Bücher, Filme und Musik

Ästhetisches Erleben In seinem Roman »Siesta mit Blanca« beschreibt Antonio Muñoz Molina das Leben einer Generation als Fälschung

Seit Mitte der 80er Jahre beweist Antonio Muñoz Molina mit seinen Romanen, Erzählungen nun schon, dass die spanische Sprache inzwischen durchaus für das Erotische und Amouröse taugt. Zu Recht war ihr diese Qualität noch Mitte der 60er Jahre von dem großen argentinischen Schriftsteller Julio Cortázar abgesprochen worden. Muñoz Molina gilt in Spanien und Lateinamerika als der »spanischste« der spanischen Autoren der Gegenwart. Diese Einschätzung hat nichts mit »in der Tradition stehen« zu tun, denn Muñoz Molina mischt in seinen Romanen verschiedene Genres und Erzählformen zu einem Pastiche: Detektiv-, Kriminal- und Liebesroman, sozialen Realismus und eben - Erotisches. Nach dem dicken, dicht erzählten Thriller Die Augen des Mörders (2000) wartet der vielfach preisgekrönte Schriftsteller, Mitglied der spanischen Akademie für Sprache mit einem kleinen Meisterstück über Erotik, Sexualität, Liebe, Leidenschaft und Ehe auf in einer Zeit in der das Leben zum Simulacrum wird. Der Originaltitel In Abwesenheit von Blanca zeigt an, dass es um mehr als um mediterran-andalusische Erotik geht, die der deutsche Titel Siesta mit Blanca suggeriert.

Erzählt wird die Liebesgeschichte eines ungleichen Paares: Mario ist ein in Liebesdingen unerfahrener Provinzler, ein Bauernsohn, der zum Verwaltungsbeamten aufgestiegen ist. Blanca hingegen kommt aus der Stadt, als Tochter aus bürgerlichem Haus absolvierte sie ein Studium, sie interessiert sich für Politik, Kultur, vor allem aber für Kunst. Dem Genre des Fortsetzungsromans angemessen - die Novelle erschien in Spanien zunächst als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung - rettet Mario seine Blanca aus Depressionen, Drogenmissbrauch und unglücklichen Liebesabenteuern. Sie heiraten, nach sechs Jahre Ehe zerbricht die Beziehung.

Muñoz Molina benutzt diesen banalen Plot um noch einmal - diesmal aus der Perspektive der Provinz, aus seinem andalusischen Jaén - die bewegte Zeit Anfang, Mitte der 80er Jahre in Spanien aufzurollen, jene Hochphase der auf Madrid konzentrierten Künstlerbewegung movida für die das Kino Pedro Almodóvars, aber auch Musik, Tanz und Literatur stehen. In diesen Jahren - 1986 tritt Spanien der NATO bei - durchlebte das Land einen rasanten Modernisierungsschub. Im Zuge dieses Aufbruch fand der Anschluss an internationale Entwicklungen statt, zum Beispiel entwickelte sich ein neuer Lifestyle. Die Kleiderordnung wandelte sich: Künstler, die etwas werden wollten tauschten Rollkragenpullover, Cordhosen und die festen Schuhe »eines proletarischen Realismus oder amerikanisch abstrakten Realismus, gegen »eine Aufmachung in der enges schwarzes Leder, Zebrastreifen oder Leopardenfellimitat nicht fehlen durften« und die Wahl eines Haarschnitts wurde so existenziell wie in den siebziger Jahren eine politische Richtung.

Muñoz Molina setzt in einem Rückblick dieses Stück jüngster spanischer Geschichte, die movida mit ihren Verrücktheiten noch einmal in Szene und analysiert mit inquisitorischem Blick die starken Gefühle und brennenden Kunstinteressen der movida-Gemeinde: »In den achtziger Jahren übten alle Freunde Blancas irgendeine Form von Kunst aus, wozu sie auch das Kämpfen mit Stieren, das Schneiden von Haaren und das Singen von Volksliedern zählten. In den undurchschaubaren Hierarchien dieser Leute wurde Schneidern, Friseuren und Sängern flamencoartiger Lieder die gleiche Verehrung entgegengebracht wie Malern oder Bildhauern«. Kleine Episoden beschreiben die Abwehrreaktionen, die Muñoz Molinas Protagonist Mario gegen die kulturellen Begleiterscheinungen des alles verändernden Modernisierungsschubs zeigt.

Auf den obligatorischen Kulturwallfahrten mit Blanca nach Madrid bekommt Mario Allergien wenn in Gesprächen mit Blancas Künstlerfreunden Schlüsselworte wie »multimedia«, »Performance«, »virtuell«, »on stage« fallen. Angesichts der ausgestellten Selbstporträts der mexikanischen Malerin Frida Kahlo wird Mario die Zunge pelzig und Antonio Tàpies »(der glücklicherweise nicht in Blancas Kulturkanon auftauchte)« verursachte »eine Mischung aus verdrießlicher Schwermut und Sodbrennen.« Für ihn, der sich selbst eher als »Mann des Löffels« denn der Gabel bezeichnete, Mario bevorzugt Eintöpfe und Hausmannskost, sind die neu aufkommenden kulinarischen Genüsse einer »Vichyssoise«, der Besuch einer »Sushi-Bar« ein Gräuel. Er würde »wohl nie mehr lernen, was Gnocci, Pesto, Carpaccio oder Enten-Magret war, gar nicht zu reden von der fernöstlichen Küche«.

Muñoz Molina nimmt auch das zentrale Anliegen der movida, die verspätete sexuelle Befreiung - denn eine 1968er Bewegung hatte es im repressiven Franco-Regime nicht einmal ansatzweise gegeben - aufs Korn: Mario arbeitet sich an Blancas »Libidographie« ab, an ihrem früheren Liebesleben als Muse von Künstlern und Intellektuellen. Mit der Zeit gelingt es Mario sogar, fast alle »Freunde Blancas zu mögen, vor allem die homosexuellen, von denen er nichts zu befürchten hatte«. In Blancas späterer Libidografie gibt es einen Fotografen, einen angehenden Regisseur und einen opernbegeisterten Universitätsprofessor. Als Hinterlassenschaft der Liebesbeziehungen blieben - lange nachdem sie die Männer verlassen hatte - bei Blancas künstlerische Leidenschaften: »Cartier-Bresson, Turandot, Eric Rohmer«. Was das Gefühlsleben Blancas betrifft, lebt sie in der Welt von Alma Mahler, Misia Sert und Lou Andreas Salomé, deren Biografien sie sammelt und liest. Muñoz Molina beschreibt das Leben Blancas - und das einer ganzen Generation - als Simulacrum, als Fälschung. Sie lebt das Leben »anderer«, ihr »Erleben« findet einzig im ästhetischen Erleben, im Konsum von Kunst, sei es im Programm Metrópolis des deutsch-französischen Kanals Arte, im Eintauchen in die Welt der Bücher, Filme und Musik Erfüllung und Intensität: »Boleros und Tangos eroberten in jenen Jahren Blancas Musikgeschmack, und man hörte sie auch in der einen oder anderen Cocktailbar, in die sie an Wochenenden gingen«.

Die Schlagzeile der spanischen Presse Mario Bovary in Anlehnung an Flaubert ist vielleicht eine gute Werbung, aber sie gibt nicht viel her um die Ambivalenz der Geschichte, die Abgründe von Liebe und Erotik zu erfassen. Das Leben als Simulacrum, als Fälschung könnte eher einen Schlüssel zum Verständnis der skurrilen Wendung der Liebesgeschichte liefern. Mario lebt am Ende, als er sich sicher war, dass Blanca nicht zu ihm zurückkehren würde weiter mit einer Fälschung Blancas, »mit einer Frau, die Blanca so ähnlich war, aber nicht Blanca war«, der »Doppelgängerin oder dem Blanca fast perfekten Double«.

Antonio Muñoz Molina: Siesta mit Blanca. Roman. Deutsch von Willi Zurbrüggen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2003, 110 S., 14,90 EUR

00:00 21.03.2003

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