnotstand."

"...die elementare Grundlage des materiellen Verfassungsstaates bildende Prinzip der Gewaltenteilung durchbrochen wurde.[3"

Ich hoffe, dass ich das nur falsch verstehe.

Reinhold Schramm 16.04.2016 | 19:08

Danke! - für Ihren wichtigen Hinweis.

Meine Anmerkungen zum Thema: "Aufarbeitung", und "DDR-Vergangenheit" versus kapitalistische BRD-Vergangenheit und imperialistische BRD-Gegenwart.

Aber den antikommunistischen Kämpfern --gegen den Schatten der unvollkommenen antifaschistischen DDR-- reicht offenbar dieser Inhalt aus dem "Blättchen" immer noch nicht aus?

Siehe doch auch nur den Kommentar von Helmut Eckert: "Die DDR war eine SED Diktatur mit einem Terrorsystem gegen seine eigene Bevölkerung. Einschließlich Mord, Totschlag, Betrug; Zersetzung, Terror, Entführung {...}." *

* Siehe hier bitte den vollständigen Kommentar von Helmut Eckert, oben. Ebenso, seine weiteren Kommentare und Beiträge, so auch auf Freitag.de. Weiterhin, seine nachhaltige Warnung an Frau Ypsilanti (SPD-Hessen), als "ehemaliger Verfolgter des SED-Terrorstaates", vor einer Koalition mit der Linkspartei, im Organ "Freiheitsglocke", der "Gemeinschaft ehemaliger politischer Häftlinge - VOS e.V. (Berlin)", vom März 2008, als "Offener Brief", unter dem Titel: "Stören Sie die vielen noch lebenden Opfer der SED-Diktatur nicht?" [R.S.: bitte vollständig lesen.]

"Das Blättchen", vom 11. April 2016, beschäftigt sich mit der Frage: "Wie steht es um die ostdeutschen Eliten mehr als 25 Jahre nach der Wiedervereinigung?", in einem Beitrag von Wolfgang Kubiczek.

Der Autor kommt dabei zur einleitenden Feststellung: "Im Selbstverständnis der DDR gab es keine Unterteilung der Gesellschaft in Kategorien wie Elite, Masse oder Unterschicht. Hier galt die Elitetheorie als reaktionär {...}". Gleichsam gab es aber auch Funktionsträger in der DDR, bei denen "die vorhandenen Strukturen nicht [doch] nach elitetheoretischen Kriterien hätten analysiert werden können." Vgl. Das Blättchen.

Der Autor Wolfgang Kubiczek schreibt im "Blättchen", u.a. zum "Elitenaustausch" in Ostdeutschland:

"Obwohl der Elitenaustausch bereits Ende 1989 begonnen hatte, kam es nach dem Beitritt zum Grundgesetz zu den entscheidenden Veränderungen und in deren Folge zur scharfen Polarisierung der ostdeutschen Gesellschaft, ihrer Entsolidarisierung und zu einem enormen Anpassungsdruck für fast jeden Einzelnen, eingeschlossen Vertreter der systemkritischen Gegenelite." [Hervorhebung - R.S.]

Wolfgang Kubiczek verweist auf eine lesenswerte ostdeutsche Wortmeldung des Potsdamer Historikers Jürgen Angelow und schreibt: "Angelow stellt fest, dass für die meisten Vertreter der 'integrierten' Generation die Wiedervereinigung zu einem biografisch ungünstigen Zeitpunkt kam und die Mehrheit entlassen oder marginalisiert wurde. In der Wirtschaft waren Vertreter dieser Generation in besonderer Weise von Betriebsschließungen, Personalabbau, sozialer Unsicherheit und geringem Einkommen betroffen. Ihre Professionalität hätte sie nach Auffassung des Autors durchaus in die Lage versetzt, sich den Bedingungen der bundesdeutschen Gesellschaft anzupassen. [R.S.: meine Hervorhebung:] Das stand jedoch im Widerspruch zu den Begehrlichkeiten der Westeliten, sich auf den Osten auszudehnen." Vgl. Das Blättchen.

Anm.: Vielleicht hilft uns dieser Beitrag und Auszug, - aus dem Artikel im "Blättchen", eingefahrene gesellschaftspolitische und bürgerlich-antikommunistische Positionen neu zu überdenken, und sich mit der -weltweiten- kapitalistischen/imperialistischen Gesellschaftsformation (persönlich und ernsthaft) auseinanderzusetzen?

Info.- Empfehlung:

Das Blättchen. In der Tradition der Weltbühne. Zweiwochenschrift für Politik, Kunst und Wirtschaft. 19. Jahrgang, Nummer 8, 11. April 2016:

Ostdeutsche Eliten im Wandel von Wolfgang Kubiczek

http://das-blaettchen.de/2016/04/ostdeutsche-eliten-im-wandel-35740.html

Gugel 17.04.2016 | 10:19

Ist ja wie nach 45 :-) Ganz toll, gleiche Machart des beginnenden Schönredens von zerbrochenen Gesellschaften, die an dem, was diese Gesellschaften sich selber eingebrockt haben, zerbrochen sind. Als ob durchgreifende Stasi-Bepitzelung , druchgestylte Uniformität im Dasein mit den kleinbürgerlichen Ausbruchsversuchen in irgendeiner Form schön zu reden wären, eine besondere Form der Geschichtsbetrachtung bedürften.

Aber es muss dem Bürger aus ostdeutscher Sozialisation ja Haltepunkte geben werden zur Integration ins Neue. Wenn das nach 25 Jahren noch nötig ist, bei Menschen aus einem Kukturkreis, der irgendwie auch der Aufklärung unterlegen hat, dann ein freundlichen Dankeschöön an diese Denker , wie dem Verfasser des obigen Artikels. wegen Erheiterungsversuch.

Oder muss man das jetzt machen, um einen Ansatz zum Verständnis des neo-nationalistisch-faschistischen Trends im Osten zu haben, damit dort nicht noch mehr in diese Richtung abgedriftet wird. Bröckelnde Strukturen in der Sozialisationserfahrung sind gute Bausteine für solche Denke. Sagt etwas über die Persönlichkeiten aus, die die Super-DDR hervorgebracht hat. Sagt nichts über die bisher angeblich falsche Aufarbeitung der Geschichte dieses Superstaates.

Ratatörskr 17.04.2016 | 13:16

"Sagt nichts über die bisher angeblich falsche Aufarbeitung der Geschichte dieses Superstaates."

Das kann man auch als Ihr Schönreden der Gegenwart verstehen.

Was und wo ist überhaupt die Aufarbeitung der nicht zu trennenden Gesamtdeutschen Geschichte des 2o. Jahrhunderts incl. 1989 und danach? Gefälschte Bilanzen sind grundsätzlich nicht hilfreich. Was war beispielsweise die nachvollziehbare Grundlage, den Menschen aus der DDR hier in der BRD Willkommensgeschenke zu machen, statt ihnen in ihrem "Herkunftsland" ehrliche Löhne zu zahlen, wissend, dass die Menschen das Land verließen und die Zurückgebliebenen noch immer nicht in blühenden Landschaften leben, außer den wohlhabenden Wessis, die neokapitalistisch subventiert profitierten.

Wir haben die Stunde NULL machtgierig verschluckt. Da war eine sachliche und ehrliche Bilanz, als Grundlage für eine sinnstiftende konzertierte Politik nicht wünschenswert, nur hinderlich!

Eins war jedenfalls gleich, die CDU integrierte die alten Nazis ebenso leicht wie die gewendeten SED-Funktionäre. Das war immer so, ganz konserviert, lange haltbar. Gelernt ist gelernt, Frau Merkel funktioniert noch immer so.

Gugel 17.04.2016 | 19:36

Seehr geehrter Herr Schramm,

die DDR und ihre Bewohner haben´s verkackt. Fertig.

Die Interpretation des Warum mag der Seele des Ossis vielleicht helfen, besonders die schön gefärbte. Die Tatsachen sprechen für sich und das Leben richtet sich letztlich nach Tatsachen und nicht nach Wünschen.

Unglaublich, was für ein Theater um ein Scheitern gemacht wird. Wenn es Ihnen nützt = arme DDR. Beleid, aber die Kränze sind verwelkt.

Reinhold Schramm 17.04.2016 | 21:22

Zu @ GUGEL

"... ihre Bewohner haben's verkackt. Fertig."

Lag es nur am fehlenden westlichen Konsum? An der fehlenden Reisefreiheit? Hatten die (wenigen) bürgerlichen Humanisten, Christen, Sozialisten, Sozialdemokraten und Kommunisten, nicht die Befähigung, die alten bürgerlich-faschistischen und nationalistischen Überzeugungen - im Bewusstsein der Bevölkerungsmehrheit - zu überwinden? Warum musste letztlich die DDR implodieren?

Mit "Fertig" als Antwort, damit könnten wie unsere möglichen und kommenden Fehler - beim erneuten sozialistischen Versuch - niemals humanistisch korrigieren.