Brücken

A–Z Nach vier Jahren Bauzeit eröffnet China die höchste Brücke der Welt. Nur was verbindet das mit Wasserpfeifen, poetischen Balladen und der Zahnmedizin? Das Wochenlexikon
Brücken

Foto: Bettmann Archive/Getty Images

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Armut Die Golden Gate Bridge und die kleine Fußgängerbrücke um die Ecke eint ihre Hauptbestimmung: Hindernisse zu überqueren. Ob Fluss oder Straße oder Schlucht, es geht immer um das Oben. Die wahren Dramen spielen sich derweil unten ab: In Under the Bridge zum Beispiel hat der Sänger der Red Hot Chili Peppers, Anthony Kiedis, 1991 seine Abhängigkeit von Heroin verarbeitet: „Under the bridge downtown, I gave my life away.“ Clean wurde Kiedis erst, nachdem sein Bandkollege Hillel Slovak an einer Überdosis gestorben war (➝ Unglück).

Wem jede Rehabilitation verwehrt bleibt, wer alles verloren hat, in Armut und Obdachlosigkeit landet, findet oft unter der Brücke den letzten Zufluchtsort. Dort zu leben, das gilt als Chiffre des sozialen Abstiegs, räumlich wie gesellschaftlich. Darüber jedoch lässt sich dann für alle anderen nur allzu leicht hinweggehen. Benjamin Knödler

C

China Gerade meldeten Chinas Medien die Fertigstellung der Beipanjiang-Brücke, sie ist nun die höchste der Welt. Auf 565 Metern überspannt sie das gleichnamige Tal im Südwesten des Landes, soll noch vor Ende des Jahres eröffnen und dann die Fahrzeit zwischen den beiden Städten Liupanshui und Xuanwei von fünf auf zwei Stunden verkürzen. Mit dem Bau übertrumpft sich China selbst: Seit 2001 hatte die Siduhe-Brücke, ebenfalls im Südwesten gelegen, den Rekord gehalten. Der „breitesten Brücke der Welt“ rühmt sich derweil die Türkei mit der am 26. August eröffneten Yavuz-Sultan-Selim-Brücke über den Bosporus.

Einen Monat vorher, am 25. Juli, hatte sich die AKP-Regierung für den Titel „am schnellsten umbenannte Brücke“ der Welt empfohlen (➝ Propaganda): Kurz nach dem, nicht zuletzt auf dieser Verbindung zwischen europäischem und asiatischem Teil Istanbuls abgewehrten Putsch wurde auf Geheiß des Kabinetts aus der Bosporus-Brücke die „Brücke der Märtyrer des 15. Juli“. Paul Hildebrandt

E

Expressionismus Geteiltes Leid ist halbes Leid – dieses Motto steckt hinter der Gründung der heute weltberühmten Künstlergruppe Die Brücke. Seit 1902 studierten Ernst Ludwig Kirchner und Fritz Bleyl an der Sächsischen Technischen Hochschule, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff begannen zwei Jahre später ihr Architekturstudium in Dresden. Alle vier begeisterten sich jedoch mehr für Malerei und studierten wohl vor allem, um sich die finanzielle Zuwendung ihrer Eltern zu sichern (➝ Armut).

Ob der Name ihrer Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auf die zahlreichen Brücken der sächsischen Landeshauptstadt anspielt oder metaphorisch für den Übergang von einem Ufer zum anderen steht, ist nicht belegt. Emil Nolde war kurz Teil der Gemeinschaft, auch Max Pechstein und Otto Mueller stießen zur Gruppe. „Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt“, formulierten die damals Anfang 20-Jährigen, die sich 1913 offiziell wieder trennten. Geblieben sind expressionistische Meisterwerke, die unter den Nazis als „entartet“ galten. 1967 eröffnete in Berlin das Brücke-Museum, 2005 gab es eine 55-Cent-Sonderbriefmarke und zahlreiche Ausstellungen zum 100. Geburtstag. Sarah Alberti

G

Geduld Während ➝ China vier Jahre für den Bau der Beipanjiang-Brücke benötigte, wachsen die Übergänge aus lebendigen Bäumen, wie sie die Khasi und die Jaintia im indischen Bundesstaat Meghalaya nutzen, etwa 15 Jahre lang. Dafür werden die Wurzeln des Gummibaums Ficus elastica dazu gebracht, durch ausgehöhlte Betelnussbaumstämme auf die andere Seite des zu überbrückenden Flusses zu wuchern. Dort dann verankert, wird die Brücke von selbst dicker und stärker, nur zu Anfang unterstützen Anrainer ihre Stabilität noch mit Stöcken und Steinen.

Das längste Exemplar befindet sich nahe dem Dorf Pynursia und misst mehr als 50 Meter. Eine Brücke lebt in der Regel so lang wie der Baum, zu dem sie gehört, kann also locker 500 Jahre alt werden – immerhin halb so alt wie die Tiberinsel und Festland verbindende, älteste Brücke der Welt in Rom. Sophie Elmenthaler

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Literatur „Du kannst nicht vorbei“, ruft Gandalf in Der Herr der Ringe, „das dunkle Feuer wird dir nichts nützen, Flamme von Udûn.“ Wer sich literaturgeschichtlich mit dem Brückenmotiv auseinandersetzen will, für den gibt es kein Vorbeikommen an der Brücke am Kwai (1954), wenngleich der Film bekannter ist. Des Weiteren wären da der Erstkontakt Robin Hoods mit Little John beim Stockkampf sowie Schneider Böck: „Max und Moritz, gar nicht träge, sägen heimlich mit der Säge, Ritzeratze! voller Tücke, in die Brücke eine Lücke“ (➝ Zahnmedizin). Tobias Prüwer

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Nordrhein-Westfalen Den Flughafen BER wird diese Brücke bei Leverkusen, die die A1 über den Rhein führt, als Lachnummer bald ablösen: Erst in den 1960ern gebaut, war sie weder für aktuelle Lkw-Gewichte noch die heutige Verkehrsdichte ausgelegt. Man vermutete wohl, dass der Raumschiffe wegen Brücken im 21. Jahrhundert obsolet sein würden. Weit gefehlt. Die mürbe Brücke dürfen nur noch Fahrzeuge nutzen, die leichter als 3,5 Tonnen sind, mit maximal 60 km/h (➝ Geduld). Einer Batterie von Blitzern obliegt die Geschwindigkeitskontrolle, die Lastwagen aber wollen nicht weichen. Bis zum 500 Millionen teuren Neubau rate ich zur Ansiedlung eines traditionellen Brückentrolls, der Truckern eine Rätselfrage stellt und den Laster dann in den Rhein wirft. Uwe Buckesfeld

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Propaganda Bridge Over Troubled Water von Simon & Garfunkel, 1970 als Titelsong des gleichnamigen Albums veröffentlicht, gilt als eine der schönsten Pop-Balladen überhaupt – nicht zu Unrecht. Auf den ersten Blick aus der Perspektive eines Liebenden oder Freunds (➝ Treue) gesungen, hätte man jedoch spätestens bei der Zeile „like a bridge over troubled water, I will lay me down“ misstrauisch werden müssen. Denn Brücken tun so etwas nicht, „sich niederlegen“. Eine einzige Ausnahme gibt es: mobile Armeebrücken.

Geschrieben in Zeiten des Vietnamkriegs, ist dieses Lied also eindeutig ein Propagandawerk, in dem ein besorgter Brückenlegepanzer einem geschundenen US-amerikanischen Infanteristen seine Dienste anbietet und ihm die Überquerung eines elenden Flusslaufes irgendwo im Mekong-Delta trockenen Fußes ermöglichen will. „When you’re down and out / when you’re on the streets“ oder „I’ll take your part / when darkness comes / and pain is all around“: Plötzlich ergibt alles einen Sinn. Uwe Buckesfeld

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Treue Meine Mutter hat mich als Kind gern für Fotos zum Heulen gebracht, weil sie fand, ich sähe dann so schön grotesk aus (➝ Expressionismus). Gut, dass sie nie erfahren hat, wie sie das später mit einer einzigen Filmszene stets wieder geschafft hätte: Meryl Streep samt Ehemann im Auto, es regnet in Strömen. An der Ampel, im Pick-up vor den beiden: Clint Eastwood. Ihre Hand am Türgriff. Immer wieder schreie ich Meryl Streep an: „Tu es!“ Sie tut es nicht. Nie. Egal, wie oft ich Die Brücken am Fluß von 1995 anschaue.

Clint Eastwood spielt den charismatischen Fotografen Robert, der für National Geographic die überdachten Brücken von Madison County in Iowa fotografieren soll und dort auf die von Streep gespielte ortsansässige Strohwitwe Francesca trifft; sie zeigt ihm die Brücken. Bei einem gemeinsamen Abendessen stoßen die beiden mit den Worten „Auf uralte Nächte und ferne Klänge“ an, es ist der schönste Trinkspruch aller Zeiten. Sechs der überdachten Brücken von Madison County existieren noch. Ob wohl an ihnen Liebesschlösser hängen? Elke Allenstein

U

Unglück „Tand, Tand / Ist das Gebilde von Menschenhand“, unken die Hexen, als bei Theodor Fontane (➝ Literatur) Die Brück’ am Tay zusammenstürzt. Die Ballade ist dem Unglück, das sich im Jahr 1897 in Schottland zutrug, gewidmet; mit der Brücke stürzte eine Eisenbahn in die Tiefe, 75 Menschen starben. Fontane sah darin ein Zeichen für die menschliche Hybris und für den Schreckens des Fortschritts. Beides ließ sich nicht aufhalten, erst in diesem Juni ist die noch in Bau befindliche Schraudenbach-Brücke in Unterfranken kollabiert. Das Teilstück der A7 gab nach, als frischer Beton eingefüllt wurde. Fehler am Gerüst oder Schwachstellen am Baugrund werden als Ursachen gehandelt, die Ermittlungen laufen. 16 Menschen wurden verletzt, ein Mensch starb.

Ein Toter – das war auch die Bilanz der Arbeiten an San Franciscos Golden Gate Bridge – bis zum 17. Februar 1937, ganz kurz vor deren Eröffnung im Mai. An jenem Februartag jedoch stürzte ein Gerüst mit zehn Arbeitern in die Tiefe; das aufgepannte Sicherheitsnetz konnte sie nicht vor dem Tod bewahren, anders als die insgesamt 19 Arbeiter, denen es während des Baus das Leben gerettet hatte und die sich als „Halfway-to-Hell-Club“ zusammenschlossen. Kalkuliert worden war mit einem verlorenen Arbeiter pro einer Million Dollar Baukosten, was bis zu 35 tödlich Verunglückten entsprochen hätte. Tobias Prüwer

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Wasserpfeife Als Meisterwerk persischer Baukunst gilt die Si-o-se-Brücke in der Stadt Isfahan im heutigen Iran. 33 Bögen spannen sich über den Zayandeh Rud, den großen Fluss mitten in der Wüste. Ganz Isfahan versammelt sich hier, um unter den Brückenpfeilern Tee zu trinken und Wasserpfeife zu rauchen. Auf einer Reise in den Iran konnte ich dort eines Abends einen seltsamen Wettkampf beobachten: Plötzlich tauchten bärtige Männer an der Brücke auf – die Religionspolizei. Die Kontrolleure (➝ Nordrhein-Westfalen) brüllten etwas auf Persisch und schmissen die Pfeifen in den Fluss. Indessen rannten die Händler weg und versteckten sich hinter den Säulen. Kurz herrschte Stille. Kaum waren die Sittenwächter wieder verschwunden, holten die Verkäufer neue Wasserpfeifen unter der Brücke hervor, und das Teehaus direkt am Wasser wurde wiedereröffnet.

Die iranische Führung hat in den vergangenen Jahren schon mehrmals versucht, das Rauchen in der Öffentlichkeit zu verbieten – doch jedes Mal wurde das Gesetz wieder gekippt. Jetzt unternimmt die Regierung einen neuen Versuch: Das Versteckspiel geht von vorn los. Paul Hildebrandt

Z

Zahnmedizin Spätestens seit Einführung der Schockbilder auf Zigarettenschachteln wissen Raucher (➝ Wasserpfeife) um die zahnschädigenden Folgen ihrer Sucht. Dann kann irgendwann eine Brücke fällig sein. Die Grundidee dieses festsitzenden Zahnersatzes: An Brückenpfeilern – Zähnen, die oft mit Kronen versehen sind, aber dennoch als intakt gelten – werden ein oder mehrere Brückenkörper mit Zement befestigt. Diese Körper, künstliche Zähne und Kronen aus Keramik oder Metall, überbrücken dann die Lücke. Für zehn Jahre zumindest, die durchschnittliche Haltbarkeit des Produkts. Leisten kann sich dieses heute freilich nur mehr, wer über ausreichend Geld oder eine Zusatzversicherung verfügt (➝ Armut). Benjamin Knödler

06:00 05.10.2016
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