Buffet-Kurt

Berliner Abende Kolumne

Ein Hamburger im Tschibopullover will nach fünf Kurzen einen Kaffee.

"Gibt keinen Kaffee", erklärt Kurt.

"Die Kaffeemaschine ist doch noch an."

"Wenn du Kaffee willst, dann fahr nach Hamburg und kauf dir da einen."

Der Hanseat ist groß, sieht gut aus und verdient viel Geld. Jetzt ist ihm nach Palaver und vielleicht auch nach handfestem Streit. Kurt versucht, ihn links liegen zu lassen, während er die Gäste am Buffet abkassiert. In besseren Tagen hätte er mit so einem Hamburger kurzen Prozess gemacht, aber von seiner Wildheit blieb nur noch die Gereiztheit eines siechen Kettenhundes übrig. Kurt mault die Mädchen an, die beide über 40 sind und beruflich noch nie mit ihren Nachnamen angesprochen wurden. Gewöhnlich sind sie seine Schatzis, aber jetzt ist Kurt sauer. Er ärgert sich über sich, über seine Schwäche, die eine Suffschwäche ist, und er ärgert sich über Vera, die dem Tschibopullover zu verstehen gibt, dass er von ihr jederzeit Kaffee kriegen würde, ließe man sie nur.

Die Wände sind halbhoch mit Holzpaneelen verkleidet. Das Einrichtungsholz scheint den Wurzeltrieb des Publikums zu fördern. Manche kommen wie aus dem Wald in die Kneipe. Auf einer Holzbank hält einer die Tradition hoch, der zwölf Kinder großgezogen hat. Jemand feiert einsam in seinen Geburtstag hinein. Ein altes Ehepaar arbeitet sich an den Pellen ihrer Gelbwürste ab. Die Musik konkurriert mit Lüftungsgeräuschen. Aus dem Seifenspender kommt nur Luft. Es gibt nichts zum Abtrocknen. Kurt kehrt mit nassen Händen in den Schankraum zurück. "Feierabend", sagt er.

Die Stammgäste ziehen ab ohne zu murren, morgen ist auch noch ein Tag. (Bei ihnen ist Kurt mit seinem Muffkopf sehr beliebt und wird zu allen möglichen Anlässen eingeladen. Sie finden ihn funny. Wenn sie wüssten. Kurt will nur noch ausschenken und kassieren.)

Der Tschibopullover verzichtet auf einen melodramatischen Abgang. Die Laufkundschaft an den Tischen braucht länger. Dann ist Kurt mit den Mädchen allein in der Gaststätte. Schon wieder halbzwei. Vera sucht die Aufmerksamkeit ihres Chefs. Sie will einen Keil zwischen ihn und Hasi treiben.

Hasi ist Slowakin, mit einem für Deutsche unaussprechbaren Taufnamen, und allein erziehende Mutter. Sie könnte ein besseres Leben haben mit ihrer Ausbildung als Technikerin, ihrer Mehrsprachigkeit und was auch immer noch. Kurt findet sie insgeheim verschroben. Hasi erscheint ihm nicht ganz von dieser Welt. Vielleicht ist sie religiös.

Kurt versetzt Vera eine Ordnungsschelle. Unbeholfen, wie sie nun mal ist, fragt sie: "Warum schlägst du mich?"

"Um dich daran zu erinnern, wer dir deinen Karren aus dem Dreck gezogen hat. Bild dir bloß keine Schwachheiten ein, ohne mich, mein Kind, sitzt du ruckzuck wieder auf der Straße."

"Aber ich hab doch gar nichts getan."

"Du hast dem Tschibopullover schöne Augen gemacht und bist mir in den Rücken gefallen." Vera kapiert das nicht, es ist sowieso fast alles zu hoch für sie. In ihrer Verwirrung meint sie, eine starke Reaktion zeigen zu müssen. Sie schwankt zwischen heulendem Elend und dieser Unterschichtsrenitenz, die Kurt aufregt. Er schlägt noch einmal zu, härter diesmal. Vera weicht jammernd zurück. Ihre Kläglichkeit verschafft Kurt ein gutes Gefühl.

"Guck dir die erbärmliche Sau an", sagt er zu Hasi. Sie nutzt die direkte Ansprache für eine kleine Intervention zu Veras Gunsten, die Kurt zu der Feststellung veranlasst: "Ich brauch euch beide nicht."

Hasi kriegt einen Weinkrampf, für den sie sich entschuldigt. Entnervt scheucht er die Mädchen vor die Tür.

"Ich will euch nicht mehr sehen." Auf dem Gehweg bettelt Vera erst um Wiedereinstellung, dann nur noch um den ausstehenden Lohn. Kurt erinnert sie an ihre Schulden bei ihm. Er sollte noch heute Nacht ihre Wohnung ausräumen, um sich wenigstens einigermaßen schadlos zu halten. Aber auch so ist er ganz zufrieden mit sich, als er zum Buffet zurückkehrt, um sich erstmal einen Schnaps zu genehmigen . Ein Mann in mittleren Jahren, mittelgroß, normalgewichtig. Er ächzt wie ein alter Kleiderschrank. Endlich herrscht Ruhe im Raum.


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00:00 21.01.2005

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