Büffeln am Nachmittag

Widersprüche Ganztagsschule heißt mehr Schule. Löst das alle Probleme?

Eines der Schlagwörter der laufenden Bildungsdebatte lautet "Ganztagsschule". Die Bildungsministerin, Frau Bulmahn, treibt das Zehnmilliardenprogramm für die bundesweite Einrichtung von Ganztagsschulen voran. Das Land Berlin baut Grundschulen in "verlässliche Grundschulen" um und aus. Worauf sich die Eltern, deren Kinder hier zur Schule gehen, mindestens verlassen können sollen, ist, dass diese nicht schon um 12 Uhr wieder zu Hause sind. Und sonst?

Da inzwischen alle, auch die CDU-Länder, auf die Linie eingeschwenkt sind, und diese sich höchstens noch dagegen wehren, dass über das Geld aus dem Bundeshaushalt SPD-Schulpolitik in die CDU-regierten Länder einsickern könnte, scheinen kritische Nachfragen unzeitgemäß zu sein. Doch auf dem Gebiet der Bildungspolitik ist es nicht anders als auf anderen: die Trendwenden schleifen sich ein, statt mit großen Doppelpunkten, gar mit Konzept- oder Theoriedebatten eingeläutet zu werden. Umso mehr lohnt es sich daran zu erinnern, dass dieselben PolitikerInnen, denen heute das Wort "Ganztagsschule" flüssig über die Lippen geht, in den siebziger Jahren gezetert hätten, die "sozialistische Bildungspolitik" wolle den Familien ihre Kinder "wegnehmen"; diese würden über Gebühr der "Kälte staatlicher Institutionen" ausgesetzt; individuelle Entwicklungen würden durch die "alles gleichhobelnde" Wirkung staatlicher Betreuung unterbunden oder zumindest verstümmelt.

Von all dem - keine Rede mehr. Was ist geschehen in den vergangenen 30 Jahren? Wo ist der gute alte Familiendiskurs der deutschen Konservativen geblieben? Hier scheint, ohne dass uns das einmal in Wort und Schrift ausführlich dargelegt worden wäre, und ohne dass sich dieser verblüffende Wandel in einer griffigen Vokabel verdichtet hätte, mehr geschehen zu sein als nur die Einfügung einer schulpolitischen Fußnote. Da muss sich das Verständnis von Familie und Kindheit neben dem der Schule tiefgreifend verändert haben.

Oder sollen wir unterstellen, der Mangel an Grundsatzdebatten deute darauf hin, dass der Trend zur Ganztagsschule rein pragmatisch gerechtfertigt wird? Vielleicht gibt die Politik einfach, wie die verbreitete Alltagsmentalität, der Tatsache nach, dass mehr als zwei Jahrzehnte Massenarbeitslosigkeit bei den Familien die aus anderen Ländern längst bekannten Verwüstungen hinterlassen haben. Wer wundert sich ernsthaft darüber, dass an existierenden Ganztagsschulen selbst nach vier Uhr nachmittags der Direktor auf seinem Weg zum Parkplatz auf eine komplette Fußballmannschaft trifft, die mit sanften Worten nicht vom Schulgelände zu scheuchen ist? Nach Hause? Welches zu Hause? So gesehen wäre der Trend zur Ganztagsschule nichts anderes als ein verschämtes Eingeständnis, dass die alten familienpolitischen Ziele nicht mehr erreicht werden können und dass demnach die Schule mit ihren Leistungen kompensatorisch eingreifen soll, wo die Familien versagen.

Nun, ganz so eindeutig ist die Lage sicher nicht, zumindest kann diese wahre Überlegung nicht verallgemeinert werden. Denn während die Fußballer noch gegen halb Fünf unwillig den Ball beim Hausmeister abgeben, haben andere Schüler/innen, nach einer Mittagspause, außerhalb der Schule längst zwei Stunden Reit- oder Ballettunterricht absolviert. Was soll den Multitalenten der immergrünen Stadtbezirke die Ganztagsschule, wo sie schon heute ihr Tagesprogramm kaum zwischen Frühstück und Abendbrot unterbringen? Oder soll der Staat sich etwa in die von scharfem Wettbewerb geschüttelte Szene freier Träger, Musikschulen, Reitställe et cetera einmischen und denen das Wasser abgraben? Das kann ja ernsthaft nicht die Absicht sein. So gesehen, könnte sich hinter dem Slogan der Ganztagsschule eine Strategie weiterer sozialer Zerklüftung der Bildung verbergen, auch wenn es auf den ersten Blick ganz nach dem Gegenteil aussieht. Steht doch "Ganztagsschule", seit ihren historischen Anfängen, für die Kompensation sozialer Bildungsnachteile unter der Regie des Staates. Also, Ganztagsschule für die Prols, die anderen dürfen mittags nach Hause gehen?

Dieser Verdacht verstärkt sich, wenn wir weitere Schlagwörter der Bildungsdebatte in die Analyse aufnehmen: Schnellläuferzug, Schulzeitverkürzung. Lässt sich doch eine ganze Serie von schulpolitischen Projekten unter den Generalnenner bringen: früher und schneller lernen. Viele Bildungsforscher schwärmen davon, ganz im Sinne ehrgeiziger Eltern, die wichtigsten Lernfortschritte bereits vor der Pubertät abzuschließen, was nur durch einen frühen Beginn, etwa des Erlernens von Fremdsprachen, zu verwirklichen ist. Diese Tendenz scheint darauf hinauszulaufen: möglichst kurz und intensiv in der Schule verweilen, dann etwas anderes tun. Man könnte meinen, dass dem eine ganztägige Schule wiederspricht, weil sie ja eine Ausdehnung, wenn man so sprechen darf, der Lebensschulzeit bedeutet. Hier könnte jedoch wiederum argumentiert werden, dass eben ein ganztägiges Angebot der Schule zur Intensivierung und somit zur Verkürzung der Schulzeit beitragen könnte. Unter diesem Gesichtspunkt könnten, unter bestimmten Bedingungen, Ganztagsschule und Beschleunigung des Lernens durchaus miteinander vereinbar sein.

In diesen Zusammenhang gehören die Argumente für die Ganztagsschule, die aus der PISA-Diskussion stammen. Von Finnland haben inzwischen alle gelernt, die es lernen wollten, dass der Schlüssel zum Schulerfolg in der individuellen Betreuung über das Regelangebot des Unterrichts hinaus liegt. In kleineren Lerngruppen können Schlüsselqualifikationen, die allein den Anschluss an die Altersgruppe gewährleisten, am Nachmittag nachholend erworben werden. Lernen statt Rumhängen, darauf läuft es hinaus. Und da kommt das große Fragezeichen an die deutschen Ganztagsschulgründer: Leistet sich der Staat tatsächlich ein qualifiziertes, Freizeit- wie Lernkultur der Kinder erweiterndes Angebot? Werden die Länder ihren Anteil zur langfristigen finanziellen Absicherung einer derart erweiterten Schule übernehmen?

Das Misstrauen kommt nicht von ungefähr. Viele Gesamtschulen wurden in den siebziger Jahren als Ganztagsschulen gegründet. Ihre Ausstattung mit Räumen und Personal war einmal auf eben dieses pädagogische Ziel ausgerichtet, nur ist mittlerweile alles - vom Medienwart über Laborantin zum Werkstattmeister - weggespart. Wie sollen wir einer Politik glauben, dass die neuen besser werden, wo sie doch die Verschlechterung des Ganztagsbetriebs der Gesamtschulen bis heute geduldet hat? Wo sind die pädagogischen Konzepte für den Nachmittag, die auf die Lebenslage der Kinder und Jugendlichen Antwort geben? Ein Schwerpunkt der Betreuung müsste, wie man sich das nach den Diskussionen der letzten Jahre vorstellt, auf einer individualisierten und teils spielerischen Aufarbeitung all der Defizite liegen, die der staatlichen Schule immer wieder vorgerechnet werden: Sprachdefizite bis hin zu Formen der Legasthenie, soziale Kompetenzen der SchülerInnen, dem Regelunterricht vorgelagerte Rechenschwächen (Dyskalkulie), psychologische Beratung, gegebenenfalls unter Einschluss der Eltern, Projekte am Rande der Schule unter Einbeziehung des Stadtteils. Zählen, um eine weitere Dimension der Ganztagsschule zu nennen, Eltern mit komplizierten Migrationsschicksalen, nicht zu Recht darauf, dass ihre Kinder in der Schule zusätzlich in dem Bemühen unterstützt werden, eine neue Heimat zu finden? Es ist eine Illusion zu meinen, diese vielfältigen Aufgaben könnten die LehrerInnen so nebenbei auch noch übernehmen. Die sind, machen wir uns nichts vor, ausgelutscht. Sie sind auch als Sozialarbeiter, Logopäden, Psychologen und Trapezkünstler auf dem Hochseil einer Einwanderungsgesellschaft nicht ausgebildet worden. Da müssen andere Leute mit ran. Wer bildet sie aus? Und wer wird sie dann auch einstellen?

Wie man sich dreht und wendet, die Ganztagsschule gerät unwillkürlich in gedankliche Nähe zu dem, was einmal polemisch sozialistische Rundumbetreuung genannt wurde. Man kann sich nicht genug darüber wundern, dass ein solches Konzept der heutigen Zeit einfach so unterläuft. Von den Konservativen einmal abgesehen, die Liberalen müssten doch ebenso dagegen Sturm laufen. Wo wird nicht überall gegen die allgemeine Versorgungsmentalität gewettert und gegen den angeblich allgegenwärtigen Zugriff des Staates auf das private Leben der Bürger. Wird nicht für andere Bereiche des Staates immer lauter gefordert, dieser solle sich auf seine Kernaufgaben zurückziehen? Derweil wird an Modellen gebastelt, die LehrerInnen zur Ganztagsbetreuung der Kinder ihre 40 und mehr Stunden in den Schule ableisten zu lassen. Wie vereinbaren sich solche Pläne mit dem neoliberalen Credo des "minimalen Staats"?

Also, noch einmal Abstand genommen und von vorn: Ganztagsschule heißt nun einmal, im einfachsten Sinne, mehr Schule. Mal ehrlich, und abgesehen von allen politischen Ideologien und ihren offensichtlichen Widersprüchen, - wollen nicht Kinder seit eh und je so schnell wie möglich aus der Schule heraus? Und haben sie nicht, was Erwachsene nur mit Mühe leugnen, damit irgendwo Recht? Auch liegt, wie immer und immer wieder analysiert wurde, die Institution Schule mit der Entwicklung der Gesellschaft über Kreuz. Das gilt, Finnland hin oder her, insbesondere für die beiden Grundfunktionen einer für alle gleichen Zwangsveranstaltung.

Die Spatzen pfeifen es, jetzt wieder zum Lehrjahrsbeginn, von den Dächern: Die Schule, so heißt es, schaffe immer weniger die Voraussetzungen, welche die Jugendlichen bräuchten, um den nächsten Lebensabschnitt mit Aussicht auf Erfolg beginnen zu können. Ähnlich klagen die Universitäten. Die Öffentlichkeit schließt daraus gern, dass die Schule einfach zu schlecht sei. Es bedeutet nicht unbedingt, notwendige Selbstkritik der Schule pauschal von der Hand zu weisen, wenn ein Teil des Problems an die Gesellschaft zurückverwiesen wird. Die Stellung der Sprache im Alltag, die Bedeutung und die "Kanäle" des Lernens haben sich, um nur zwei Aspekte zu nennen, außerhalb der Schule so dramatisch verändert, dass man sich mit gutem Recht die Frage stellen kann, ob die Schule überhaupt geeignet und fähig ist, die ihr gesteckten Ziele zu erreichen. Die Medienumwelten stellen ein derart vielgestaltiges Instrumentarium für selbstgesteuertes Lernen zur Verfügung, zu dessen Bedienungs- und Wirkungsweise das, was bisher Schule genannt wird, kaum über geeignete "Schnittstellen" verfügt. Darüber hinaus wird die Schule, egal, mit welcher Bildung die SchülerInnen sie verlassen, nicht mehr den Anspruch erheben können, ein bleibendes Fundament für ein ganzes Leben zu legen. Wie kann die Schule dann aber den Anspruch, mit ihren Abschlüssen über Bildungs- und Lebenskarrieren zu entscheiden, aufrecht erhalten wie vor 100 Jahren?

Die Soziologen haben uns zwei Jahrzehnte lang in den Ohren gelegen mit der Segmentierung und Ausdifferenzierung der Lebenslagen. Stimmt ja auch. Wie soll dann aber der Kern der Schule, nämlich die für eine Gruppe im Grundsatz gleiche Programmierung des Lernens, auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen passen, welche die Kinder prägen? Was Gleichheit der Chancen unter Bedingungen völlig verschiedener Lebenslagen und -perspektiven bedeutet, gehörte doch zuerst einmal neu, und zwar alternativ zur Ellbogenmentalität, ausbuchstabiert. Hier kommen Grundzweifel an der Schule auf. Die Gesellschaft meinte es sich leisten zu können, diese Grundzweifel zu unterdrücken und den Lehrerstand zum Sündenbock zu machen. Diese Verdrängung wird sich nicht endlos fortsetzen lassen. Die Probleme kommen in ganz schlichter Form zum Vorschein. Da schwänzen ganze Heerscharen von SchülerInnen die Schule. Da bleiben Tausende ohne Abschluss. Da wird das, was von der Schule erwartet, aber nicht geleistet wird, auf dem florierenden zweiten Bildungsmarkt in teuren Nachhilfen nachgeholt. Die Schulpolitik reagiert darauf mit Einzelprogrammen. Die Frage, ob Schule das, was sie leisten soll, unter den gegebenen Bedingungen überhaupt in Zukunft noch wird leisten können, wird nicht gestellt.

Aus derartigen Überlegungen ergeben sich Zweifel, ob der Slogan "Noch mehr Schule", der auch über der Ganztagsschule steht, wirklich zeitgemäß ist. Dabei geht es nicht nur darum, ob die Gesellschaft dulden will, dass Rabeneltern, die ihre Kinder nur ein paar Stunden länger loswerden wollen, sich klaglos im Schatten der sozial Benachteiligten verstecken können. Es geht auch um die Frage, wie es die Freunde der Deregulierung hinzubekommen gedenken, dass dieselben Frauen, von denen sie sich bei Ladenschlusszeiten bis 24 Uhr bedienen lassen wollen, gleichzeitig daheim die liebenden Mütter geben. Und vielmehr noch geht es darum, ob der Zusammenbruch der ersten der drei Säulen von Bildung und Erziehung: Eltern, Kinder, Lehrer, einfach durch stärkere Belastung der dritten Säule kompensiert werden kann. Ein naheliegender Notplan, aber keine saubere Lösung für eine neue Statik des Gesellschaftsbaus. Die Ganztagsschule markiert eine offene Frage. Ob sie die Lösung ist, steht dahin.

00:00 26.09.2003

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare