Bruder im Osten

Porträt Bùi Chính Yên entkam dem Krieg in Vietnam, weil ihn die kommunistische Partei 1966 zum Studium in die DDR schickte. Die Ausbildung sollte seiner Heimat dienen
Bruder im Osten
„Wir waren für die Zukunft auserwählt“

Foto: Nikolaj Svenn Evig

Am Bahnhof von Viêt Trì, 80 Kilometer nordwestlich von Hanoi, warten zwei Jugendliche auf einen Zug nach Hanoi. Plötzlich tauchen Leuchtraketen den Himmel in gleißend helles Licht, amerikanische Bomber haben Kurs auf die Provinzhauptstadt genommen. Die beiden 17-Jährigen in der Wartehalle kennen die Geräusche der Flugzeuge. Seit zwei Jahren wird Nordvietnam von der US-Armee bombardiert.

„Die flogen jeden Tag über unser Dorf. Der Bombenkrieg der Amerikaner begann am 5. August 1964, das Datum vergesse ich nie“, erzählt Bùi Chính Yên. Er ist einer der beiden Jugendlichen von damals.

Auf dem Bahnsteig steht er in jener Oktobernacht 1966 bepackt mit einem Armeerucksack, gefüllt mit Kleidern und getrockneten Bananen, die ihm seine Mutter eingepackt hat. Bahnhöfe sind ein beliebtes Ziel der Amerikaner. Der in Viêt Trì wird in dieser Nacht verschont, der Zug nach Hanoi kann eine halbe Stunde nach dem Angriff abfahren. Es ist der Beginn einer langen Reise, die Yên in ein fremdes Land und ein neues Leben bringen wird.

Als Yên sich in Hanoi meldet, weiß er weder, was er studieren wird, noch wo. Nur dass er seinem Land zu dienen hat, ist klar. Die kommunistische Regierung unter Hô Chí Minh hat eine Zukunftsvision: Sie will Vietnam wieder vereinen, gefolgt vom Aufbau eines sozialistischen Staats. Dafür braucht es kampfeswillige Soldaten – und leistungsstarke Studenten, die in „sozialistischen Bruderländern“ zu Führungskadern ausgebildet werden.

Eine Vitrine mit Bierkrügen

„Wir waren für die Zukunft auserwählt.“ Stolz schwingt noch immer in Yêns Stimme mit, wenn er sich erinnert. In seinem Wohnzimmer in Hanoi serviert er Wasser und Instantkaffee, bevor er zu erzählen beginnt. In einer Vitrine verstauben Bierkrüge und Schnapsgläser aus ganz Deutschland. An den Wänden hängen neben Familienfotos Erinnerungsbilder an seine Zeit in der DDR.

„Die Soldaten fuhren Richtung Süden, die mussten an die Front und standen da dem Tod gegenüber. Wir durften in die Richtung fahren, wo Frieden herrschte, wo man auch besser versorgt wurde. Wir wussten um unsere Aufgabe gegenüber unseren jungen Freunden. Für uns galt es zu studieren und Bestnoten abzuliefern, um unseren Freunden zu dienen. Sie waren bereit, sich zu opfern.“

Soziale Herkunft und exzellente Schulleistung waren ausschlaggebend für die Auswahl der Auslandsstudenten. Kinder von Parteifunktionären, aber auch von Bauern, Arbeitern und gefallenen Soldaten wurden bevorzugt. Als Sohn einer kommunistischen Bauernfamilie und Klassenbester passte Yên perfekt ins Bild. Er war für ein Studium in China vorgesehen. Doch Maos Kulturrevolution führte dort zur Schließung der Universitäten. China konnte nicht mit den versprochenen 2.000 Studienplätzen dienen.

Unter Sozialisten

Über 100.000 Vietnamesen lebten als Studenten, Auszubildende oder Vertragsarbeiter zeitweise in der DDR. Sie sollten nach Studiums- oder Vertragsende nach Vietnam zurückkehren, um das Land beim Wiederaufbau nach dem Krieg zu unterstützen. Bereits in den 50er Jahren gab es enge Beziehungen zwischen dem kommunistischen Norden Vietnams und der DDR. 350 als „Moritzburger“ bekannte Kinder gingen damals im Alter von 10 bis 14 in Dresden und Moritzburg zur Schule.

Als die US-Amerikaner Mitte der 60er Jahre in Vietnam einmarschierten, intensivierte sich die Beziehungen zwischen Hanoi und Ostberlin. Mit der Aktion „Solidarität hilft siegen“ wurde das sozialistische Bruderland finanziell und wirtschaftlich unterstützt, man schuf zusätzliche Studien- und Ausbildungsplätze. Exakte Zahlen zu den Studenten gibt es nicht. Es lebten aber 2.500 Praktikanten und 9.400 Lehrlinge aus Vietnam von 1966 bis 1981 in der DDR. In den 80ern kamen noch mehr als 60.000 Vertragsarbeiter dazu.

Trotz der Einschränkungen empfanden viele Vietnamesen die Lebensbedingungen in der DDR als sehr gut. Ein Großteil der Ausgebildeten kehrte vor der Wende hoch angesehen nach Vietnam zurück. Nach dem Mauerfall hatten die Vertragsarbeiter in der DDR mit ungeklärten Aufenthaltserlaubnissen und aufkeimendem Rassismus zu kämpfen. Dennoch blieb viele von ihnen im wiedervereinigten Deutschland. FB

Yên meldete sich freiwillig für die Armee, doch die durfte Schüler, die für ein Auslandsstudium ausgewählt waren, nicht rekrutieren. Dann erklärte sich die DDR bereit, nach der Sowjetunion die größte Gruppe vietnamesischer Studenten an ihren Universitäten aufzunehmen. Yên erfuhr zwei Wochen vor seiner Abfahrt, dass er in Tharandt in der Sächsischen Schweiz an der forstwirtschaftlichen Fakultät der TU Dresden studieren würde.

Er wusste nicht viel über sein Gastland: „Damals hieß das Dong Duc, Ostdeutschland. Zum ersten Mal hörte ich davon, als ich sechs Jahre alt war. Da gab es eine solidarische Bewegung von den Schülern der DDR für Vietnam. Wir bekamen Bleistifte aus Deutschland. Ich kann mich noch daran erinnern, denn das waren besondere Bleistifte, sie verfärbten sich bei Kontakt mit Wasser violett.“ Solche Details hat der heute 65-Jährige mit fotografischer Genauigkeit präsent. Er erzählt davon auf Deutsch, mit Akzent, aber perfekter Grammatik.

Es dämmert, als der Zug am 17. Oktober 1966 in Richtung DDR loszuckelt. Er ist voll mit jungen Leuten, die in der DDR, Ungarn, der Sowjetunion studieren sollen. Elf Tage sind sie unterwegs. Sie schlafen, schauen aus dem Fenster, frieren, als sie vier Tage durch das verschneite Sibirien rollen. In Ostberlin werden Yên und 120 Kommilitonen abgeholt und nach Leipzig gebracht. Dort sollen sie ein Jahr Deutsch lernen.

„Liebe war verboten“

In Yêns Erzählungen ist die DDR ein großartiges Land. Den Lebensstandard konnte man mit dem, was der älteste Sohn einer acht-köpfigen Bauernfamilie bisher kannte, nicht vergleichen. Die Straßen waren besser, die Häuser stabiler, die Unterkünfte größer. Es gab für jeden genug zu essen, keine knappen Lebensmittelkärtchen, keine Stromausfälle. Und vor allem herrschte Frieden. „Dass wir keine Bomber mehr über dem Kopf hatten, war angenehm“, sagt Yên nüchtern. Auch wenn der Schnee sich im Winter grau färbte, weil das Kraftwerk in der Nähe ihres Internats viel Kohlenstaub in die Luft blies – die DDR ist für Yên nie grau. „Damals konnten wir uns nicht vorstellen, dass wir in Vietnam jemals den Lebensstandard der DDR-Bevölkerung haben würden.“

Yên lernt schnell. Er sei sprachbegabt sagt er. Er verbringt viel Zeit im Klubraum der Universität, liest Jules-Verne-Romane, knüpft Freundschaften mit deutschen Mitstudenten, was den Vietnamesen eigentlich untersagt ist. Sie sind hier, um zu lernen. Nichts soll sie ablenken.

„Liebe war verboten“, sagt Yên. Eine Beziehung zu einer Ostdeutschen konnte das Ende des Studiums und eine entwürdigende Rückkehr in die Heimat bedeuten. Er habe der Versuchung widerstanden, sagt er. Nicht nur weil im Heimatdorf seine Verlobte wartete, sondern auch aus Angst. Die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, war hoch, weil die Vietnamesen in engen Gruppen lebten und staatseigene Aufpasser hatten. Drei „Stubenkumpel“ teilten sich ein Zimmer.

Yên gehörte zu den Besten. Zusätzlich zum Stipendium hätten ihm deshalb 80 Ostmark Leistungsstipendium zugestanden. Materielle Anreize waren bei der maoistisch eingestellten Führung jedoch nicht erwünscht. Es hätte zum Disziplinarverfahren kommen können. Für Yên undenkbar. Und heimlich annehmen? „Du kannst doch nicht heimlich …“, Yên schüttelt den Kopf. „Meine Ergebnisse waren doch bekannt.“

Nach dem Studium wird er aufgrund seiner guten Deutschkenntnisse als Dolmetscher in die vietnamesische Botschaft in Ostberlin bestellt. Das passt ihm eigentlich gar nicht. Die Bürokratie der Botschaft ist nicht seine Welt. Er will zurück in die Heimat, aber er gehorcht. Selbstverwirklichung und privates Glück sind im großen Plan der Partei vernachlässigbare Größen.

Diplomatische Kampffront

Die Heimkehr wird ihm erst gewährt, als er einwilligt, in Hanoi als DDR-Referent im Außenministerium zu arbeiten. 1973 tritt Yên seinen Dienst an. „Diplomatische Kampffront hieß das damals.“ Und an dieser tat sich zu der Zeit einiges. Das Pariser Abkommen wurde im Januar 1973 von Nord- und Südvietnam sowie den USA unterzeichnet. Es ebnete den Weg zum Kriegsende und der Wiedervereinigung Vietnams. Yên heiratet seine Verlobte. Zwei Monate nach der Geburt seiner Tochter wird er zurück nach Ostberlin versetzt. Dort trennt nach wie vor eine Mauer den Kommunismus von der Demokratie.

Vier Jahre soll der Einsatz dauern, Frau und Kind dürfen nicht mit. Yên bleibt Patriot und stellt Land und Volk weiter über seine eigenen Wünsche. Doch die Enttäuschung über die ungewollte Botschaftsarbeit versteckt er nicht: „Ich konnte meinem Land nicht so dienen, wie ich das wollte.“ Lieber hätte er seine Ausbildung als Förster wirklich genutzt.

Außerdem wollte er nie Karriere machen. „Ich tauge nicht für so was, weil ich zu hitzig bin. Ich rede auch ein bisschen viel und nehme nie ein Blatt vor den Mund, wenn es um meine Meinung geht. Das ist auch eine Schwäche von mir.“ Aber er beißt die Zähne zusammen und arrangiert sich. Seinen Werten bleibt er treu. Seinen Botschaftskollegen, die den vietnamesischen Gastarbeitern in der DDR begehrte Ware wie Leerkassetten, Zigaretten und Schnaps aus dem Versina-Laden für den Schwarzmarkt verscherbeln, steht er kritisch gegenüber. Über sich selbst sagt er: „Yên war die Ausnahme, der galt als dumm, weil er das nicht ausgenutzt hat.“

In seinen über 20 Jahren im Außendienst ist er zeitweise auch als Übersetzer für das Politbüro in Ostberlin tätig. Und wenn er in den Westen fährt, um sich dort mit Solidaritätsgruppen zu treffen, steht er mit Jane Fonda und Heinrich Böll am Büffet. An seiner Wohnzimmerwand hängen Beweisfotos mit Autogrammen.

Fabiola Büchele lebt als freie Journalistin in Hanoi und ist Gründerin des vietnamesischen Online-Kulturmagazins & of other things

Sein ganzer Stolz ist ein Bild mit General Võ Nguyên Giáp, den er bei seinem Staatsbesuch drei Wochen begleiten durfte. Nationalheld Giáp verstarb vergangenen Oktober im Alter von 103 Jahren. Unter seiner Führung hatte die nordvietnamesische Armee Frankreichs Kolonialherrschaft beendet und die Amerikaner besiegt. Er ist neben Hô Chí Minh ein wichtiges kommunistisches Vorbild für Yên: „Ich betrachte die Ideale von Giáp und Hô als die besten auf der Welt. Ich sehe das heute auch so. Gleichberechtigung der Frauen, Gerechtigkeit, Gleichheit der Menschen und ...“ Was ist mit den Opfern, die diese Regierung forderte? Ja, Hô Chí Minh habe Fehler gemacht. Aber damals ging es um die Freiheit und Unabhängigkeit Vietnams, der Staatschef habe getan, was getan werden musste.

Kommunistisch sei Vietnam heute nicht mehr, sagt Yên. Nicht mehr nach dem alten Modell. Seit der politischen Doi-Moi-Reform 1986, die Vietnam zu einer sozialistisch orientierten Marktwirtschaft machen sollte, wurden all jene Sozialdienste gekürzt, die für Yên den Kommunismus ausmachten. Die materiellen Möglichkeiten, die die junge Generation seitdem habe, hätten auch ihre Werte verändert. „Die Geldgier ist bei manchen wirklich groß.“

Die Kluft zwischen Arm und Reich werde heute in Vietnam immer größer, sagt Yên. „Das Ziel des Kommunismus ist es aber doch, die Gräben zu verkleinern.“ Der aktuellen Parteiführung vertraut er nicht, die Korruption sei zutiefst beschämend. Ein Austritt aus der Partei sei für ihn aber keine Option. Yên ist kein Dissident.

Als in Deutschland die Mauer fällt, ist er überrascht. Und ein bisschen traurig, die DDR war eine zweite Heimat für ihn geworden. „Ich hatte dort Hilfe bekommen, hatte doch studiert.“ Aber die Vereinigung eines Landes steht für Yên über der politischen Einstellung. „Ich habe mich dann mit dem Mauerfall abgefunden, weil mir bewusst war, dass Deutschland irgendwann wiedervereint werden muss. Vor allen Dingen, nachdem Vietnam bereits vereint worden war. Wie wir hatten auch die Deutschen ein Recht auf ein vereintes Land. Ein Land zu spalten, ist ungerecht.“

Kurz nach dem Mauerfall beendet Yên seine Diplomatenkarriere. Mit einer Abfindung von 700 US-Dollar macht er sich als Wirtschaftsberater und Übersetzer selbstständig. In die Zukunft sieht er trotz allem hoffnungsvoll: „Wir sind noch die Kriegsgeneration. Ich glaube, die nächste Generation wird eine andere Einstellung zum Leben und zur Politik haben. Vielleicht wird es sich dann zum Positiven wenden.“

Bis dahin organisiert er weiter die jährlichen Treffen seiner DDR-Kommilitonen, sie nennen sich Gruppe 66. Bùi Chính Yên hat sie 1989 mitgegründet.

06:00 19.11.2014

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