Brücke

Alte Fotos Im Lissaboner Centro Cultural sucht Portugal nach sich selbst

Wer in Lissabon Station macht, kommt am »Centro Cultural« nicht vorbei: als kubischer Kontrapunkt zum Geronimo-Kloster im Stadtteil Belém gebaut, unmittelbar am Tejo gelegen, ist das Zentrum die führende Kulturinstitution der Hauptstadt. Genau dort will Portugal sein zwanzigstes Jahrhundert resümieren - ein etwas waghalsiger Anspruch. Hundert Fotos, hundert Texte: kann man mit diesen Mitteln eine Zeitspanne beschreiben, in der großbürgerliche Schläfrigkeit und Kolonialismus, Sozialkämpfe und zaghafte Modernität so wüst durcheinandergeraten wie gerade in dem lusitanischen Randstaat?

Das erste Bild zeigt, zu Beginn des Jahrhunderts, den dicken König Carlos und seine Frau, die mit einer Kamera hantieren: Foto-Amateure. Das letzte Bild zeigt einen Autofriedhof im Jahr 2000, wild durcheinanderliegende Wracks, ausgenommen, ausgeraubt und wahrscheinlich illegal entsorgt, irgendwo an einer Landstraße. Dazwischen viel Sozialgeschichte, vom Königreich zur kurzen, chaotischen parlamentarischen Demokratie über die lange Phase der Salazar-Diktatur hin zur Nelken-Revolution und zum neuen, sozialdemokratischen Portugal, das verzweifelt Anschluss sucht an Europa - und für das Carlos Lemos´ famoses Bild vom Bau der Brücke über den Tejo steht, zwei Lissaboner Arbeiter über dem Abgrund hantierend, im Nebel, mit Seilen scheinbar gesichert, aber ohne viel Halt; unten der Fluss und der Verkehr.

Lemos´ Bild ist nicht nur ein Kunstwerk, sondern ein Paradigma. Portugal befindet sich im permanenten Übergang: von der Agrar- zur Möchtegern-Industrienation, von der Kolonialmacht zum bescheidener gewordenen Land am Rand des Kontinents, vom Armenhaus Europas zum bemühten europäischen Partner. Noch immer sind die Löhne in Portugal viel niedriger als bei uns, noch immer kann man in den Kramläden der Provinz und in den kitschüberladenen Dorfkirchen in eine andere Welt tauchen. Und die internen Gegensätze dauern an: Das morbide Beharrungsvermögen der reichen, umsatzträchtigen Metropolen Porto und Lissabon steht in merkwürdigem Kontrast zu den ausgemergelten Gesichtern der armen Leute vom Land, aus dem Alentejo, die als Zaungäste zur Weltausstellung kommen, und zu den schmutzigen Werftarbeitern von Setubal.

Die Ausstellung erzählt in ihren besten Teilen vom Alltag: die sozialrevolutionären Aufbrüche zu Beginn des Jahrhunderts, streikende anarchosyndikalistische Arbeiter in Lissabon, stolzes Bürgertum im Kaffeehaus, Großfamilien im Park, Arbeiterkinder beim Wasserholen und Zeitungsverkaufen, Bettler und Obdachlose, Fischer und Korbflechterinnen. Familienbilder nehmen einen großen Raum in der Schau ein: noch ist die Familie in Portugal, neben der katholischen Kirche, Nukleus des Staates. Die Söhne werden von den Müttern stets als kleine Prinzen präsentiert, wie der Psychoanalytiker Emilio Salgueiro kommentiert, die Mädchen stehen tumb daneben. Die Kolonialgeschichte ist nur angedeutet, flüchtende Angolaner, Verwundete, Truppenparaden. Allerdings sieht man hier das fotografisch beste Bild - von Eduardo Gageiro: Ein im Rollstuhl sitzender Krüppel winkt am Quai den nach Übersee ablegenden Kolonialtruppen - soviel Schmerz und naive Gläubigkeit waren selten auf einem Foto zu sehen.

Der farbige Fußballer Eusebio repräsentiert mit, man muss sagen: freudeverzerrtem Gesicht das sportliche Portugal. Ansonsten: der Rassenkonflikt zwischen Weißen, Schwarzen und Mischlingen wird ausgespart. Das enorme Problem der Emigration kommt auf einem einzigen Foto vor: eine zusammengepferchte Familie auf dem Gang eines Zuges. Der Tourismus, der Devisen bringt, das Land aber vor allem im Süden aushöhlt und architektonisch ruiniert, ist nicht präsent.

Immerhin wird die fortdauernde Armut nicht verschwiegen: Alfredo Cunha zeigt die revolutionären Militärs am 25. April 1974 auf der Lissaboner Praca do Commercio. An genau derselben Stelle, aus derselben Perspektive fotografiert Luis Carvalho 1990 ein obdachloses, rauchendes Kind. Was man 1974 im revolutionären Elan erhofft hatte und was daraus wurde - diese Spanne lässt sich an dieser Ausstellung ablesen. Aber die Lage ist nicht hoffnungslos: Portugal ist wie die alte Fregatte auf dem Bild der Rosa Reis, immer wieder reparabel, mit neuen Holzspanten und Verstrebungen versehen. Die Periode der Salazar-Diktatur wird im Centro Cultural mit dem Titel Der Verlust des Selbst überschrieben. Die Suche nach dem neuen, dem angeblich europäischen Selbst, sagt diese Ausstellung, könnte noch etwas länger dauern.

Lissabon, Centro Cultural de Belém. Bis 23. September. Der Katalog kostet 6.000 Escudos (60,- DM)

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00:00 31.08.2001

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