Brüder, in die Tonne

SPD In Dortmund feiert Kabarettist Rainald Grebe das 150-jährige Bestehen einer sterbenden Ex-Volkspartei: wehmütig, aber nicht rührselig

Beinahe hätte man den „Münte“ umarmt, das SPD-Urgestein, so wie er da rumstand, im Foyer, als Ehrengast.

Die Bühne, ein holzvertäfelter Raum, die Wände oberhalb mit dunkelrotem Stoff ausgekleidet. Genauso stellt man sich die Örtlichkeiten eines SPD-Ortsvereins vor. Von rechts aus der Pathologie werden immer wieder frisch gehaltene SPD-Ikonen und Totgesagte reingefahren, für ihre Auftritte als fleischgewordene Zitate heroischer SPD-Vergangenheit. Marlena Keil verkörpert die aktuelle SPD-Vorsitzende Andrea Nahles, die aber nicht reflexhaft einfach nur ihr Fett abbekommt. Die Liedfolge der Arbeiterlieder wird wie in einem Gottesdienst angezeigt, der Sozialismus somit als Religion persifliert. Überhaupt: Es wird viel persifliert und parodiert an diesem Abend, oft sehr virtuos. Es gibt wahrhaftig traurige, wahrhaftig wütende Momente, zum Beispiel wenn die wunderbare Caroline Hanke als Rosa Luxemburg von einer Kanzel herab erklärt, wie fehlende Teilhabe an einem Dortmunder Gymnasium aussieht. Da ist das Arbeiterkind hin- und hergerissen zwischen dem Neid auf Markenklamotten und dem Auftrag der Eltern, „was Besseres“ zu werden, bis es merkt, die anderen Kinder sind nicht „besser“, sie haben nur mehr Geld. „Kein Kind bleibt zurück“ fällt einem ein, der Wahlslogan der Ex-Ministerpräsidentin von NRW, Hannelore Kraft, der sich einfach nicht einlösen will bei Kindern, die bereits in Hartz-IV-Haushalte hineingeboren werden.

Rauf, runter. Und tschüs

Das Absingen alter Arbeiterlieder hilft zwar keinem, dafür kommt eine schöne Wehmut auf. Dies besorgt einerseits der Chor der Dortmunder Tafel und als absoluter Höhepunkt der Steigerchor von der Zeche Viktoria, steinalte, ehemalige Bergleute, die aus der Unterbühne emporgefahren werden und nach der Gesangseinlage gleichsam wieder „in die Grube“ fahren. Eine makabre Idee Rainald Grebes, leider lustig. Unsere Herzkammer ist die erste Stückentwicklung und Regie am Schauspiel Dortmund des Kabarettisten und Satirikers, der berühmt wurde mit seiner genialen Anti-Hymne auf das abgehängte Brandenburg.

Ein Treffen im Alte-Tanten-Café Kleimann in der Dortmunder Innenstadt. Geplaudert wird im Beisein zweier grauer Aras, die zwischendurch rumschreien. Über die Liebe zur SPD, die Grebe nicht hat, da gebe kein besonderes emotionales Verhältnis. Es erklärt, warum er bei Arbeiterliedern nicht gleich in Tränen ausbricht, wie das Gastarbeiterkind, mit dem Grebe hier spricht. Arbeiterkind ist Grebe auch nur so halb, der Vater ein Schlosser, der mit 24 das Abitur nachholte und sich zum Professor hochbildete, die Mutter Lehrerin, die Inszenierung eine Auftragsarbeit. Vielleicht tut diese Distanz auch gut.

Es habe bei den Besuchen in den Ortsvereinen für die Recherche „so eine Grundsympathie“ bei ihm geherrscht, erzählt er. Er habe von Anfang an keine Lust auf ein „SPD-Bashing“ gehabt, wollte nicht weiter auf diese Partei im Niedergang draufhauen. Grebe ist als Kind der 70er Jahre mit Schmidt als Kanzler aufgewachsen, „der hatte Manieren, der war staatsmännisch“ – und dann wäre der Kohl gekommen.

Gibt es denn das Klischeebild von einem „Sozen“? In seiner „Hometown“ Frechen (die er auch so schön besang) wären damals ja alle Lokalpolitiker von der SPD gewesen, sagt der gebürtige Kölner, hemdsärmelig und kumpelhaft der Politikstil, so zwischen Klüngel und Seilschaften. Dann kam irgendeinmal ein Bürgermeister von der CDU, der sei aber genauso gewesen.

„Wofür steht die SPD?!“, fragt Christian Freund, im Stück ein gebeutelter Sozialdemokrat, und antwortet sich selbst, „für Bildung, digitalen Fortschritt, soziale Sicherheit“. Dabei hält er die Arme in die Höhe wie ein Heiland. Anke Zillich führt hauptsächlich durch die Revue, in der alles irgendwie „oll“ wirkt, sie erinnert sich sentimental an „Zeiten, wo jeder Haushalt im Ruhrgebiet ’ne Taube aufm Dach hatte“. Auch einen Spatz in der Hand?, will man fragen, lässt es aber, denn da schwebt bereits Marlena Keil als Riesentaube über der Szenerie. Nach Kaffee und Kuchen gibt’s nun Bockwurst und Kartoffelsalat. Keil intoniert Sing mir ein kleines Arbeiterkampflied der 80er-Jahre-Band Foyer des Arts. Es ist das Avancierteste, was hier rumkommt. Trotzdem: Es ist ein guter, fast liebevoller Abend geworden.

Ist die SPD der „Kollege aus dem Osten“, den Uwe Schmieder als begeistert Kauderwelsch quatschenden Ostpolitiker gibt und der später als Kurt Schumacher die berührendste Rede des Abends hält? Ist sie „DJ Alexander“, den Andreas Beck als traurige Ich-AG mit Dauergrinsen verkörpert und der in Dauerschleife Songs vom Genossen Roland Kaiser spielt? Ja, was meint denn Herzkammer SPD? Rainald Grebe weiß es auch nicht, es bräuchte vielleicht so eine „Abteilung Attacke“. Wie man aber zu den Rechten überlaufen kann, versteht er wirklich nicht. „Ich versteh die Republik nicht mehr!“, sagt er und klingt wie der Instrumentenbauer Miller aus Kabale und Liebe, der ja auch den Umtrieben der fürstlichen Kapitalisten so ratlos gegenübersteht.

Info

Unsere Herzkammer Rainald Grebe (Regie) Schauspiel Dortmund

Nermina Kukic wurde in Skopje, Jugoslawien, geboren. Sie wuchs im Ruhrpott auf

06:00 19.04.2019
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