Brülltonnenvariationen

Bericht In Caroline Rosales’ Memoiren einer Alleinerziehenden fehlt manchmal der Blick über den Sandkastenrand
Brülltonnenvariationen
So lange es innerhalb der eigenen vier Wände friedlich bleibt, ist alles gut

Foto: Anatolii Stepanov/AFP/Getty Images

Nein, ich kann jetzt keine Motten totschlagen, ich rezensiere gerade ein Buch!, keife ich wütend ins Kinderzimmer, wo das Kind trotz fortgeschrittener Nachtzeit noch immer nicht schläft, obwohl ich jetzt wirklich dringend mit der Arbeit fertig werden müsste. Das Buch, das vor mir liegt, ist Caroline Rosales’ Single Mom. „Mütter sind Brülltonnen“, lese ich darin gerade und fühle mich ertappt.

Eins sei vorausgeschickt: Das Buch der Autorin und Journalistin, das erklären will, „was es wirklich heißt, alleinerziehend zu sein“, ist zugleich unterhaltsam wie melancholisch. Wir begleiten Rosales bei den ersten Schritten ins Single-Leben nach der Trennung vom Vater ihrer beiden kleinen Kinder. Die Bezeichnung „Abenteuer“ wäre da ein himmelschreiender Euphemismus, denn Rosales versucht sich an dem Spagat zwischen Berufstätigkeit und Mutterschaft, dem Dasein als Autorin zwischen abgekauten Brotrinden, Ikea-Besuchen und Mütteranrufen, die stets nur schlechtes Gewissen machen. Es wird auch nicht leichter, als sie es nach einer Weile wieder mit dem Dating versucht – Dating, mit „Anhang“! Als seien Tinder und Co. nicht ohnehin schon die Friedhöfe unserer romantischen Begierden. Immerhin entdeckt die Autorin hier auch Vorteile der Mutterschaft: Im Notfall rettet die Behauptung, das Kind sei plötzlich krank geworden, vor der Fortführung eines verheerenden Dates.

Wer Rosales’ frühere Bücher oder den von ihr mitgegründeten Blog Stadt Land Mama gelesen hat, wird ihre zentralen Themen wiederentdecken: die Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Mutterschaft, der ewige Kampf mit dem schlechten Gewissen der Working Mom, der schwierige Abschied vom Dasein als Supermutter. In Single Mom begegnet man zudem dem Horrorkabinett der Mütterlichkeit: um ihre Kinder helikopternde Übermütter, die hochgebildet sind und trotzdem für ihr Kind jahrelang den Beruf aufgeben, Homöopathie für ernst zu nehmende Medizin halten und abschätzig die Nase rümpfen, wenn das Kind in Wegwerfwindeln gelegt wird. Schlimmer als deren Einrichtung in cleaner Manufactum-Wohnatmosphäre ist nur das geheuchelte Mitleid für die Single Mom.

Und wo sind die Single Dads?

Die erlebt ja tatsächlich eine Art Vertreibung aus dem Paradies: Von der schönen Wohnung in Berlin-Prenzlauer Berg geht es direkt in den berüchtigten Wedding. Man könnte annehmen, dass Rosales hier Alleinerziehenden begegnet, die andere Sorgen haben als die Frage, ob Kekse mit Dinkelmehl gebacken wurden. Akuter Armutsgefährdung beispielsweise. Die bisweilen sehr traurige Realität Alleinerziehender, die von staatlichen Transfers leben müssen, weil fehlende Kitaplätze und mangelnde Unterstützung durch Ex-Partner die Berufstätigkeit erschweren oder unmöglich machen, begegnet im Buch nur am Rande. Und zwar nicht in Form konkreter Personen, sondern lediglich als medial vermittelte Gestalten aus RTL2-Vorabendsendungen. Die werden von Rosales auch pflichtbewusst bemitleidet – für ihre sozioökonomische Situation ebenso wie für die Elendsinszenierung durch Journalistenkollegen. Nur fragt man sich angesichts des Dauerschimpfens auf überkandidelte Mittelschichtsmütter, warum Rosales hier im Wedding, vielleicht am Spielkastenrand, nicht mal Kontakt aufnimmt mit der etwas bodenständigeren Sorte Mütter.

Alleinerziehende, auch das lernen wir, sind eben keine homogene Gruppe. Ihre Lebenslagen unterscheiden sich massiv, und das nicht nur abhängig von ihrem sozioökonomischen Status. Wer wie Rosales einen Mann hat, der sich auch nach der Trennung um die Kinder kümmert, hat es leichter als eine Mutter, die weder materielle noch praktische Unterstützung durch den Ex-Partner erfährt. Es wirkt dann auch merkwürdig, wenn Rosales einerseits die Doppelbelastung durch Arbeit und Kinder beklagt, aber andererseits die Möglichkeit, dass die Kinder die Hälfte der Zeit mit dem Vater verbringen, konsequent ablehnt.

Die Gegebenheiten der Arbeitswelt würden sich womöglich rasch ändern, wenn Trennungsväter die Sorge zur Hälfte übernähmen. Die gegenwärtige Standardregelung – Papa bekommt die Kinder alle zwei Wochenenden – orientiert sich nämlich just an den Bedürfnissen arbeitender Väter. Müssten auch Single Dads ab und an mal die Arbeit verlassen, weil das Kind im Kindergarten fiebert, wäre den Single Moms womöglich der Nimbus der wenig verlässlichen Arbeitskraft genommen. Apropos verlässlich: Wie Sie sehen, habe ich diesen Text trotz nächtlicher Mottenangriffe auf mein somnambules Kind zu Ende gebracht. 1:0 für die Single Mom!

Info

Single Mom. Was es wirklich heißt, alleinerziehend zu sein Caroline Rosales Rowohlt 2008, 208 S., 9,99 €

06:00 21.08.2018

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