Brütsch was?

Hallo Ich gebe Deutschstunden für Start-up-Leute aus aller Welt. Die staunen über vieles hier. Ich staune zurück
Brütsch was?

Illustration: Susann Massute für der Freitag

Die Welt lerne ich nicht kennen, indem ich herumkomme und fremde Sprachen spreche, sondern indem andere herkommen und bei mir Deutsch lernen. Meine Schüler kommen nicht als Flüchtlinge. Sie sind jung, gut ausgebildet, wollen in Berlin leben und arbeiten. Wenn wir nach 60 Unterrichtsstunden Futur behandeln, dann fallen Sätze wie „In zehn Jahren, ich bin gegangen zurück in Australien und werde haben zwei Kinder“ oder „In zehn Jahren, ich will haben mein eigenes Firma in Bolivien“.

Als Ausgleich für die geringe Bezahlung wird diesen hippen jungen Start-up-Mitarbeitern aus den USA, England, Russland, Spanien, Schweden ein- bis zweimal pro Woche kostenloser Deutschunterricht angeboten. Während der Arbeitszeit. Sie arbeiten in Online-Unternehmen und weltweiten Firmen, die sich in Berlin angesiedelt haben. Ich unterrichte sie in ihren eigenen Meetingräumen. Meist sitzen fünf bis zehn gut gekleidete junge Leute vor mir und verstehen kein Wort. In der Firma wird Englisch gesprochen. Auf den Berliner Straßen, in Cafés und Geschäften auch und Zuhause in der WG sowieso. In der ersten Unterrichtsstunde ist es jedes Mal dasselbe. Ich kenne die panischen Blicke, wenn den Teilnehmern klar wird, dass ich nichts ins Englische übersetze.

Ich weiß, wie sie sich fühlen. In der internationalen Sprachschule, für die ich arbeite, wurden mir in meiner Ausbildung zur muttersprachlichen Deutsch-als-Fremdsprache-Trainerin ein paar Sätze Suaheli beigebracht. Ich war hin- und hergerissen zwischen Stress und Interesse. Ich kann die Schüler in drei Gruppen einteilen. Ein Drittel gerät in Panik, ein Drittel ist neugierig und ein Drittel schlägt sich auf die eine oder andere Seite, je nachdem, welche stärker ist.

Anhand dieser kleinen Gruppen kann man sehen, wie es im Großen funktioniert. Es ist nämlich ein Irrtum, dass alles Fremde erst mal Angst macht. Offenbar macht das Fremde erst mal nur einem Drittel Angst.

„Wann sprecht ihr im Alltag Deutsch?“, frage ich die Schüler und bekomme immer dieselben Antworten: „Mit Hausmeister, in Späti, bei Bürgeramt.“ Mit deutschen Kollegen oder Freunden wird Englisch geredet. „Richtet euren deutschen Freunden aus, sie sollen Deutsch mit euch sprechen. Um ihr Englisch zu verbessern, sollen sie sich selbst bewegen und es sich nicht von euch kostenlos beibringen lassen“, schimpfe ich. „Das ist eure Hausaufgabe!“

Angst vor Einsamkeit

Anfangs kenne ich die innerbetrieblichen Hierarchien noch nicht, aber mit der Zeit zeigt sich, wer zur Chefetage gehört. Die Mitarbeiter vermeiden es, das Lerntempo des Chefs zu übertreffen. Das wird vor allem dann deutlich, wenn der Chef krank ist und die Schüler plötzlich zeigen, was sie wirklich können.

Ich habe schnell gelernt, dass es keinen Sinn hat, anhand des Aussehens Vermutungen anzustellen, woher ein Schüler kommt. Wenn ich Namen, Herkunft und Sprachkenntnisse abfrage, ergibt sich bei den meisten ein Konglomerat aus drei bis sechs Nationalitäten. Eine philippinisch aussehende Frau ist in Norwegen aufgewachsen und hat jahrelang in Afrika gearbeitet. Ein Mädchen mit russischem Namen ist in Dublin geboren und spricht noch Griechisch und Portugiesisch. Ein Mann mit arabischem Namen spricht Französisch, Farsi und Spanisch, ist in der Schweiz zur Schule gegangen, spricht aber kein Deutsch. Die Frage „Woher kommst du?“ ist oft nicht mit einem Satz zu beantworten.

Manche wirken wie Suchende, die reisen, um den Ort zu finden, an dem sie leben wollen. Die Ziele sind verschieden. Freiheit, Karriere, Sicherheit. Die Welt steht ihnen offen. Einige kommen aus gut betuchten Elternhäusern. Warum sollten sie zu Hause bleiben? Noch nie habe ich erlebt, dass ein Teilnehmer es abgelehnt hätte über persönliche und familiäre Themen zu sprechen. „Wovor hast du Angst?“, fragt eine Themenkarte, die man ziehen, und im ganzen Satz beantworten soll. Wir lernen wovor, womit, wodurch... „Ich habe Angst vor Spinnen“, schlage ich vor. Stattdessen antwortet der Franzose „Einsamkeit“. Fern ihrer Familien reden die Schüler offen.

In einer zufällig männerlosen Gruppe reden wir über Tinderdates. Die jungen Frauen sind sich einig, dass man einen Mann, mit dem es im Bett nicht funktioniert, gar nicht erst kennenlernen muss. Dass es im Bett nicht funktionieren kann, wenn man sich nicht kennt, sage ich und komme mir vor wie meine Großmutter. Die Frauen wollen frei sein, wollen sich austoben. Das Heimweh wird verdrängt.

Die Herkunft erkenne ich oft anhand des Akzentes und der Sprachfehler. Ungarn sagen nicht ein, statt kein. „Ich habe nicht eine Lust auf Kino.“ Spanier sagen w statt b und b statt w, nehmen ein Bannenwad in der Wadebanne und Amerikaner, Kanadier und Engländer sprechen au wie ü, ch wie tsch, e wie i, so dass „ich brauche“ „itsch brütschi“ gelesen wird, was mir inzwischen körperlichen Schmerz verursacht. Dafür lasse ich sie üben: „Widerrechtlich abgestellte Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt“. Wer nur seine Muttersprache kann, hat es am schwersten: My tongue can not do that! Die meisten Schüler sind Anfänger auf A1 Niveau und oft ist es frustrierend in jeder Gruppe wieder von neuem zu beginnen mit: „Ich heiße ...“, „Ich komme aus...“. „Ich spreche Englisch, Portugiesisch und ein bisschen ...“ Ich möchte irgendwann über Persönliches und Alltägliches mit ihnen sprechen können. Die Schüler sollen ein Diskussionsthema wählen. „Tiere in der Stadt“, „Heiraten“ oder „generationenübergreifendes Wohnen“.

Ein junger Mann aus Kiew, sagt wie erstaunt er darüber sei, dass es in Deutschland für Frauen möglich ist, unverheiratet zu bleiben, erst mit vierzig Kinder zu bekommen, oder gar nicht und trotzdem nicht zu sterben. Ich denke, er verwendet das Wort sterben falsch, weil er vielleicht den passenden Ausdruck nicht kennt. Aber eine andere Ukrainerin und ein Mann aus Moskau stimmen ihm zu und erzählen, dass es für Frauen über vierzig einem Todesurteil ähnelt, unverheiratet und kinderlos zu sein. „Hast du kein Familie, du bist tot.“ „Kannst du nicht leben so.“ Die Pauschalsätze werden nickend bestätigt. Inzwischen weiß ich, dass fast alle russischen und ukrainischen Teilnehmer mit Mitte zwanzig mindestens ein Kind haben. Einige wollen in Deutschland bleiben, haben deutsche Partner, andere wollen mit ihren Erfahrungen zurück nach Hause oder woandershin und gute Jobs bekommen. Berlin, Boston, mal-sehen-wo-dann.

Eine Mitte dreißigjährige Einzelschülerin, die in Sibirien aufgewachsen ist, unterrichte ich im Intensivkurs und lasse mir ihr Leben erzählen. Das erste Kind bekam sie mit 17, das zweite mit 22 und das Dritte mit 30. Es gibt zu jedem Kind einen anderen Vater. Hätte sie es mit den Kindern nicht rechtzeitig nach Moskau geschafft, weil ihre Eltern jahrelang für die Flüge sparten, wären sie verhungert, sagte sie. In Moskau bekam sie temporäre Jobs, lernte einen Schweizer kennen und wurde zum vierten Mal schwanger. Bauchhöhlenschwanger. Sie musste operiert werden. Aber nicht in Moskau, wo man ohne Geld lieber nicht operiert werden sollte. Bei der Operation in der Schweiz fand sich ein gutartiger Tumor in ihrem Bauch, den man aus ihrem 48 Kilo Körper nicht gleich herausoperieren konnte, weil sie es nicht überlebt hätte. Sie hatte Glück, wohnt mit den Kindern in Berlin. Zu der zarten, disziplinierten jungen Frau, schön wie eine russische Prinzessin, mit perfekt manikürten Fingernägeln, scheint diese Geschichte nicht zu passen. Sie wirkt mit ihren hohen Schuhen beängstigend dünn und erzählt ihre grausame Lebensgeschichte lachend. Wie man nur so viele Kinder kriegen könne ohne gesicherte Existenz, fragt mich eine Freundin, der ich von der Russin erzähle, weil ich es nicht fertig bringe, solche Geschichten für mich zu behalten. „Warum kapieren diese Menschen das nicht?“, stöhnt sie und schlägt sich die Hand gegen die Stirn. „So ist die doch nie abgesichert!“ Wie sehr es sich unserer deutschen Vorstellungskraft entzieht, ein Leben zu führen, in welchem man gebildet, zielstrebig und ehrgeizig sein kann, ohne damit die geringste Aussicht auf finanzielle Sicherheit zu haben.

Die Freundin lebt im westdeutschen Reihenhaus und ihr Plan: fester Job, gutes Einkommen, Haus kaufen und mit Ende dreißig zwei Kinder bekommen, ist aufgegangen. Sie scheint zu denken, diese Möglichkeit „alles richtig zu machen“ stünde jeder Frau offen, die nur beharrlich ihr Ziel verfolgt. „Diese Russin muss das doch gemerkt haben, wenn sie in Moskau einen Job bekommen hat, dass es der richtige Weg ist aus der Armut herauszukommen.“

Eine Welt, in der man auf materielle Werte nicht bauen kann, weil keine erreichbar sind, kennt meine Freundin nicht. Kinder zu bekommen bedeutete für die Russin, sich selbst am Leben zu erhalten und dem aussichtslosen Dasein mit schlecht bezahlten, befristeten Jobs wenigstens einen Sinn zu geben. „Aha?“ sagt meine Freundin. Sie guckt, als würde ich Suaheli sprechen.

Meine Sprachschüler aus religiösen, oder konservativen Gesellschaften dagegen wundern sich eher darüber, dass es für Frauen auch andere Möglichkeiten geben kann, als möglichst früh einen Ernährer zu finden. Manche halten es für die Dekadenz einer zu reichen Gesellschaft.

06:00 18.06.2018

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