Bruchfeste Erbfreundschaft

40 Jahre "Elysée-Vertrag" Die Zeiten, als Paris noch von einem europäischen Deutschland in einem französischen Europa träumte, sind lange vorbei

Es waren Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, die vor 40 Jahren mit ihrer Unterschrift unter den Elysée-Vertrag die Aussöhnung zwischen Deutschen und Franzosen besiegeln wollten. Vieles wurde seit jenem 22. Januar 1963 erreicht - vom deutsch-französischen Jugendwerk bis hin zur Partnerschaft Tausender Städte und Gemeinden, auch wenn das Herzblut der "jumelage" inzwischen eingetrocknet scheint.

Als Deutschland sich 1989 anschickte, ausgerechnet im 200. Jahr der Großen Revolution der Franzosen wieder Weltgeschichte schreiben zu wollen, hielt sich die Begeisterung des damaligen Präsidenten Francois Mitterrand spürbar in Grenzen. Anders als Washington suchte Paris - ähnlich wie Margret Thatcher in London -, noch bis zum Abschluss der "Zwei-plus-vier-Verhandlungen" Ende September 1990 den Zug der Zeit abzubremsen. Immerhin sollte der 3. Oktober 1990 bewirken, dass sich Frankreich gegen Ende der Nachkriegsära im Vergleich zum deutschen Partner als das kleinere Land wiederfand. Im Gegenzug hatte Kanzler Kohl auf dem europäischen Altar die Mark geopfert und das wiedervereinigte als ein "vor allem europäisches Deutschland" deklariert.

Wohl gab es danach noch den Händedruck zwischen Kohl und Mitterrand über den Gräbern von Verdun, aber derart rituelle Beschwörungen von Partnerschaft sind unter Chirac und Schröder längst einem pragmatischeren Mit-, manchmal auch Nebeneinander gewichen. Die europäische Schlüsselrolle beider Länder als durch Vernunft "verbandeltes Paar" bleibt davon - vorerst - unberührt, jedenfalls wird dies bei jeder der mittlerweile 80 bilateralen Konsultationen noch immer behauptet.

Gleichwohl bleibt bei aller Nähe auch kulturelle Distanz. Die im Geschäftsverkehr erkennbaren Stil- und Mentalitätsunterschiede treten besonders in der Wirtschaftskommunikation zu Tage, man denke an die gescheiterte Kooperation der Telekom-Gesellschaften. Die gegenseitige Wahrnehmung wird zuweilen durch Vorurteile, Fehldiagnosen, manchmal auch Misstrauen, getrübt. Für die anfängliche Absicht Berlins, aus vorgeblicher Sparsamkeit nur mit einer symbolischen Abordnung des Bundestages zur 40-Jahr-Feier des Elysée-Vertrages an die Seine zu kommen, konnte in der Pariser Nationalversammlung kein Verständnis aufkommen.

Fremde Freunde hat Mitherausgeber Robert Picht sein neues Buch über die Nachbarn diesseits und jenseits des Rheins genannt, die nach Jahrhunderten der "Erbfeindschaft" zueinander gefunden haben. Im Hintergrund steht dabei die Frage, ob diese Nachbarn immer in der gleichen Welt leben, weshalb sie Schlüsselbegriffe wie Staat, Nation oder Umwelt oft völlig unterschiedlich begreifen - und weshalb im couple franco-allemand zuweilen so konzentriert aneinander vorbei geredet wird.

Auch wenn ein Philippe Delmas noch vor wenigen Jahren mit dem grotesken Titel Vom nächsten Krieg mit Deutschland Erfolg hatte, vermag dies zwischenzeitlich in Berlin und Paris ebenso wenig zu erschüttern wie eine verspätete französische Vergangenheitsbewältigung durch den Papon-Prozess Anlass zu deutscher Häme wäre. Die recht ungestüme Einmischung von Jacques Chirac während des deutschen Wahlkampfes zu Gunsten von Edmund Stoiber, der im Elysée gar mit Orden dekoriert wurde, löste ebenso wenig eine Vertrauenskrise aus, wie das Wort von der "brutalen Finanzpolitik" der rot-grünen Regierung in Berlin aus dem Munde von Premier Raffarin.

Selbst alt gediente EU-Beobachter waren überrascht, wie Schröder und Chirac am Vorabend des Brüsseler EU-Gipfels im Oktober 2002 nach dem Streit um die Finanzen der EU-Erweiterung einen tragfähigen Kompromiss fanden. Noch auf dem Berliner Gipfel 1999 hatte der französische Präsident die eigenen Agrar-Interessen resolut verfochten. Mit dem Konsens von Brüssel war dann aber - unter deutsch-französischer Regie - der Weg frei für das Votum von Kopenhagen Mitte Dezember: Das Ja zum Ausfallschritt der Union nach Osten. Die EU-Aufnahme von zehn osteuropäischen Transformationsstaaten wird allerdings auf mittlere Sicht die Balance zwischen beiden Ländern weiter verschieben. Frankreich dürfte seinen Status als diplomatische Führungsmacht der EU einbüßen, den Deutschland - getreu einem Bonmot des früheren britischen Schatzkanzlers Lawson vom "europäischen Deutschland in einem französischen Europa" - bis heute mehr oder weniger stillschweigend akzeptiert hat. Berlin wird mehr von den Aspiranten aus dem Osten haben als Paris - die europäische Achse dreht sich demnächst ein Stück weiter ostwärts.

So wird es im fünften Jahrzehnt nach dem Elysée-Vertrag vorzugsweise darum gehen, dass die Ambitionen eines international aufstrebenden deutschen Staates und die Ängste der prestigebewussten Franzosen vor einem Abgleiten auf mittlere Ränge möglichst geringe bilaterale Verwerfungen provozieren. Dazu werden beide Länder ihre Rolle als "Herzstück" Europas wahren und ihre Visionen über eine europäische Verfassung abgleichen, dazu werden sie das europäische Gegenmodell zu einer von den USA beherrschten Welt abliefern müssen. Das Modell eines Kontinents, der fähig und willens ist, "ganz anders" zu intervenieren als Amerika: Ob beim Klimaschutz, dem Internationalen Gerichtshof oder der Entwicklungspolitik.

00:00 17.01.2003

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