Bruderküsse und Händedrücke

Versöhnung an der Moldau George Bush und Gerhard Schröder tauschten beim NATO-Gipfel mehr als nur Zeichen der Zuneigung - auch Einladungen zu den nächsten Schlachten des "Guten"

Ließ sich eigentlich in längst versunkenen Zeiten die Bruderliebe zwischen Bruderstaaten an der Zahl der Bruderküsse messen? Ihrer Dauer, ihrer Innigkeit? Leonid Iljitsch Breschnew und Erich Honecker tauschten in der Regel je drei. Man wusste angesichts dieses unbeirrbaren, die Öffentlichkeit nicht scheuenden Exhibitionismus, alles stand zum Besten in den Beziehungen zwischen der UdSSR und der DDR. Da sie ihren Führern, wie jeder sehen konnte und glauben durfte, ein großes Herzensglück und - wie es damals hieß - "unbedingte Herzenssache" waren, konnten sie besser nicht sein. Das änderte sich erst, als ab 1985 Michael Sergejewitsch Gorbatschow küsste und geküsst wurde. Zweimal oder dreimal? Gewiss, die Dreifach-Salve blieb noch immer die Norm, aber sie schien längst kein Offenbarungseid mehr, dass da Herz zu Herzen findet. Nur hoffnungsvolle oder einfältige Gemüter, was im Prinzip damals wie heute das Gleiche meint, ließen sich gern täuschen.

Als Münder und Wangen auf dem Berliner Flughafen Schönefeld letztmals einander entgegen flogen - man schrieb den 5. Oktober 1989 - waren die brüderlichen Beziehungen längst nicht mehr so überschwänglich wie die brüderlichen Küsse. Bevor der Große Bruder zum Dreifach-Kuss an der Gangway einschwebte, hatte der Kleine am Boden mit dem forschen Spruch "Tot Gesagte leben länger" eine ziemlich große Lippe riskiert, wohl weil er ahnte, dass der Große sein kleines Land längst zum Verkauf ausgeschrieben hatte. Er sollte sich nicht getäuscht haben.

Wenn schon Bruderküsse so trügerisch sein können, was mag dann erst für Händedrücke gelten? Gerhard Schröder hat sich in Prag beim NATO-Gipfel gleich zu mehreren mit George W. Bush (nicht immer waren Kameras zugegen) hinreißen lassen, den er noch vor kurzem im Wahlkampf - oder sollte man besser im Wahlfieber sagen? - einen "Abenteurer" gescholten hatte. Der uns per Fernsehbild übermittelte Händedruck schien kurz. So kurz, dass er dennoch als lang (Die Welt vom 22. 11.) gelobt werden konnte. Gewiss war er auch warm und in seiner langen Kürze innig, verständnisvoll, lovely eben, so dass in den deutsch-amerikanischen Beziehungen nun wieder viel Luft zum Großen Aufatmen bleibt. Aber steht wirklich alles wieder "zum Besten" aller?

Es hatte schon für erhebliche Irritationen in der deutschen Regierung - vor allem im Inneren des Kanzlers - gesorgt und die Gesinnungsethiker in der Partei des Außenministers auf eine harte Probe gestellt, dass es so lange und so hartnäckig keine amerikanische Einladung zum Krieg im Irak gegeben hatte. Marineflieger und Flottenverbände am Horn von Afrika, das Kommando Spezialkräfte (KSK) am Hindukusch, Lead-Funktion in Kabul, Spürpanzer in Kuwait - man war nah dran, aber die Trophäen des Sieges über Saddam Hussein wollten Briten und Amerikaner offenbar unter sich aufteilen. Gerhard Schröder konnte sich nach allem, was Deutschland unter seiner Führung für Enduring Freedom im Krieg gegen das Böse geleistet hat, zu Recht brüskiert fühlen. Er zog daraus die einzig richtige Schlussfolgerung, als er im Wahlkampf aus der enttäuschenden Zurückweisung eine stimmgewaltige Tugend zu machen verstand, mit der er spielend die 6.500 Wähler lockte, denen es zu danken war, dass Edmund Stoiber - vorerst - an Bayern zurückgegeben werden durfte.

Es war George Bush in Prag deutlich anzusehen, wie sehr er unter Trennungsschmerzen und dem Liebesentzug der Deutschen gelitten haben muss und das offenbarte Maß an Selbstüberschätzung Amerikas bereute. Deutschland bekommt seinen Part im Krieg gegen Bagdad! Wenn der Präsident das mit eindrucksvollem Händedrücken besiegelt - über dessen Kürze oder Länge heute noch die Feuilletons streiten, aber morgen gewiss schon die Geschichte entschieden haben wird -, wenn dieser große Mann also bedeutet, dass es für ihn nie den Hauch eines Zweifels gab, wie sehr Deutschland auch auf den kommenden Schlachtfeldern des Guten gebraucht wird, dann ist das Balsam auf die waidwunden Seelen in Berlin, aber auch in Garmisch-Partenkirchen und Limbach-Oberfrohna. Ein schwacher Trost freilich, aber er wirkt. Man hat sich am 22. September nicht verwählt, Gerhard Schröder konnte bei den Amerikanern die deutsche Beihilfe zum Krieg doch noch durchsetzen.

Und wer sieht, wie die Großen - Schröder und Bush - ihren Hand- und Herzschlag der Zuneigung gar mit einem verschämten Lächeln zu besiegeln wussten, ahnt, wie es mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen nun wieder aufwärts geht. Anders als zu Zeiten kommunistischer Kabale und Sittenverrohung, darf man wieder glauben, was man sieht. Der Händedruck zwischen Demokraten ist eben viel authentischer und in seiner Authentizität viel transparenter als ein Kuss zwischen Kommunisten. Es tut gut, das zu wissen, es ist das Beste, daran zu glauben.

00:00 29.11.2002

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