Brüder

linksbündig Verwandte Geister in Kuba und den USA

Nach einer Phase der Rezession auf dem Gebiet solcher Schlagzeilen hat Kuba nun zu den Ländern zurückgefunden, in denen Staatsräson vor Menschenrechte geht. Drei jungen Schwarzen, die unlängst ein Boot entführten, misslang die Flucht in die USA. Zurück auf der Insel, wurden sie verhaftet und alsbald zum Tode verurteilt. Ihre Familienangehörigen erfuhren erst post mortem von der Hinrichtung. Damit war die Affäre aber noch nicht beendet. Als wäre das ein willkommener Anlass, erfolgte auf Kuba die seit 1989 größte Repressions- und Verhaftungswelle. Zahlreiche Oppositionelle wurden verhaftet und bis zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Die wenn auch zaghaft einsetzende Demokratisierung, die in den letzten Jahren Kuba wieder verstärkt Sympathien in der ganzen Welt einbrachte, scheint damit bis auf weiteres gestoppt.

»Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns.« Damit steht Kuba nicht allein. Unverkennbar teilt die Insel dieses Credo mit der gegenwärtigen US-Regierung. Terror gegen Terrorismus: diese fatale Gleichung, an der sich Carl Schmitt delektiert hätte, hat sich nunmehr den »globalen« Dimensionen im gegenwärtigen Weltbürgerkrieg bestens angepasst und viele Anhänger gefunden. Die kubanische Regierung verhält sich den Nordamerikanern kategorial ebenbürtig. Auch hier wird »unkubanisch« mit »Terrorismus« gleichgesetzt. In der Definition des Feindes nehmen sich die amerikanischen Feindesbrüder, Kuba und USA, nicht allzu viel. Dafür gibt es einige Gründe.

Einen Grund nennt der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño: die kulturell diskursive Ferne zum aufgeklärten Europa. Bei gleicher politischer Ontologie, dem habituell verinnerlichten Konservatismus, dem auch Castro längst anheim gefallen ist, lassen sich politisch divergierende Haltungen nur noch schwer unterscheiden; es sei denn in der schlechtesten Form von Partikularität - als pure ideologische Bezichtigung. Ansonsten herrscht konzeptioneller Schulterschluss - ein linker Nationalist steht einem rechten Nationalisten gegenüber. Wer wie Castro Homosexuelle ins Gefängnis steckt, kann dem kriegerischen Männlichkeitsfetischisten Bush nicht allzu fern sein. Die beiderseits zu verzeichnende, unüberhörbare Intellektuellenfeindlichkeit kommt verstärkend dazu. Hier wie dort steht auf »Terrorismus« die Todesstrafe, die in Europa längst der Vergangenheit angehört.

Ein der uneingeschränkten Unbedingtheit huldigender, säkularer König regiert in den kubanischen und US-amerikanischen Breiten. Ein amerikanisch verflachter, absolutistischer »Souverän« verhindert sowohl in Kuba als auch in den USA jede Opposition und beerbt derart vulgär den Hobbes´schen Leviathan, aber nunmehr als bloße Makulatur. Ihrer »Selbstbestimmung« gewiss, beharren der vergreiste, bärtige Castro und der texanische Gebieter gleichermaßen auf ihrer absoluten Unbedingtheit. So erklärt man Kriege, nach außen und auch nach innen. So kann der Ausnahmezustand bedenkenlos verhängt werden.

Aber beide Majestäten hassen einander wie die Pest. Die Komik spottet jeder Beschreibung: Ein Krieg unter Zwillingsbrüdern, die sich im militanten Entweder-Oder und weiteren rhetorisch-politischen Kategorien absolut einig sind.

Wenn es wahr sein sollte, dass die USA, zumindest langfristig, auf die politische und kulturelle Isolierung zusteuern, so widerfährt mit den letzten Ereignissen dem Castro-Regime weltweit ein mindestens so entscheidender, in der Folge kaum auszugleichender Zustimmungsverlust. »Kuba schmerzt«, schreibt der Uruguayer Eduardo Galeano, der Autor der Offenen Wunden Lateinamerikas. Er hatte bislang die kubanische Revolution in Schutz genommen, allen Krisen, allen Widrigkeiten zum Trotz. Nun zeitigen die letzten Willkürakte auf Kuba offenbar den unabwendbaren Bruch; einen Bruch, den auch die übrige lateinamerikanische Linke mit Kuba vollzieht, wo sie ihn nicht schon vollzogen hat. Nun könnte Kuba wie »eine reife Frucht in den Schoß der USA« fallen. Als hätte Castro es darauf ankommen lassen, lebt die 200 Jahre alte »Monroe-Doktrin« verstärkt auf und legitimiert die Abschaffung des kubanischen Sonderwegs. Und José Martí, Kubas Gewissen, stirbt einen weiteren Tod zwischen dem Weißen Haus und Havanna. Die kubanische Linke wird sich gegen den eigenen Konservatismus und gegen das US-Imperium neu formieren müssen.

00:00 02.05.2003

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