Buchstabe A auf Deutsch und auf Arabisch

Projekt interkulturelle Erziehung Eine katholische Grundschule in Bonn-Mehlem macht vor, wie Kinder von Migranten und von Deutschen voneinander lernen können

An dieser Schule werden Weltbürger herangezogen, junge Menschen, die wirklich offen für alle Kulturen sind. Wir akzeptieren nicht nur unterschiedliche Kulturen, wir zelebrieren sie geradezu." Hans Lauterbach ist von der Schule seiner beiden Söhne begeistert. Sie kostet Schulgeld, das höher ist als das Jahreseinkommen mancher Eltern an normalen, ethnisch gemischten Schulen. Seine Söhne besuchen die International School im Düsseldorfer Nobelvorort Kaiserswerth. Und die Firma zahlt das Schulgeld dafür, dass Lauterbachs Söhne in einer multikulturellen Umgebung groß werden und mit Kindern aus zig Nationen in einer Klasse sitzen. Und warum ist Multikulti in der Grundschule um die Ecke ein Problem? Ganz klar - weil es dort nicht die wohlerzogenen Managerkinder sind, sondern die von leseunkundigen türkischen Müttern, von Müllwerkern und Bandarbeitern.

In Bonn-Mehlem, einem dörflichen Vorort der ehemaligen Hauptstadt, versucht eine ziemlich normale Grundschule, eine gute internationale Schule zu sein - ohne Schulgeld und soziale Auslese. Vor zehn, fünfzehn Jahren wohnten hier noch Botschaftsangehörige aus aller Herren Länder, heute ist es eine gemischte Bevölkerung - Deutsche, Aussiedler und ausländische Arbeitnehmer. Hier steht die Fahd-Akademie, eine von Saudi-Arabien unterhaltene islamische Schule. Sie geriet 2004 in die Schlagzeilen, weil in ihr angeblich zum Dschihad, zum Glaubenskrieg aufgerufen wurde. Keine fünf Minuten davon entfernt in der Domhofstrasse ein Schulgelände aus den sechziger Jahren, zweistöckige Gebäude, die sich in ihrer flachen Bauweise an die umliegenden Einfamilienhäuser anpassen, umgeben von betonierten Freiflächen. Bis vor drei Jahren waren hier zwei Grundschulen untergebracht, eine katholische und eine Gemeinschaftsgrundschule. Unter den rund 3.400 öffentlichen Grundschulen in Nordrhein-Westfalen sind mehr als 1.000 katholische Bekenntnisschulen. Sie können von den Eltern verlangen, dass sie sich zu einer Erziehung gemäß den katholischen Grundsätzen bekennen - damit kann man schon mal die meisten Muslime abschrecken. In der katholischen Schule in Mehlem waren höchstens ein Fünftel der Kinder aus Migrantenfamilien, an der Gemeinschaftsgrundschule dagegen saßen nur noch zwei deutsche Kinder unter lauter jungen Migrantinnen und Migranten in der ersten Klasse. Diese Segregation, noch dazu auf einem Schulhof, konnte nicht gut gehen. Die sozialdemokratische Stadtverwaltung wollte die Schulen zusammenlegen. Und da die katholische Schule nun mal besser funktionierte und die größere Akzeptanz hatte, bekam sie den Zuschlag. Nun kann sie freilich keine Bekenntnisse mehr von ihren Schülern und Eltern verlangen. Aber das will Schulleiterin Annie Kawka-Wegmann auch nicht, denn sie wollte aus ihrer Schule eine interkulturelle machen. Die erste Klasse, in der sie selbst unterrichtet, besteht zur Hälfte aus Migrantenkindern. 160 der 350 Schülerinnen und Schüler stammen aus 30 verschiedenen Herkunftsländern, von Algerien bis Zypern, die meisten kommen aus Arabisch sprechenden Ländern.

Erstleseunterricht in Frau Kawkas erstem Schuljahr. Sie und Frau Mbaja, die Arabischlehrerin, heften Zettel mit den deutschen und arabischen Sätzen an die Tafel: "Die Katzenkinder sind drei Tage alt. Sie trinken bei der Mutter." Die Kinder lesen vor, ordnen arabische Sätze den deutschen zu. Sie ergänzen Satzlücken. Die deutschen Sätze werden von allen Kindern bearbeitet, es gibt auch einige deutsche Kinder, die schon die arabischen Sätze vorlesen können. Mal führt die deutsche Lehrerin das Unterrichtsgespräch, mal ihre arabische Kollegin. Dann kümmert sich Frau Kawka um den deutschen Jungen, der am Rande sitzt und immer dazwischen quatscht. Annie Kawka spricht ruhig und bestimmt, Bahija Mbaja, die Arabischlehrerin wirbelt durch die Klasse, sie sprüht vor Temperament. Wie die deutsche Grundschulrektorin bezieht sie alle Kinder in ihr Unterrichtsgespräch ein, notfalls mit ein paar Brocken auf Deutsch. "Wir erziehen die Kinder gemeinsam, wir legen großen Wert auf Disziplin. Und die Kinder wissen, dass wir die gleichen Erziehungsvorstellungen haben", meint Annie Kawka. "Die Arabischlehrerin achtet sehr darauf, dass die Kinder gut Deutsch lernen und sie hat natürlich bei den Eltern einen großen Stellenwert."

Die beiden Lehrerinnen arbeiten nach dem Konzept der "koordinierten Alphabetisierung im Anfangsunterricht", kurz: Koala. In drei Deutschstunden unterrichtet Frau Kawka zusammen mit der Arabisch-Lehrerin. Die setzt die Alphabetisierung im arabischen Muttersprachenunterricht fort. Der Normalfall an deutschen Schulen: Der Muttersprachenunterricht findet völlig losgelöst vom üblichen Vormittagsunterricht statt. Die MuttersprachenlehrerInnen machen ihr Ding, die Lehrer vom Vormittag kümmern sich nicht drum. Der einzige Vertreter der deutschen Schule, den die Muttersprachenlehrer kennen lernen ist der Hausmeister, alle anderen sind längst gegangen, wenn sie in die Schule kommen.

"Ich machte an einen Tag das A, und die Arabischlehrerin machte dann einen anderen Buchstaben - die Kinder waren völlig verwirrt", erzählt Annie Kawka. "Jetzt haben wir die Buchstaben parallel eingeführt und den Kindern deutlich gemacht, wo es Abweichungen gibt. Wir lesen Texte zu ähnlichen Themen. Für die Kinder ist es viel einfacher, sich zu orientieren und das Wesentliche ihrer Sprache zu erkennen." Sie lernen leichter Deutsch zu lesen und zu schreiben, wenn sie das neu Gelernte mit dem verknüpfen können, was sie schon wissen, also mit ihrer Muttersprache. Die Sprachkompetenzen der Migrantenkinder werden auf einmal gewürdigt und anerkannt. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein. Es entstehen Freundschaften über die ethnischen Grenzen hinweg. "Guck mal, Frau Kawka, was die können, die schreiben einmal nach links und einmal nach rechts", sagen die deutschen Kinder. Nun hat sich auch der Blick der Lehrerin auf diese Kinder verändert: "Ich sehe sie nicht mehr so defizitorientiert wie früher." Es ist die erste Klasse in Mehlem, in der koordiniert alphabetisiert wird.

Die Arabischlehrerin Bahija Mbaja ist Marokkanerin, sie kommt aus Frankreich. Sie spricht schnell und mit einem starken französischen Akzent. Neben den gemeinsamen Stunden mit der deutschen Lehrerin erteilt sie weiter Arabisch-Unterricht am Nachmittag. Sie habe furchtbare Angst davor gehabt, was da auf sie zukomme, die Zusammenarbeit mit der deutschen Lehrerin - das habe ihr schlaflose Nächte bereitet. Doch das erzählt sie nur, um ihre Begeisterung für diese Form des Unterrichts besser hervorheben zu können. "Warum haben wir nicht vor 15 Jahren damit angefangen?" Die Kinder lernen leichter Arabisch. Und im Deutschen sind die Erstklässler schon weiter als die Schüler aus dem zweiten Schuljahr. Der Stellenwert des Sprachenlernens hat sich für die Kinder geändert. Früher mochten sie den Nachmittagsunterricht in Arabisch nicht. Während die anderen Kinder schon spielten mussten sie noch die Schulbank drücken. Das hatten ihre Kinder als Strafe empfunden. Jetzt habe ihr Unterricht den gleichen Wert wie Deutsch oder Musik, sagt sie.

In Mehlem haben sich Muslime arabischer Herkunft konzentriert, unter ihnen zwar nicht der iranische Chefarzt, aber der syrische Diplom-Ingenieur. Viele sind bewusste Muslime, aber auch bildungsorientiert. Manche sind hierher gezogen, weil sie ihre Kinder auf die Fahd-Akademie schicken wollten, mutmaßt Frau Kawka. Die syrische Familie Bayazid zum Beispiel. Der jüngste Sohn besucht die erste Klasse bei Frau Kawka, zwei ältere Töchter sind auf der Fahd-Akademie. Frau Bayazid ist traditionell muslimisch gekleidet, mit langem Mantel und Kopftuch, sie ist vielleicht Ende 20. Ihr Deutsch ist perfekt. Sie und ihr Mann, ein Diplom-Ingenieur, sprechen sowohl Arabisch als auch Deutsch mit ihren Kindern. Ihre Kinder sollen beide Sprachen lernen. Ihr Sohn kann schon besser lesen und schreiben als ihre beiden älteren Mädchen auf der Fahd-Akademie, meint Frau Bayazid. Eine katholische Schule sei ihr allemal lieber als eine Gemeinschaftsgrundschule, "die Kinder wachsen hier religiös auf, da ist es für mich kein Problem, dass das katholisch ist. Mein Sohn hat hier seinen Religionsunterricht und die christlichen Kinder haben ihren." Auf eine Wertung, welche der Schulen denn nun besser sei, lässt sie sich nicht ein. Aber wenn ihre Kinder in Deutschland leben, dann sei es für sie besser, in die deutsche Schule zu gehen.

Auch, wenn Annie Kawka alle Kinder aufnimmt und ihre Schule interkulturell sein soll - katholisch ist sie doch. Es wird gemeinsam gebetet, da kommt dann nicht Jesus drin vor, und es wird auch kein Kreuzzeichen gemacht, "ein Stück Meditation halt", da können die Muslime mitmachen. Es hängen Plakate zum Ramadan an der Wand, Tod und Neuwahl des Papstes waren Thema für die ganze Schule. Schule ist eben mehr als Lesen und Schreiben zu lernen, und da sei ihr eine religiöse Orientierung hilfreich, meint die Schulleiterin. Die Kinder lernen, voreinander Respekt zu haben, und vor der Natur. Vorher, an der "rein katholischen Schule" habe sie sich nicht so intensiv mit religiösen Fragen auseinander setzen müssen, meint Annie Kawka.

Bernd Bauknecht ist Schwabe, er hat in Tübingen Soziologie und Islamwissenschaften studiert. Vor 12 Jahren ist er zum Islam konvertiert, heißt nun Ridwan und ist der Religionslehrer. Es gibt zwar keinen richtigen islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen, aber einen Modellversuch in islamischer Unterweisung, und die Mehlemer Schule nimmt daran teil. Muslime haben den Lehrplan mit beraten, aber im Unterschied zum Religionsunterricht der christlichen Kirchen wird diese Islamunterweisung ausschließlich unter Staatsaufsicht erteilt.

Es ist die fünfte Stunde, und Ridwan Bauknecht hat Mühe, die Aufmerksamkeit der Drittklässler zu gewinnen, vor allem die der Jungen. Er erzählt die Geschichte von Jussuf und seinen Brüdern, die es im Koran genauso gibt wie im Alten Testament. Er lässt die Kinder spielen, singen, irgendwie müssen sie sich jetzt abreagieren. Wie im christlichen Religionsunterricht geht es auch hier um die Grundbefindlichkeiten im Leben von Kindern - um Angst und Geschwisterneid, das Verhalten in Konflikten und so weiter. Die Mädchen sind ein wenig schüchtern, sie arbeiten brav mit, die Jungen versuchen, sicher auch weil Besuch da ist, den Macho herauszukehren. Ein für muslimische Erziehung typisches Verhalten? Bernd Bauknecht wehrt ab: Jungen sind nun mal anders drauf. Das sei bei den arabischen Kindern doch nicht anders als bei den deutschen.

Interkulturelle Schule zu sein, heißt für Annie Kawka-Wegmann, in den typischen Konflikten mit Muslimen nach dem "dritten Weg" zu suchen. Es kommt auf den gegenseitigen Respekt an, betont sie. "Da wird doch immer viel Macht ausgeübt, gerade in Konfliktfällen. Wenn die Eltern für ihre Tochter keinen Schwimmunterricht wollen, dann versuchen Schulleiter häufig, die Teilnahme mit Gewalt durchzusetzen. Das kann nicht der Weg sein. Die Beziehung muss stimmig sein, dann kann man schon miteinander Wege finden." Zum Beispiel, dass man eine besondere Kleiderordnung für den Schwimmunterricht aushandelt. Bis auf zwei Kinder nehmen nun alle daran teil. Das ist Kawkas Verständnis von religiöser Gebundenheit - die grundsätzliche Achtung vor der anderen Überzeugung - auch wenn das nicht gerade ein hervorstechendes Merkmal ihrer Kirche ist.

Die Schulleiterin findet, dass die Eltern noch mehr in die Schularbeit einbezogen werden könnten. Deshalb gibt es jetzt Elternabende, zum Teil auch nur für muslimische Eltern. Zusammen mit der Essener Jazz-Professorin Ilse Storb hat die Rektorin zwei interkulturelle Musikabende veranstaltet. Es gibt Über-Mittags-Betreuungsangebote für die Kinder, Sprach- und Computerkurse für die Mütter.

Noch ist es zu früh, um ein wissenschaftlich fundiertes Urteil über Erfolg oder Misserfolg der interkulturellen Grundschule in Mehlem abzugeben. Aber die Beteiligten sind sich bereits sicher: Es ist ein Erfolg auf der ganzen Linie. Nicht nur die Atmosphäre ist besser, auch die Leistungen, denn sonst würden die deutschen Eltern protestieren, ist Annie Kawka überzeugt. "Vielleicht hat man die Migrantenkinder früher unterfordert. Die ausländischen Kinder, da muss man doch etwas zurückschrauben, hieß es immer. Das Gegenteil ist richtig. Man muss das Niveau hoch ansetzen und muss sagen, du musst das schaffen."

Eine gut funktionierende interkulturelle Schule ist nicht nur für den Preis sozialer Exklusivität zu haben, wie in der International School of Duesseldorf, die ja keine wirklich interkulturelle Schule ist, weil die schichtspezifische Kultur doch recht homogen ist. Eine gemeinsame Schule für alle Kinder, und sei es, wie in diesem Fall unter dem Etikett "katholisch", ist möglicherweise sogar der Kern für gesellschaftliche Integration.


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00:00 19.08.2005

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