Brüchige Männlichkeit

Film In Xavier Dolans „Matthias & Maxime“ suchen zwei das richtige Leben im falschen

Solch eine Szene kennt man aus vielen Coming-of-Age-Filmen: ein Landhaus in idyllischer Kulisse, junge Menschen, die ausgelassen feiern. Der wohlhabende Rivette (Pier-Luc Funk) hat eine Gruppe von Schulfreunden eingeladen. Auf dem Sofa wird die Bong herumgereicht, es gibt Rangeleien und Gegröle. Bloß dass die Männer hier keine Teenager mehr sind, sondern auf ihren 30. Geburtstag zugehen. „Cool kids stuck in the past“, heißt es in dem Arcade-Fire-Song, der im Film läuft.

Auch die Kindheitsfreunde Matthias (Gabriel D’Almeida Freitas) und Maxime (Xavier Dolan) sind aus alter Verbundenheit hier. Irgendwann fragt Rivettes jüngere Schwester Érika (Camille Felton), eine Filmstudentin, ob jemand spontan in ihrem Film mitspielen könne. Maxime sagt zu, nach einigem Hin und Her willigt auch Matthias ein. Erst später erwähnt Érika, dass es um eine Kussszene geht. Der Kuss selbst wird in Matthias & Maxime nicht gezeigt, es ist die Leerstelle, um die herum sich das emotionale Drama des Films entfaltet.

Der kanadische Regisseur Xavier Dolan galt lange als Wunderkind des internationalen Arthouse-Kinos. Bereits sein Debütfilm I Killed my Mother feierte seine Premiere 2009 in Cannes; Dolan war 20 Jahre alt. Danach folgten im Jahrestakt weitere Filme wie etwa Laurence Anyways oder Mommy, rauschhafte Seherfahrungen an der Schnittstelle von Kino und Pop. Manche sahen darin zeitgenössische Meisterwerke, andere kritisierten Dolans flamboyante Ästhetik als oberflächlich.

Es mag daher überraschen, dass Matthias & Maxime deutlich ruhiger inszeniert ist als die früheren Filme. Statt ekstatischer Momente wird eher Ernüchterung gezeigt. Matthias macht als Anwalt in einer renommierten Kanzlei Karriere, führt aber eine emotional triste Existenz. Maxime arbeitet als Barmann und kümmert sich um seine alkoholabhängige Mutter. Sein verkorkstes Leben in Montreal will er hinter sich lassen und nach Australien gehen. Die immer wieder eingeblendeten Zeitangaben bis zu Maximes Abreise geben dem Film den Charakter eines Countdowns, ganz so, als könne das falsche Leben vor dem Ablauf vielleicht doch noch zum richtigen werden.

Matthias & Maxime ist dabei weniger eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern als ein Film über jene heteronormativen Rollenbilder, die dem Ausleben solcher Gefühle im Weg stehen. Matthias, der schon verheiratet ist, überdeckt seine Zuneigung für Maxime und reagiert gereizt, sobald jemand den Kuss erwähnt. Als Maxime einmal eine blutende Wunde am Kopf hat, wehrt er Nachfragen mit einem verkrampften „Du solltest den anderen Typen sehen“ ab.

Trotz einiger eindringlicher Dialoge erzählt Matthias & Maxime vor allem visuell, geben Bildkomposition und Montage hier dem Unausgesprochenen eine Form. Nach dem Filmkuss kann Matthias nicht schlafen und geht am frühen Morgen im See schwimmen. Das Bild ist in dunkles Blau gehüllt, Matthias’ athletischer Körper bewegt sich zu intensiver werdender Pianomusik durch das Wasser. Die Szene mutet an wie ein Wettkampf gegen die eigenen Gefühle, wie der Versuch, ein auf Selbstbeherrschung und Dominanz fußendes Selbstbild zu behaupten.

Die interessantesten Momente sind in Matthias & Maxime jene, in denen die antrainierten Rollen brüchig werden. In einer Szene lässt Dolan eine Gruppe von Leuten in Zeitlupe aus dem Haus rennen, um Wäsche abzuhängen, als es nachts plötzlich in Strömen regnet. Die Kamera schwenkt langsam rüber und wir sehen in einem anderen Teil des Hauses die Silhouetten von Matthias und Maxime. Es ist ein Moment von intimer Schönheit, passend zu einem Film, der seine Wirkung paradoxerweise gerade durch Zurückhaltung erzielt.

Info

Matthias & Maxime Xavier Dolan Kanada 2019, 119 Minuten

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 30.07.2021

Ausgabe 37/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare